Original von Melissa Adelaide
Es zeigt, dass die Nettoarbeitseinkommen zu niedrig sind.
Ja und nein. Was Niedriglohngruppen angeht ist die direkte Steuerbelastung zu vernachlässigen. Hier könnte man fast nur an den indirekten Steuern und Abgaben etwas verändern.
Denn dass die Einkünfte sowohl von Alg II-Empfängern als auch zahlreichen Berufstätigen tatsächlich unterhalb des soziokulturellen Existenzminimums liegen dürfte unbestritten sein.
Man kann leben von ALG II. Nicht üppig, aber durchaus mit gewissen Standards, wie Fernsehen, Auto, anständige Wohnung etc. Es ist eine Frage der gesellschaftlichen Umverteilung (im Spannungsfeld mit dem ökonomisch sinnvollen und dem kulturell wünschenswerten) die Zuteilung innerhalb des Sozialstaats festzulegen. Über die Grundversorgung durch ALG II hinaus ginge dann z.B. der Schritt zum sogenannten bedingungslosen Grundeinkommen.
Nur kann auch die FDP das nicht wirklich wollen, denn ihre Klientel besteht ja nicht nur aus Selbstständigen, sondern zu einem erheblichen Anteil auch aus Beamten des höheren Dienstes (ab Besoldungsgruppe A 13 aufwärts).
Der Anteil der höheren Beamten an den FDP-Wählern ist meines empirisch-demoskopischen Wissens nach relativ nicht sonderlich hoch. CDU, SPD und an der Spitze die Grünen haben hier größere Wähleranteile.
Wird in einem Beruf nicht mehr oder kaum noch ausgebildet ist die Botschaft, dieser Beruf sei überflüssig.
Das Gefühl in irgend einer Form "dazu zu gehören" ist in der Tat einer (von mehreren) menschlichen Bedürfnissen.
Ich bin überzeugt, darum hat die FDP niemals wirklich vorgerechnet, wie sie gleichzeitig die Steuern senken und den Haushalt ausgleichen will.
Das Spannungsfeld zwischen Haushaltssanierung und möglicher solider Haushaltspolitik und Steuersenkungen ist interessant. Es ginge nur über Schulden machen (Keynes) oder Ausgaben einsparen (Friedman). Und zweiteres ist derzeit nicht umfassend möglich.
Für einen großen Wurf - Steuersenkung bei gleichzeitigem größerem Abbau von Staatsausgaben - wird also nicht gelingen. Damit steht aber nur noch die Steuersenkung zur Debatte. Und die wird unter diesen Vorzeichen von CDU, SPD, Grünen und Linken zurecht als nicht mehr finanzierbar bezeichnet.
Und das sind für die FDP anteilig an ihrer Stammwählerschaft mehr Leute als etwa für die Linke Alg II-Empfänger.
Es gibt ja auch verschiedene Perspektiven auf das Thema Reformfähigkeit und Verteilungskämpfe einer Gesellschaft:
Neben der ideologischen, der rational choice, der Sozialmilieus, der individualpsychologischen, etc. auch die demographische Perspektive. Diese ist meiner Meinung nach auch wichtig und prägt gesellschaftliche Prioritäten und Forderungen ("demands") an das politische System deutlich mit.
Zuletzt geändert von Ot Helfsen am Mo 15. Feb 2010, 20:22, insgesamt 1-mal geändert.