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Original von Rafael van der Linden
Ja, durchaus, auch berechtigt. Allerdings wollte ich es grundsätzlich noch mal festhalten, weil Du die Ökonomie praktisch als fast gleichgeschaltet "neoliberal" darstellst. Tatschlich kommen aber auch aus diesem Fachgebiet die verschiedensten Ansätze und Theorien, ein Großteil davon deutlich entfernt vom eigentlichen Neo-/Ordoliberalismus.

Also doch eine willkürliche Umdefinierung als Kampfbegriff je nach Brauchbarkeit für die Instrumentalisierung?
Nein, keineswegs willkürlich. Aber ein empirischer Umgang mit poltiischen Begriffen und bei "Neoliberalismus" hat eben tatsächlich ein Bedeutungswandel stattgefunden. Genauso wird ja auch heute über die Sowjetstaaten als "Sozialismus" oder Kommunismus" geredet, was nun beim besten Willen unzutreffend ist. Trotzdem ist dieser Wortgebrauch heute etabliert.
Die deutsche Variante des "Neoliberalismus" ist der Ordoliberalismus. Der hatte seine Wurzeln im klassischen Liberalismus und dem neuen, sozialstaatlicheren Ansatz von Hayek, Rüstow, Röpke, etc.
Dieser liberale Ansatz war von Beginn der BRD an politisch wie akademisch kein Mainstream. Es war mehr oder weniger Zufall, dass sich eine Mischung aus (grob) Christsozialem und neo-/ordoliberalen Ansätzen in dem Modell der "Sozialen Marktwirtschaft" durchgesetzt hat.
Ideengeschichtlich mag das stimmen aber real besteht eben ein himmelweiter Unterschied zwischen (durchaus in Teilen antikapitalistischen) ordoliberalen Ideen und der Politik der Parteien und Politiker, die sich seit den 70er Jahren mehr oder weniger explizit auf neoliberale Ideen berufen haben.
Und zu diesem Ansatz kamen im Laufe der Jahre immer mehr interventionistische und sozialstaatliche Elemente hinzu, nicht weg.

Seit den 70er-Jahren geht es angeblich ja immer "neoliberaler" zu in Deutschland. Das mag für einzelne Teilbereiche der Wirtschaftspolitik durchaus stimmen, dass hier weniger Keynes und etwas mehr ordoliberal praktiziert wird.
Es sind jedoch seit diesen 70er-Jahren in Deutschland
- die Sozialtransfers massiv gestiegen,
- der Anteil der Sozialausgaben am Haushalt keineswegs zurückgegangen und
- die staatliche Sozialpolitik hat sich deutlich ausdifferenziert, d.h. viel mehr verschiedene Förder- und Versorgungsleistungen entwickelt.
Das siehst Du aber etwas zu eindimensional. Richtig ist, dass die Sozialleistungen in der Summe keinesfalls zurückgegangen sind. Natürlich ist unter Kohl auch keineswegs der neoliberale Umschwung eingetreten, der in der gleichen Zeit im angelsächsischen Raum zu beobachten war. Allerdings solltest Du auch die umfassende Privatisierung, die spätestens seit den 90er Jahren im Gange ist, berücksichtigen. Dass heute die großen Staatsunternehmen privatisiert sind oder unmittelbar davor stehen, trägt ganz eindeutig neoliberale Handschrift. Auch nimmt die angebotsorientierte Wirtschaftspolitik heute eine klare Vormachtstellung ein.
Es gibt also keinen sachlichen Grund anzunehmen, dass es in Deutschland (ausgerechnet seit den 70er-Jahren) immer "neoliberaler" bzw. mit weniger Staat zugehen würde. In vielen Bereichen wurde schon seit den 60er-Jahren das ursprüngliche ordoliberalere Konzept der "Sozialen Marktwirtschaft (SM ;) )" deutlich zu mehr Interventionismus hin verändert.
In manchen Gebieten wurden wiederum (haushaltspolitisch) ausufernde Veränderungen an diesem Konzept wieder etwas, aber selten ganz, zurückgenommen, dafür wurde der interventionistische Gedanke in vielen Gebieten schrittweise immer weiter ausgebaut (teilweise mit positiven, teilweise mit negativen Ergebnissen - aber die Wertung dessen ist nochmal was anderes, die Tatsache kann man jedoch wertfrei festhalten). In manchen Gebieten kam es wirklich seit den 80er-Jahren zu einer liberaleren Handschrift, in sehr vielen anderen wurde jedoch auch der Sozialstaatsgedanke weiter ausgebaut.
Ja, Deutschland war in der sozialen Frage tatsächlich ein Nachzügler. Erst Schröder hat da Fakten geschaffen, was ja aus ganz realem Handlungsdruck passierte aber die Messlatte eben ausgerechnet bei den Arbeitslosen anlegte. Und ironischerweise hat die Maßnahme, Arbeitslosen jetzt genau auf die Finger zu schauen, dass sie ja keine unberechtigte Leistung erhalten, ja keinesfalls Geld eingespart. Aber es gibt haufenweise Ein-Euro-Jobber und panische Arbeitssuchende für die Privatwirtschaft.
Wir haben auf jeden Fall eine "gemischte Politik", die verschiedene Konzepte in sich trägt, die sich teilweise meiner Meinung nach sehr gut ergänzen und teilweise widersprechen.
Was den Gegensatz Liberalisierung/Interventionismus im strengen Sinne angeht, hast Du da sicher recht. Aber die kritische Analyse des Neoliberalismus geht auch keinesfalls davon aus, dass der Staat sich tatsächlich zurückgezogen hat.

Was viel mehr kritisiert wird, ist a) die allgemeine Marktgläubigkeit, die dahin führt, dass man sich Mindestlöhnen grundsätzlich verweigert und es für unabdingbar erhält, die öffentlichen Dienste zu privatisieren, b) die Instrumentalisierung liberaler Forderungen, die z. B. zur Folge hat, dass die Industrienationen der Dritten Welt den Abbau von deren Freihandelshemmnissen diktiert hat und im Gegenzug ihre eigene Industrie weiter hoch subventioniert und die Weltmärkte mit viel zu günstigen Waren überschüttet und c) die Aufgabe korporatischer Leitlinien auf der einen Seite und den ausufernden Lobbyismus auf der anderen.
 

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Beitrag von Konrad Grimm »

Original von Rafael van der Linden
Ich nicht. Ein sozialstaatliches Wohlfahrtsmodell mit neo-/ordoliberalem Wirtschaftsrahmen hat sich in den 50er- und 60er-Jahren in der BRD bewährt.
Ich stimme da Ludwig von Mises zu: Jede Zwischenform zwischen Liberalismus und Sozialismus ist noch ineffizienter als die beiden Pole, und führt ihrer eigenen Ineffizienz wegen schließlich zwingend in den Sozialismus.

Wobei ich noch weiter gehe und sage: Jede Form von Gesellschaft und Zivilisation endet im Sozialismus - societas ist nicht Grundlos die sprachliche Wurzel von Sozialismus. Die Frage ist: Was ist der Mensch? Ist er wirklich ein soziales Wesen? Sind wir eher mit staatenbildenden, sozialen Ameisen und Bienen zu vergleichen, oder doch mit einzelgängerischen Raubtieren wie dem Leoparden oder dem Bären? Oder haben wir vielleicht sogar die Wahl?
 

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Original von Konrad Grimm
Sind wir eher mit staatenbildenden, sozialen Ameisen und Bienen zu vergleichen, oder doch mit einzelgängerischen Raubtieren wie dem Leoparden oder dem Bären? Oder haben wir vielleicht sogar die Wahl?
Ich tippe nach derzeitigem Wissensstand evolutionsbiologisch darauf, dass wir eine Mischform sind. ;)
 

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Rafael van der Linden, Kellner im Café Sonderbar Manuri
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Beitrag von Konrad Grimm »

Original von Rafael van der Linden
Ich tippe nach derzeitigem Wissensstand evolutionsbiologisch darauf, dass wir eine Mischform sind. ;)
Wo ist die Mischform zwischen Individuum und Kollektiv? Das Rudel, beim Menschen auch "Familie" genannt? Die Abgrenzung zu jedem anderen Kollektivismus scheint mir willkürlich. Entweder Individuum oder Kollektiv, ein Drittes scheint es mir nicht zu geben.
 

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Doppel-As
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Doppel-As
Man darf da den Faktor "Erziehung" nicht vernachlässigen, also ganz einfach, in welchem Umfeld man aufwächst. Mischform ist da wahrscheinlich die "richtigste" Antwort.

In Nordamerika hat es vor dem Eindringen der Europäer einige Stämme gegeben, die so gelebt haben, dass man es eigentlich als Kommunismus bezeichnen muss. Und das hat funktioniert, ohne Neid.

Aber sobald Menschen, die eben diesen Neid besaßen, in deren Kulturraum eindrangen, wars vorbei mit dem Frieden.

(Man könnte jetzt natürlich auch sagen, Kapitalismus wär' ein Virus, der sich bei Kontakt mit Infizierten rasant ausbreitet :D)
 

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Leif Kyrkogård
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In Nordamerika hat es vor dem Eindringen der Europäer einige Stämme gegeben, die so gelebt haben, dass man es eigentlich als Kommunismus bezeichnen muss. Und das hat funktioniert, ohne Neid.
Weiß man das so genau? Neid ist ja eine eigentlich universelle menschliche Eigenschaft. Und viele dieser Stämme haben regelmäßig Krieg gegen andere Stämme geführt. Durchaus wahrscheinlich nach gewissen Traditionen und in gewisser Weise "wild-urtümlicher". Aber an ein Paradies vor der Zivilisation glaube ich nach bisherigem Kenntnisstand nicht.
(Man könnte jetzt natürlich auch sagen, Kapitalismus wär' ein Virus, der sich bei Kontakt mit Infizierten rasant ausbreitet :D)
Naja, Handel betrieben haben die Indianer auch und diesen Kapitalismus, im Sinne von Sparen und Handeln gibt es schon seit frühen Menschenzeiten.
 

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Rafael van der Linden, Kellner im Café Sonderbar Manuri
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Beitrag von Kreittmayr »

Original von Konrad Grimm
Ist er wirklich ein soziales Wesen? Sind wir eher mit staatenbildenden, sozialen Ameisen und Bienen zu vergleichen, oder doch mit einzelgängerischen Raubtieren wie dem Leoparden oder dem Bären? Oder haben wir vielleicht sogar die Wahl?
Weder noch. Wir sind kontraktuale Lebewesen.
 

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Beitrag von Kreittmayr »

Original von Konrad Grimm
Entweder Individuum oder Kollektiv, ein Drittes scheint es mir nicht zu geben.
Künstliche Dichotomien sind schon toll.

Kooperation auf freiwilliger, kontraktualer Basis sagt Dir nichts?
 

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Beitrag von Konrad Grimm »

Original von Kreittmayr
Kooperation auf freiwilliger, kontraktualer Basis sagt Dir nichts?
Verein von Eignern ;)

Temporäres Phänomen. Ist auch bei biologischen Einzelgängern gegeben - Bären in der Paarungszeit z.B.
Kooperation, solange es im beiderseitigen Interesse liegt, Bündnis für gleiche Ziele, dann Rückkehr in den Urzustand des Kampfs ums Dasein.

Wenn Du dagegen den üblichen contract social meinst, so sehe ich in dem nicht viel mehr als die Fiktion, die das menschliche Ameisenverhalten verdecken soll.
 

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Original von Konrad Grimm
Wobei ich noch weiter gehe und sage: Jede Form von Gesellschaft und Zivilisation endet im Sozialismus
Also doch ein orthodoxer Marxist? ;)
 

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