Das wäre natürlich mal eine Geste gewesen: der US-Präsident lehnt den Friedensnobelpreis ab und erklärt dazu, z. B. chinesische Dissidenten hätten ihn mehr verdient. Darüber, dass das so ist, brauchen wir wohl nicht zu streiten.Original von Rafael van der Linden
Aber ironischerweise bezeugt Obama mit seinem Verhalten gerade, dass das norwegische Parlament mit seiner Einschätzung Recht hatte! Er ist gerade kein kompromissloser Moralist, sondern ein Meister der diplomatischen Rhetorik. Er geißelt - keinesfalls zu Unrecht - soziale Missstände in der westlichen Welt. Aber vermeidet zugleich Konfrontationen, indem er solche menschenverachtenden Regimes verschont und sogar aufwertet, die die USA nicht durch eine Invasion beseitigen könnten.
Macht ihn das nun zu einem gerade würdigen oder gerade unwürdigen Preisträger? Es ist eine Frage des Standpunktes: 1935 erhielt der Publizist Carl von Ossietzky den Friedensnobelpreis, der damals als Gegner des NS-Regimes im KZ Esterwegen inhaftiert war. 1970 erhielt Alexander Solschenizyn zwar nicht den Friedensnobelpreis, aber für sein schriftstellerisches Wirken im Geiste der Humanität und gegen das kommunistische Regime in der UdSSR den Nobelpreis für Literatur. Mutige Männer, Obama mit ihnen zu vergleichen wäre eine Frecheit - ihn, den wohlhabenden Anwalt in einem freien Land, kostet sein Idealismus schließlich nichts.
Aber letztlich sind Regimes wie in Moskau und Peking unberechenbar. Und kompromisslose Propaganda westlicher Werte und Ideen - wie durch die US-Regierung unter Bush jr. - ist einem zumindest friedlichen Miteinander nicht unbedingt zuträglich. Obamas Auftreten auf dem internationalen Parkett öffnet mindestens die Möglichkeit, für alle drei Großen - also die USA, Russland und China - relevante Probleme wie das iranische Atomprogramm in einer kollegialen Atmosphäre zu bearbeiten und gemeinsam Lösungen zu finden, die für keine der Weltmächte einen Gesichtsverlust bedeuten.
Auf seine Weise auch ein Beitrag zum Weltfrieden...

