Original von Rafael van der Linden
Festhalten kann man meiner Meinung nach:
Ich habe auch nicht behauptet, dass es sich dabei um vorsätzliche Diskriminierung handelt.
Eine einseitige Interpretation aufgrund einer materialistischen Grundannahme: "Der materielle Umstand bestimmt allein über das Bewusstsein."
Das ist nicht einseitig, das ist in der Sozialisationsforschung seit 100 Jahren Standard und nicht aus "einseitigen" Gründen sondern weil es wissenschaftlich geboten ist.
Dass intelligente Menschen leichter Abitur machen ist z.B. ein Aspekt unabhängig von ihrer materiellen Herkunft.
Du machst es Dir zu leicht. Intelligenz ist eine soziale Konstruktion. Sogar in der recht positivistisch orientierten Psychologie ist es Lehrmeinung, dass der Begriff vom sozialen Kontext abhängig und nicht genau definierbar ist.
Dass Kinder, die von ihren Eltern schon früh Bücher zu lesen bekommen und denen bei den Schularbeiten geholfen wird es leichter haben ihre (individuell vorhandenen) Möglichkeiten zu erkennen ist natürlich, aber erst mal keine Frage des Bildungssystems. Erst im Umgang damit - das Erkennen und Fördern der jeweiligen Neigungen und Talente - ist dann eine Bildungsfrage. Dabei können 8 Jahre gemeinsames Lernen durchaus helfen. Aber die Neigungen und Talente werden auch 20 Jahre gemeinsames Lernen nicht ändern. Daher muss vor übertriebenen - ideologisch oder idealistisch motivierten - Erwartungen an Einheitsschulen gewarnt werden.
Übertriebene Erwartungen darf man nicht haben, das ist wahr. Vorallem nicht von dieser rein strukturellen Maßnahme, der weitere Maßnahmen folgen müssen. Neigungen und Talente sind aber eben auch sozialisationsabhängig. Du denkst da zu simpel. Das existierende Schulsystem ist eine Maschinerie, die soziale Unterschiede reproduziert. Das ist keine Ideologie sondern von führenden Bildungssoziologen im letzten Jahrhundert vielfach verifiziert worden.
Wie gesagt, an diese alleinige materialistische Determination und Festlegung des gesamten Lebensverlaufes glaube ich nicht.
Das ist keine Glaubensfrage. Im Gegenteil, der psychische Indeterminismus ist heute überwiegend religiös. Ich sage aber auch nicht, dass man hier einfach mechanistisch denken kann und sollte.
Der Wechsel in eine andere Schulform ist definitiv auch heute möglich, wenn der Jugendliche alt genug ist. Aber da er ja auch dann laut Materialismus keine Wahl hat, sondern es von seinen Umständen abhängt, bringt jedes andere Schulsystem auch nichts. Es müsste jeder materiell genau gleichgestellt, mit genau den gleichen Eltern ausgestattet und genau die gleichen Bücher und Informationsquellen zur Verfügung gestellt bekommen um "Chancengleichheit" zu erhalten.
Nein, da verstehst Du mich falsch. Ich sage nicht, dass man keine Wahl hat. Ich sage aber, dass die eigene Wahl eben durch die Sozialisation sehr stark beeinflusst wird und das ist in meinen Augen eine größere Ungerechtigkeit, als sie jede Bildungsschranke nach äußerer Gesetzgebung je sein könnte.
Allerdings würde zu einer Wahrscheinlichkeit von 100% der handwerklich talentierte Mensch immer noch handwerklich talentiert sein und der geisteswissenschaftlich talentierte immer noch eben dies.
Und wieder das gleiche Argument: Talente sind nicht einfach etwas genetisch determiniertes. Sicher gibt es diesen Faktor aber das größte Sprachgenie endet mit einer Sozialisation, die ihm Bildungschancen verweigert, als Porno-Rapper, wenn ich mir diese Überspitzung erlauben darf.
Auch diese Wahlfreiheit dürfte es bei Dir nicht geben, sondern nur wiederum aus der Herkunft etc. der Eltern herrühren.
Wenn man aber diese Art materialistische Verallgemeinerung ernsthaft auf die Probe stellt, hätte sich die menschliche Gesellschaft nie weiterentwickeln können.
Wie gesagt, Du verstehst mich da falsch. Ich bin weder Strukturalist noch vertrete ich ein simples mechanistisches Weltbild. Natürlich gibt es Wahlfreiheit, diese ist aber zum einen naturwissenschaftlich determiniert (was an dieser Stelle aber nicht von Interesse ist) und einerseits stark durch soziale Faktoren beeinflusst. Du kannst das jetzt natürlich als Ideologie bezeichnen aber auch dann ist diese Ideologie im Einklang mit 150 Jahren Sozialforschung.
Zuletzt geändert von Montgomery Scott am Mi 12. Nov 2008, 16:02, insgesamt 1-mal geändert.