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Verfasst: Fr 10. Sep 2010, 15:47
von Palin Waylan-Majere
Das Gelaber von fehlender Meinungsfreiheit und angeblich vorherrschender "political correctness" ist doch völliger Humbug. Weder wurde ihm verboten, sein Buch zu veröffentlichen und es wurde ja nun wirklich in jedem Provinzblättchen zehnmal wiedergekäut was er da abgesondert hat (plus die jeweiligen Reaktionen von allerlei Leuten darauf) - insofern ist auch von "totschweigen" keine Rede.

Manche stimmen ihm jubelnd zu, andere sagen "er hat ja (teilweise) Recht, aber sein Stil passt mir nicht", und andere sagen er ist ein Rassist/Sozialdarwinist. Meiner Ansicht nach wollte er sich selbst und sein Buch möglichst gut verkaufen und nochmal zum Ende seiner Karriere im Rampenlicht stehen - was sich natürlich wieder auf die Verkaufszahlen des Buches auswirkt.

Verfasst: Fr 10. Sep 2010, 21:53
von Laura van Middelburg
Auch wenn ich entschieden für die Meinungsfreiheit eintrete und diese in Deutschland in vielfacher Hinsicht für nicht ausreichend gewährleistet sowie ihrem ohnehin unbefriedigenden Status quo auch noch weiter gefährdet sehe, gibt es für mich dennoch nichts daran zu rütteln, dass die Annahme bestimmte Ämter und Funktionen deren Inhaber bzw. Träger für die Dauer des Amtes oder der Funktion eine Pflicht zur Zurückhaltung in öffentlichen Diskussionen auferlegt.

Die Mitgliedschaft im Vorstand der Deutschen Bundesbank ist so ein Beispiel. Als einem von der nationalen wie europäischen Politik unabhängigen Glied des Systems europäischer Zentralbanken unter dem Dach der EZB ist die Aufgabe der Bundesbank die Mitwirkung an der Sicherung der Geldwertstabilität des Euro. So wie die Politik sich aus der Arbeit der EZB und der diese tragenden nationalen Zentralbanken herauszuhalten hat, haben sich umgekehrt die "Währungshüter" aus der Politik herauszuhalten.

Es ist schlicht unangemessen, wenn ein Mitglied des Vorstandes der Deutschen Bundesbank über politische Themen ohne direkten Bezug zur Währungspolitik Bücher schreibt, Kolumnen verfasst oder Vorträge hält. Rein formal war Herr Sarrazin als Mitglied des Vorstandes der Deutschen Bundesbank in meinen Augen nicht mehr tragbar.

Zu seinen Theorien an sich: durch seinen fast ausschließlich aus Pauschalierungen, Stereotypisierungen und Polemiken bestehenden Stil disqualifiziert Herr Sarrazin sich meines Erachtens selbst als ernstzunehmender Diskussionspartner.

Er ist letztlich nur das ebenso radikale und realitätsferne Spiegelbild jener Politiker und Lobbygruppen, die er kritisiert und angreift. Weiter bringt uns das nicht.

Wer selbst Nachbarn, Arbeitskollegen, Kunden, Mitschüler o. ä. mit Migrationshintergrund hat weiß aus eigenem Erleben, dass Herr Sarrazin genau so einen Blödsinn verzapft wie - als Mitglied der Grünen darf ich dieses plakative Gegenbeispiel einmal benutzen ;) - Claudia Roth. Der "Clash der Extreme" ist zwar laut und spektakulär, auf der Sachebene aber völlig unfruchtbar.

Die etwa von der Bild-Zeitung kolportierten angeblichen 80% Zustimmung für Sarrazins Thesen und Theorien sagen nichts über die wahre Einstellung der eingesessenen Deutschen gegenüber ihren Mitbürgern mit Migrationshintergrund aus. Sondern nur über die Hilflosigkeit gegenüber einer Politik, für die Integration immer nur ein Thema für fromme Sonntagsreden ist, hinter dem aber kein ernsthaftes und brauchbares Konzept steht, das die berechtigten Interessen beider Seiten ernstnimmt.