Und auch hier (ich beziehe mich auf die "Austrittswelle" in der hessischen Linken) biete ich gerne eine pragmatische Deutung an: will Obama etwas erreichen, muss er die Konservativen besänftigen.Original von Konrad Grimm
Dass er einen aus dem anderen Lager die Predigt halten lässt, könnte auch ein Rückgriff auf seinen Satz sein, dass es nicht ein liberales Amerika und ein konservatives Amerika, sondern nur die Vereinigten Staaten von Amerika gibt. Frei nach Wilhelm II: "Ich sehe keine Parteien mehr, ich sehe nur noch Amerikaner." Ich glaube jedenfalls nicht, dass Osama sich als "Sozialkonservativer" entpuppt.
Anders als der deutsche Bundeskanzler bekommt der US-Präsident keine zu annähernd 100% zuverlässige Parlamentsmehrheit mitgeliefert. Die Demokraten halten die Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses? Schön. Hat nur nichts zu sagen. Die Unterschiede zwischen einem SPD-Abgeordneten aus Schleswig-Holstein und einem aus Bayern sind gar nichts gegen die Unterschiede zwischen einem Demokraten aus Massachusetts und einem aus Kansas.
Trotz aller berechtigten Kritik (siehe Montgomery Scott) ist Obama der liberalste US-Präsident seit Carter. Und der hatte immer noch das sozialliberale Klima der 70-er Jahre im Rücken. Obama muss gegen die gesellschaftlichen Einflüsse der Reagonomics und der evangelikalen Bewegung regieren. Ohne Einfühlungsvermögen gegenüber Neokonservativen und religiösen Rechten geht da gar nichts.
Er gehört aber immerhin zur RELIGIÖSEN Linken. Linke hier im amerikanischen Sinne. Nach dem sind fast alle Europäer mehr oder weniger links. Es ist nur klug, diesen Aspekt seiner Philosophie in den Vordergrund und über die Haltung in Sachfragen zu stellen. Denn das kann bei breiten Bevölkerungsschichten grundsätzliche Verbundenheit schaffen. Andersherum dürften auch Leute wie Rick Warren sich durchaus kooperativ geben und Seite an Seite mit Obama gemäßigte Töne anschlagen. Denn sie werden es sich mit einem für religiöse Sichtweisen offenen Präsidenten auch nicht verscherzen wollen, nur weil er eben ein Linker ist.
So funktioniert letztlich Konsensdemokratie.