Los Kinder oder kinderlos?
Verfasst: Mi 2. Feb 2011, 17:00
Einen richtigen Youth Bulge wollen wohl eher wenige. Passt (meiner Einschätzung nach) weder in die ideologische, noch wirtschaftliche, noch kulturelle Landschaft der heutigen Zeit.Original von Palin Waylan-Majere
Das mit dem Jugendüberschuss ist ja für viele arabische und Maghreb-Staaten typisch. Deren Bevölkerungspyramide sieht so aus wie Deutschlands zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Daher bin ich doch immer etwas verwundert, wenn hierzulande geheult wird, wir hätten zu wenig Kinder.
Aber (kurz und vereinfacht dargestellt): Viele befürchten ja, dass die sozialen Sicherungssysteme, besonders des konservativen Wohlfahrtsmodells (in der Einteilung nach Esping-Andersen) - mit Versicherungsmodell, Umlageverfahren und Generationentransfers - bei einer umgekehrten/stark veränderten Alterspyramide nicht mehr finanzieren ließe. Außerdem wird von manchen angenommen, dass die Arbeits- und Wirtschaftsleistung einer alternden ("überalterten") Gesellschaft als zu schwach für den gestern und heute stattfindenden Anspruchs-Erwerb eingeschätzt.
Auch die Verschuldung könnte hier ein Problem für die zukünftigen Rentenzahlungen und Bezahlung der öffentlichen Sozialsysteme werden.
Ob hier steigende Kinderzahlen allerdings (kurz-/mittelfristig) helfen würde ist fraglich: Steigende Kinderzahlen hieße neue Dynamik im wirtschaftlichen Leben, sagen die einen. Viele Kinder bzw. deren Integration würden eine zusätzliche große Herausforderung für die Gesellschaft bedeuten, sagen die anderen.Jeremy Grantham:
Grenzen der Verschuldung
Grantham erinnert auch an eine meist vergessene volkswirtschaftliche Sicherheit. Der einzige Weg, wie Renten gezahlt werden können, ist aus dem laufend produzierten Bruttoinlandprodukt. Man kann zwar Kapital durch die Zeit bewegen, nicht aber Ressourcen für den Konsum. Als Altersversorgung akkumuliertes Kapital verändert zwar die «Hackordnung» der Ansprüche, ändert aber nichts an der Tatsache, dass sie nur durch das laufende Bruttoinlandprodukt befriedigt werden können.
Quelle: NZZ Online
Andere sehen das Thema weniger pessimistisch und sehen zwar das individuelle und gesellschaftliche Älterwerden als Herausforderung an, betonen dabei aber eher die positiven Seiten und schätzen (durch eine optimistisch-dynamische Annahme) die Probleme als sozial und wirtschaftlich verarbeitbar ein. So z.B. Statistiker Gerd Bosbach oder Karl-Otto Hondrich (hier sekundär in einer Rezension der interessanten Seite single generation).
Staatlich verordnet bekommen wir es hoffentlich auch in Zukunft nicht. Aber gefördert oder mit politischen Maßnahmen gesellschaftlich weiter bevorzugt werden (z.B. Kürzung der Staatsrente für Kinderlose etc.) könte es schon. Das wäre allerdings meiner Meinung nach unangebracht und rechtsstaatlich sitten- und philosophie-widrig.Am Beispiel von Rumänien sieht man ja, dass staatlich verordnetes Kinderkriegen einige sehr üble Schattenseiten haben kann.
Insgesamt bin ich derzeit der Einschätzung (immer am weiteren Reflektieren als "Postmoderner Liberaler" oder "liberaler Postmoderner" etc.), dass Kinderreichtum nur für Kinderwillige ein Segen ist, für die Gesellschaft aber nicht grundsätzlich etwas gutes oder schlechtes darstellt.