Original von Kreittmayr
Mehr als auf Deinen denkmethodischen Fehler in dieser Sache hinweisen, kann ich nicht. Ihn korrigieren musst Du selber, wenn Du das denn willst. Und ich weiß, dass das nicht unbedingt leicht ist, Fehler _solcher_ Art zu korrigieren.
Ach, das Argument kenn ich doch schon. Es ist uralt, Du findest es - wie Du bestimmt auch weisst - in der griechischen Philosophie bei mehreren Autoren, namentlich insbesondere bei Epikur (aus dem Kopf: der Tod geht uns nichts an, denn sind wir, ist er nicht, ist er, sind wir nicht; wer hat mir Rationalismus vorgeworfen...?). Es geht ja nicht um die intellektuelle Einsicht. Aber Du hast eben völlig recht: unser Gehirn ist so angelegt, dass es einen Sinn für Handeln sucht. Das hat sich evolutionär bewährt, denn es hat unser Gehirn zu einem höchst leistungsfähigen Werkzeug gemacht. Aber damit ist auch das Bedürfnis nach einem "Sinn für alles" in uns angelegt. Und den kann -ich- nicht so einfach wegrationalisieren. Er ist wie eine Wunde, die nicht heilt. Eine unerfüllbare Sehnsucht. Und die Einsicht, dass unsere Zeit begrenzt ist, dass unser Wirken und Werken am Ende in weniger als einem Augenblick der Ewigkeit wieder erlöschen und vergessen sein wird, das ist ebenfalls deprimierend; "all we are is dust in the wind..."
Die allermeisten Menschen verdrängen diese Einsichten (häufig unterstützt durch die Suche nach einem Rausch und Ablenkung) oder flüchten sich in die Religion. Das erste will ich nicht, weil ich es HASSE, meinen Verstand zu betäuben. Und in das zweite gibt es keinen Weg zurück; wenn Gott einmal tot ist, dann bleibt er tot.
Natürlich, ich sehe auch die guten Seiten. Dass es keinen "Sinn des Lebens" gibt, ist die Vorbedingung der Freiheit. Wir können auch nicht verfehlen, wie das die Menschen auf dem religiösen oder sonst ideologischen Weg tun können; keine Sünde, kein Richter außer uns selbst.
Die befriedigendste Antwort, die ich bisher gefunden habe, liegt nahe an Camus "Sisyphos". Es ist - Trotz. Trotz dem Schicksal und auch allen, die unter ihm zerbrochen sind. Der Wille zu kämpfen, auch wenn der Kampf nicht zu gewinnen ist, sondern der einzige Triumph darin liegt, durchzuhalten. Das Ich mag eines Tages erlöschen - aber es soll
ungebrochen in den Tod gehen.
Vielleicht ist es so - aber der Gedanke kommt mir grade erst, ich habe ihn noch nicht lange durchdacht -, dass die Weisung des Polonius an Laertes bei Shakespeare den wichtigsten Satz enthält: "Dies über alles: sei dir selber treu." Daraus scheint mir auch zu folgen, dass man die Realität nicht verdrängen darf, und der beständige Wunsch, trotz allem das in den eigenen Augen richtige zu tun. Flüchte nicht vor dem Schicksal, flüchte nicht vor der Wirklichkeit, flüchte nicht vor dir selbst. Hm. Gar nicht so weit weg vom Objektivismus, hm?

Zuletzt geändert von Anonymous am Do 5. Feb 2009, 11:00, insgesamt 2-mal geändert.