Was viele Wessis angesäuert hat: bis zur Wiedervereinigung lag der "Tag der Deutschen Einheit" auf dem 17. Juni, zum Gedenken an den von der Roten Armee blutig niedergeschlagenen Volksaufstand 1953 gegen das SED-Regime, für eine bessere Lebensmittelversorgung, freie Wahlen und die deutsche Einheit (für Ostalgiker: zur Verherrlichung des staatszersetzenden Aufruhrs einer Handvoll Verräter, welche von imperialistischen Agenten verführt und angestachelt, nach dem Sieg des Proletariats dank der Hilfe unserer sowjetischen Freunde jedoch ihren gerechten Strafen zugeführt wurden).
Das war ein beliebter Ausflugstag, und ermöglichte mittels einiger Brückentage auch Kurzurlaube zum Sommeranfang. Der 3. Oktober ist unter diesem Gesichtspunkt weniger attraktiv...
(Notiz: ich plädiere nach wie vor für den 9. November als Nationalfeiertag, unter dem Namen "Nationaler Gedenktag" - denn am 9. November 1918 leitete der Kieler Matrosenaufstand den Untergang der Monarchie ein und markierte den Beginn der Demokratie in Deutschland, am 9. November 1938 markierte die Reichskristallnacht einen traurigen Höhepunkt des perversen NSDAP-Unrechts gegen Deutsche jüdischer Abstammung, und am 9. November 1989 gelang den in der SBZ gefangen gehaltenen und ausgebeuteten Menschen der Ausbruch aus ihrem Zwangsarbeitslager in die Freiheit.
Der 9. November ist unser Schicksalstag! Wie kein anderer Tag symbolisiert er Höhen und Tiefen, glückliche und schreckliche Tage der deutschen Geschichte, regt er zum Gedenken und zum Nachdenken an, zum Trauern und Feiern an, mahnt und ermutigt er, macht er betroffen und stolz.
Wenn ich von klein auf wirklich etwas an Deutschland geliebt habe, dann die Abwesenheit des Holzhammer-Hurrapatriotismus, und statt dessen einen besinnlichen Patriotismus als Ausdruck von Selbstkritik, Lernfähigkeit und innerer Größe. Ich bin froh, dass ich in der Schule niemals Fahneneide aufsagen, unter Bundesflaggen oder Bildern von Bundeskanzlern lernen musste. Die Partys zur Feier ihrer Selbst, mit Fahnenschwenken und Feuerwerk, sollten wir anderen überlassen. Ein Nationaler Gedenktag als Tag der Erinnerung an eine wechselvolle, sowohl von erfreulichen, als schrecklichen Ereignissen geprägte Geschichte, an der wir aber insgesamt gewachsen sind, die uns dahin geführt hat wo wir heute sind, die uns im Vergleich zu vielen anderen Völkern der Welt ein großes Maß an Freiheit und Wohlstand gebracht hat, ist für uns einfach sinnvoller.
Nicht, weil wir nach zwölf Jahren nationalsozialistischer Schreckensherrschaft und ihren Verbrechen nicht mehr stolz auf unsere Gemeinschaft und Geschichte sein dürften - sondern weil unsere Geschichte unseren Charakter individuell geprägt hat, und wir eine eigene Form von Patriotismus entwickelt haben...)
Amber Marie Ford
Richterin am Unionsgericht
Unionsministerin der Justiz a. D.
Präsidentin des Unionsparlamentes a. D.
Unionsvorsitzende der FDU a. D.
Ministerpräsidentin des Freistaates Freistein a. D.
Oberste Unionsanwältin a. D.