Original von Pharaoh
Das Prinzip ist aber, dass man versuchen muss, jedem vergleichbare Chancen zu geben und es gehört zu einer stabilen demokratischen Gesellschaft dazu, dass Jene, die viel verdienen, der Gesellschaft durch die sie so viel verdient haben auch einen entsprechenden Teil zurückbezahlen müssen.
Das ergibt sich denke ich ganz automatisch, es ist ein natürlicher Wechselmechanismus: indem ein Unternehmer Arbeiter einstellt, also als Abnehmer der von diesen verkauften Arbeitskraft eintritt, bringt er der Gemeinschaft bereits Nutzen. Er investiert sein Kapital, um anderen Menschen eine wirtschaftliche Lebensgrundlage zu bereiten und gesellschaftlich benötigte Güter zu produzieren, was im Idealfall wiederum sein Kapital mehrt, so dass er mehr Arbeitsplätze schaffen und mehr benötigte Güter produzieren kann.
Ich sehe Arbeitgeber und Arbeitnehmer, Unternehmer und Arbeiter, Kapital und Gesellschaft in einer symbiontischen Beziehung, nicht in einem Über-Unterordnungsverhältnis. Das kann schon deshalb nicht entstehen, weil keine der beiden Seiten ohne die andere überleben kann, also eine wechselseitige Abhängigkeit besteht.
Wer wenig verdient kann nicht das wieder einzahlen, was nötig wäre, um die eigenverursachten Kosten auszugleichen, dazu verdient die Person zu wenig, deswegen müssen Reiche ein wenig mehr zahlen. Das ist das Prinzip der sozialen Marktwirtschaft. Natürlich kann man das Prinzip auch ins Absurde überziehen und komplette Gleichmacherei veranstalten, aber das will doch niemand, weil es bekanntermaßen nicht funktioniert. Aber nur weil ein Extrem nicht funktioniert und der Mittelweg nicht einfach ist, heißt das doch nicht, dass das andere Extrem, der Laissez-faire-Kapitalismus, funktioniert. Das gab es schon seit Jahrtausenden und hat steht zu Krieg und Verelendung geführt. Wer glaubt unkontrollierte Wirtschaft würde funktionieren, ist genauso realitätsfremd wie die, die vom utopischsten Kommunismus träumen.
Es gab niemals echten Laissez-faire-Kapitalismus in der Geschichte, sondern stets nur verschiedentlich deklarierte und organisierte Formen staatlich gelenkter, beeinflusster oder zumindest überwachter Wirtschaft - genossenschaftsähnliche Wirtschaftsformen der Frühzeit, mittelalterlicher Feudalismus, absolutistischer Merkantilismus, Staatskapitalismus, Sozialismus, soziale Marktwirtschaft - sie alle hatten ihre Chance, der reine Kapitalismus noch nicht. An dem hätte man ja auch nicht mehr gerührt
Tja, und warum ist das so? Sicherlich ein guter Teil Missmanagement, das muss Jeder offenkundig zugeben, aber unter anderem auch, weil die Leute nicht genügend Steuern zahlen, vor allem Jene nicht, die sehr viel verdienen. Und je mehr Verdiener sich sukzessive aus den Steuerzahlungen ausklinken, desto weniger kann der Staat für das Volk ausgeben, ergo muss es mehr selbst zahlen.
Ich räume es ja gerne ein, fingiert man eine allgemeine, progressive Steuerpflicht als gerecht, sind das deutsche Steuerrecht sowie sein Vollzug immer noch kriminell - es kann dann nicht sein, dass der Friseurin nach Abzug all ihrer gleich vom Arbeitgeber einbehaltenen und abgeführten Steuern und Abgaben nichts mehr zum Leben bleibt, während Konzerne mit Milliardenumsätzen keinen Cent (!) Steuern bezahlen.
"Der Professor aus Heidelberg" wollte das ja vom Kopf wieder auf die Füße stellen, seinem Modell nach würde die Friseurin keine Steuern mehr zahlen, und die "Global Players" immer noch weniger als sie jetzt an Kosten für bürokratischen Aufwand und Tricks aufwenden müssen um ihre Steuerschuld auf null zu rechnen, ohne dass der Staat unter dem Strich weniger eingenommen hätte.
Allein, der Souverän wollte diese Reform ja nicht. Gibt es ein eindrucksvolleres Beispiel für die Funktionsuntauglichkeit der Demokratie als Garanten für Glück und Nutzen der Regierten? :rolleyes:
Natürlich denkt niemand dort, dass alle gleich sein müssen. Geisteskrank sind die Leute vom Bau ja nicht. Aber das, was Geringverdiener an Steuern zahlen und an Kosten für das Sozialsystem verursachen, deckt die Ausgaben nichteinmal annäherungsweise. Ich gebe dir Recht, die Lösung des Problems kann nicht nur sein, die Ausgaben zu senken, sondern muss auch darin bestehen undichte Stellen zu stopfen und Bürokratie abzubauen. Aber man muss "dem Staat" auch das Recht geben zu sagen "wenn ihr weiterhin soziale Systeme wollt, müsst ihr auch aktiv dazu beitragen die Ausgaben nicht weiter explodieren zu lassen". Das ist durchaus ein valider Punkt, er wird derzeit nur leider immer mehr in den Vordergrund gedrängt, da die Wirtschaft aktiv andere Einsparungen des Staates verhindert. Die sozialen Systeme müssen überarbeitet werden, wenn sie nicht korrekt funkionieren, nicht abgeschafft. Gegen die Überarbeitung sperren sich leider vor allem die Nutznießer der Probleme und die sitzen häufig an Schalthebeln. Das bedeutet noch lange nicht, dass eine Abschaffung der Systeme sinnvoll.
Ich denke, mit Beitragssätzen von teilweise schon über 15% (erreicht von manchen Ortskrankenkassen), 20 Mark "Eintritt" beim Arzt pro Quartal (40 Mark wenn man das Pech hat, in einem Quartal sowohl zum Haus-/Facharzt, als auch zum Zahnarzt zu müssen), 100%-iger Selbstzahlung für nicht verschreibungspflichtige ärztlich verordnete Medikamente, 10 Mark Mindestzuzahlung zu verschreibungspflichtigen Medikamenten und Zusatzversicherung für Zahnersatz - habe ich etwas vergessen? Ich denke nicht... - ist die Schmerzgrenze mehr als durchbrochen. Selbst für viele Normalverdiener wäre es bald preiswerter, "herkömmliche" ärztliche Untersuchungen und Behandlungen komplett aus eigener Tasche zu bezahlen, und sich nur noch gegen Krankenhausaufenthalte u. dergl. zu versichern.
Zur Erinnerung: 66 oder 67 Cent je Euro Beitrag zur Krankenversicherung fließen nicht in Leistungen für die Versicherten, sondern werden von deren Verwaltungsappart verbraucht.
Da liegt der Hund begraben, und nicht bei Ärzten, Apotheken, Pharmakonzernen und Versicherten!
Und noch eine Erinnerung: 19% Märchensteuer auf Medikamente!
Eine Senkung der Krankenkassenbeiträge in den einstelligen Bereich (!) wäre ganz ohne Leistungseinschnitte und ohne "Bürgerversicherung" bequem machbar.
Die Chancenähnlichkeit ist durchaus vorhanden, wenn auch bei manchen Gruppen weniger ähnlich zu den anderen als bei anderen Gruppen. Ich gebe dir Recht, dass man es durch Anstrengung weit bringen, fast egal, woher man startet, aber auch nur fast. Aber wie kommst du darauf, dass man eingeschränkt wird? Es gibt eine recht freie Wahl der Schulen, wer das Geld hat, kann seine Kinder auf eine (bessere) Privatschule schicken. Wer gute schulische Leistungen erbracht hat, kann (teils mit etwas Glück) eine entsprechende Ausbildung starten und seine Ziele verwirklichen. Wo wird man denn in seiner Entfaltungsfeiheit eingeschränkt, oder besser mehr eingeschränkt als Jene, die sich keine exklusiveren Bildungsmöglichkediten leisten können?
Es mag überraschen, aber in meinen bildungspolitischen Vorstellungen erreiche ich wohl 100% Übereinstimmung mit der LINKEN
Ich halte ein Schulsystem, das 10-Jährige (!) in drei grobe Leistungsklassen einteilt, um sie dann rigide nach diesen sowie Jahrgängen getrennt halbtags mit konzentriertem Frontalunterricht zuzudröhnen, dessen Inhalte sie in regelmäßigen Abständen in Klassenarbeiten zu reproduzieren haben für mehr als anachronistisch, für schlimmer als vorsintflutlich - das ist für mich altsteinzeitlich!
Wenn ich mir die Berufe der Eltern meiner damaligen Klassenkameraden am Gymnasium so anschaue, oder die Autos mit denen diese mittags abgeholt wurden, wenn ich zum Vergleich heranziehe, welche Berufe die Eltern von Freunden oder Bekannten hatten die z. B. zur Realschule gingen und wie deren wirtschaftliche Verhältnisse waren, und wenn ich dann noch beurteilen sollte, wer meines Eindrucks wie gut an welcher Schule aufgehoben ist - tja, dann komme ich nicht umhin zu erkennen, dass in deutschen Bildungswesen etwas gewaltig faul ist, und die Statistik gibt mir ja Recht: nicht Anlagen und Begabungen entscheiden über den Bildungsweg eines Kindes, sondern vielfach Bildungsstand und Einkommen der Eltern - so ausgeprägt wie in keinem anderen Industrieland.
Wenn ich mir dann noch anschaue, wer warum z. B. mal eine Klasse wiederholen oder gar die Schule wechseln musste, dann kann ich noch weniger leugnen, dass etwas gewaltig faul ist im deutschen Bildungswesen.
Kinder und Jugendliche wird völlig unsachgerecht auf in dieser Form unbrauchbare Schultypen verteilt, und dort dann auch nicht gemäß jenen Phantomen ihrer angeblichen Bedürfnisse, nach denen verteilt wurde, gefördert, sondern in einem völlig durchstandadisierten Massenverfahren durchgewunken oder nachträglich aussortiert. Im Ergebnis erhalten zahlreiche Kinder und Jugendliche keine ihren Bedürfnissen entsprechende und ihr Potenzial optimal fördernde Ausbildung, was ihre beruflichen Chancen lebenslang belastet und schmälert.