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Im Grunde sind sich Liberalismus und Sozialismus in ihren Eingangsüberlegungen und Zielvorstellungen einig: jeder Mensch soll frei sein, seine individuellen Anlagen zu entfalten, und diese Freiheit hat auch eine materielle Dimension. Wer nicht aus eigener Kraft die Aufwendungen für eine behagliche Unterkunft, nicht nur körperlich sondern auch seelisch sättigende Verpflegung usw. bestreiten kann, der ist schlicht nicht frei.

Solange ich nicht auf einer einsamen Insel sitze, endet meine Freiheit dort, wo die des anderen beginnt. Das hat sogar weniger mit Ethik, über die man streiten kann, zu tun als mit gesundem Menschenverstand, über den man nicht streiten kann. Will ich meine Freiheit als Grundlage meines Daseins erhalten, dann darf ich durch mein Handeln auch meinem Nächsten seine Freiheit nicht nehmen - sonst lebe ich in der beständigen Gefahr, dass dieser den Spieß irgendwann herumdreht.

Es hat rein gar nichts mehr mit dem Streben nach Freiheit von Unternehmertum und Wettbewerb zu tun, wenn ein Josef Ackermann (ich greife hier der Bequemlichkeit halber auf ein bekanntes und populäres Feindbild zurück ;)) sich - ja, wofür eigentlich genau? - in einem Jahr achtstellige Beträge auf sein Konto schaufelt, während die Frau die sein Büro putzt Aufstockungsunterhalt von der ARGE bezieht, um eine ausreichende materielle Lebensgrundlage zu haben.

Wer in den Schlachtruf "Liberté, Égalité, Fraternité" der Französischen Revolution gleich stalinistische Anwandlungen hineninterpretiert, hat nichts verstanden (gell, Herr Prof. Hoppe? :evil: ). Die Schöpfer der US-amerikanischen Unabhänggkeitserklärung und Verfassung etwa, gerne zu einer Art "Kapitalistischem Manifest" erhoben, hätten sich niemals träumen lassen, zur moralischen Rechtfertigung einer welchen Welt diese Dokumente einmal würden herhalten müssen. Sie hatten eine natürliche Gleichheit als Grundlage jeder echten Freiheit im Sinn.

Aber auch Theoretiker des Sozialismus haben einen kapitalen Fehler gemacht, indem sie das Mittel zur Tugend gemacht haben - den Kollektivismus. Dass - mit einem modernen Begriff gesprochen - Arbeitnehmer zusammenwirken um ihre nicht gemeinsamen, sondern gleichartigen Ziele zu erreichen, hat wiederum nichts mit Ethik, sondern mit Klugheit zu tun. In ihrer Zahl liegt ihre Stärke. Jeder liberal denkende, das heißt auf seine Freiheit, das heißt (auch) auf seine materielle Existenz bedachte Arbeitnehmer sollte an seinem ersten Arbeitstag eines tun: sich mit seinen Arbeitskollegen gewerkschaftlich organisieren.

Denn eigentlich sind Gewerkschaften zutiefst kapitalistische Organisationen: Ziel ihrer Mitglieder ist es, ihre Arbeitskraft zum bestmöglichen Preis - unmittelbar (Arbeitseinkommen) wie mittelbar materiell (betriebliche Mitbestimmung) - zu verkaufen.

Was sich heute als Kapitalimus/Liberalismus und Sozialismus antagonistisch gegenübersteht, sind letztlich zwei Pole der Perversion der selben Sache, dem Streben nach Freiheit durch materielle Sicherheit und wirtschaftliche Entfaltungsfähigkeit.

Freiheit ist ohne ein Mindestmaß an Solidarität nicht zu erreichen. Die FReiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Wirtschaftliche Entfaltung auf Kosten der wirtschaftlichen Existenz des anderen ist keine Freiheit mehr, sondern Ausbeutung.
 

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Tennessee Julianne Rockefeller
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Beitrag von Kreittmayr »

Ich stimme Dir nicht zu, habe aber keine Lust, alle Punkte, denen ich nicht zustimmen, jetzt ellenlang auseinanderzupfriemeln.
 

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Du hast auf jeden Fall ein paar sehr interessante Punkte angeschnitten.
Freiheit ist ohne ein Mindestmaß an Solidarität nicht zu erreichen. Die FReiheit des einen endet dort, wo die Freiheit des anderen beginnt. Wirtschaftliche Entfaltung auf Kosten der wirtschaftlichen Existenz des anderen ist keine Freiheit mehr, sondern Ausbeutung.
Der Punkt ist eben, dass "der typische Liberale" gerne argumentiert, wirtschaftliche Entfaltung könnte 1) gar nicht auf Kosten anderer gehen, weil die "Leistungsträger" (die auch an sehr abenteuerlichen Stellen im System verortet werden) ja mit ihrem Streben für den Wohlstand der ganzen Nation sorgen und 2) sei wirtschaftlicher Erfolg moralisch legitimiert, sofern er nur auf Basis von Eigentumsrecht und Vertragsfreiheit erworben worden ist. Für "Ausbeutung" lässt der Liberalismus also gar keinen Platz.

Dabei werden aber meiner Meinung nach mehrere Aspekte ausgeblendet: Zum einen haben wir es im gesamten Zeitalter des Kapitalismus mit dem Erbe dessen zu tun, was Marx "ökonomischen Sündenfall" nannte, also die Ungleichverteilung des Kapitals durch Expropriation der Landbevölkerung, "Wucherkapital" etc., nachzulesen in Band I des Kapital, Kapitel "Die sogenannte ursprüngliche Akkumulation". Was nun typisch für den Kapitalismus ist, ist die Tatsache, dass diese Ungleichheiten reproduziert werden. Das geschieht auf vielen verschiedenen Wegen, lange nicht nur über das Erbrecht sondern auch über das Bildungssystem, den Habitus etc.

Zum anderen ist zu berücksichtigen, dass im Kapitalismus nicht einfach Konkurrenten im Wettbewerb um wirtschaftlichen Erfolg sind und die Macht durch den Staat demokratisiert ist. Im Gegenteil herrschen in der Wirtschaft starke ökonomische Machtverhältnisse, die nur insofern "liberalisiert" sind, als dass sie nicht mit Gewalt forciert werden dürfen. Dazu gibt es ein anschauliches Zitat von Herbert Marcuse: "Die freie Wahl der Herren schafft die Herren oder die Sklaven nicht ab." Dieses Bild ist natürlich noch sehr stark an dem der klar ausdifferenzierten Arbeiterklasse des 19. Jahrhunderts orientiert, trifft den Nagel aber auf den Kopf: Der Arbeiter (oder Angestellte) ist durch verschiedenste Zwänge in seiner Rolle gefangen. Er kann zwar den Arbeitgeber wechseln (aber auch das ist heute kaum noch eine Option) aber weder in die Subsistenzwirtschaft noch in die Selbstständigkeit ausweichen.
 

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Beitrag von Konrad Grimm »

Original von SRM
Hm? Ich sehe einzelne Banken nicht als systemrelevant an. Wenn ein Unternehmen nicht mehr marktfähig ist, verschwindet es vom Markt und wird durch andere ersetzt. Da braucht es den Staat nicht.
Ein Quark... Kippt eine, kippen alle.
 

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Original von Montgomery Scott
Der Punkt ist eben, dass "der typische Liberale" gerne argumentiert, wirtschaftliche Entfaltung könnte 1) gar nicht auf Kosten anderer gehen, weil die "Leistungsträger" (die auch an sehr abenteuerlichen Stellen im System verortet werden) ja mit ihrem Streben für den Wohlstand der ganzen Nation sorgen und 2) sei wirtschaftlicher Erfolg moralisch legitimiert, sofern er nur auf Basis von Eigentumsrecht und Vertragsfreiheit erworben worden ist. Für "Ausbeutung" lässt der Liberalismus also gar keinen Platz.
Der klassische Liberalismus trägt als idealisierter Gegenentwurf zum Merkantilismus klar utopische Züge, geht vor allem von einem völlig irrealen Menschenbild aus. Er basiert auf der Grundannahme, dass unternehmerische Betätigung immer und wesensimmanent eine gemeinnützige Dimension entfalte.

Was er schlicht nicht berücksichtigt ist eine menschliche Charakterschwäche, welche gemeinhin als "Bauernschläue" bezeichnet wird: der Irrglaube, man selbst und nur man selbst allein sei so clever, ein Schlupfloch im System zu entdecken und für sich auszunutzen. Ein Beispiel für solch bauernschlaues Vorgehen ist die Verlagerung von Produktionsstätten und somit Arbeitsplätzen in sog. Niedriglohnländer. Der klassische Liberalismus hält dieses Vorgehen für schon theoretisch ausgeschlossen, weil er darauf verweist, dass die eine Ware produzierenden Arbeiter auch deren Endabnehmer sind, also über ausreichendes Einkommen verfügen müssen um auch konsumieren zu können was sie produzieren.

Das von konservativen und rechtsliberalen Wirtschaftspolitikern in neidvollen Elegien besungene Japan ist ein trauriges Beispiel dafür, dass man sogar ganze Volkswirtschaften darauf aufbauen kann Menschen Waren produzieren zu lassen, die sie selbst gar nicht erschwingen können, solange es andere Volkswirtschaften gibt, in denen das notwendige Einkommen vorhanden ist.

Das hat für die japanischen Unternehmer ganz wunderbar funktioniert, solange es etwa mit der Bundesrepublik als einem der wichtigsten Handespartner Japans eine sog. Mittelstandsgesellschaft mit überwiegend breit gestreutem Wohlstand gab, zu dessen Schöpfung sie nichts beitragen mussten, den sie aber bequem abschöpfen konnten. Diese Wirtschaftsweise gerät jedoch in den Krise, wenn die wohlhabende Mittelstandsgesellschaft durch Arbeitslosigkeit, sinkende Realeinkommen und eine sich auftuende Kluft zwischen Arm und Reich zerfällt, wie wir es derzeit erleben.

Es waren tatsächlich die Verlockungen des japanischen Modells, den Input zu minimieren durch die Einforderung immer höherer Arbeitsleistungen bei zugleich sinkender Entlohnung und damit einhergehend einer Senkung des Lebensstandards, sowie der fortschreitenden Privatisierung der materiellen Daseinsvorsorge, andererseits durch erhöhte Produktivität bei eben verringerten Kosten den Output zu maximieren, die den breiten Wohlstand der ersten Nachkriegsjahrzehnte etwa in der Bundesrepubolik zerstört haben. Dessen Erfolgsgeheimnis war schlicht die weitesgehend ausgewogene Teilhabe aller am gemeinsam erwirtschafteten Erfolg. Als dieses Modell in Frage gestellt und untergraben wurde, begann der ökonomische Abstieg. Einige wenige glaubten und glauben, sie könnten ihr Stück vom Kuchen zu Lasten vieler anderer vergrößern. Sie wollen gerade nichts mehr investieren - durch angemessene Entlohnung, befriedigende Arbeitsbedingungen, Motivation durch Mitbestimmungsmöglichkeiten. Das sollen andere Dumme leisten, sie wollen nur noch Profit abgreifen. Dass das dauerhaft nicht funktionieren kann, weil es das Prinzip der Nachhaltigkeit außer Acht lässt, ist eigentlich genauso simpel wie die Formel, auf welche man diese Erkenntnis gebracht hat: "Kühlschränke (oder Fotohandys, Digitalkameras, Autos...) kaufen keine Kühlschränke (Fotohandys, Digitalkameras, Autos...)". Aber die Verlockung siegt eben über die Klugheit...
 

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Tennessee Julianne Rockefeller
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Beitrag von Kreittmayr »

Original von Tennessee Rockefeller
Er basiert auf der Grundannahme, dass unternehmerische Betätigung immer und wesensimmanent eine gemeinnützige Dimension entfalte.
Ja, das ist eine völlig irrige Prämisse. Kapitalismus und Altruismus gehen nicht zusammen. Man kann nicht proklamieren, dass der Mensch einerseits seine einzige Daseinsberechtigung aus seinem Dienst am Nächsten hat, und gleichzeitig noch behaupten, dass es soetwas wie ein Recht auf das Streben nach dem _eigenen_ Glück gibt. Beides schließt sich aus. Wer Kapitalismus will, muss ihn als egoistisch rechtfertigen, nicht in Bezug auf irgendein "Gemeinwohl". Wenn private vices public benefits produzieren, dann ändert das nichts daran, dass es noch immer vices sind, und Moral schlägt eben Effizienz. Insofern hat der originäre Liberalismus seine eigene Niederlage schon eingebaut gehabt.

Interpretiere ich Deinen Post übrigens falsch, oder folgst Du inzwischen Thorsten darin nach, deine "libertären" Attitüden abzulegen?
 

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Sophia Kreittmayr (FVP), Präsidentin des Unionsrates
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Nicht bös sein, das ich diesen alten Thread wieder ausgrabe, aber ich halte das für wichtig:

Der Liberalismus geht von einer m.E. falschen Grundprämisse aus (genauso wie dein Objektivismus, Sascha): Das formale Gleichheit der Menschen das einzige notwendige wäre. Das ist aber gerade das Gegenteil einer lebenswerten Gesellschaft. Denn formale Gleichheit sagt noch nichts über tatsächliche Gleichheit aus, und Marktliberalisierung bedeutet noch nicht, das es den Menschen gut geht.
 

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Kathryn Janeway-Palm
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Beitrag von Rahninedschad »

Oder wie Keynes das sagte "Capitalism is the astounding belief that the most wickedest of men will do the most wickedest of things for the greatest good of everyone." ^^
 

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Vielleicht ist deshalb aber auch Religion so wichtig, die im Gegensatz zu einem Gesellschaftsmodell den Menschen als Wesen in den Mittelpunkt stellt, um dessen seelisches Wohlergehen das Wohlergehen anderer Menschen wichtig ist.^^
 

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Beitrag von pjotr »

Find es ja schon ein wenig zynisch, eine menschen- und vor allem körperfeindliche Organisation wie die Kirche hinzustellen und zu sagen, sie stelle den Menschen in den Mittelpunkt...
 

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