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Erika Steinbach... again

Verfasst: Fr 10. Sep 2010, 17:22
von Heinrich Julius von Jagonburg
Ich werde im folgenden einen Kommentar aus meiner Zeitung von Michael Bermeitinger zitieren, der meines Erachtens genau den Kern trifft. Als Historiker bin ich gerade von der deutschen politischen Oberschicht, sowie einem Großteil der Medienlandschaft extrem angewidert:
Meinungsdiktatur

Die Aufregung um Thilo Sarrazin ist noch nicht abgeklungen, da kommt die Entrüstungs-Maschinerie erneut auf Touren. Das neue Ziel ist eine alte Bekannte - Vertriebenenchefin Erika Steinbach, Lieblingsfeindin all jener, für die Deutsche grundsätzlich immer nur Täter und nie Opfer gewesen sind. Da reicht schon ein aus dem Zusammenhang gerissener Satz, um zum Halali gegen sie zu blasen. Aber was hat sich tatsächlich abgespielt? Wenig. Die BdV-Präsidentin hatte im CDU-Bundesvorstand den CDU-Vertriebenen-Politiker Saenger, der im Beirat der "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" sitzt, vor Revanchismus-Vorwürfen in Schutz genommen. Saenger hatte vor einem Jahr in einem Interview zum Kriegsbeginn 1939 auf die Mobilmachung Polens im März jenes Jahres hingewiesen. Dies benannte Steinbach als das, was es ist - eine historische Tatsache. Mehr nicht. In keiner Weise hat sie- ebenso wie Saenger - die deutsche Kriegsschuld auch nur relativiert oder gar in Frage gestellt. Und dennoch reicht ihr Satz aus, sie in die Nähe von Nazis zu rücken (Linkspartei), als "gefährlich" zu bezeichnen (FDP) oder sie "außerhalb des demokratischen Konsens" einzuordnen (SPD). In Wahrheit sind es diese Aussagen, dieser Reflex der Berufsentrüsteten, und nicht etwa Erika Steinbach, die für die Beschäftigung mit unserer Geschichte gefährlich sind. Wer sich außerhalb des von einer selbst ernannten Deutungs- und Meinungselite vorgegeben Pfades bewegt, wird sofort in die Rechte Ecke gestellt und damit mundtot gemacht. Da gilt die Meinungsfreiheit nur für den, der die "richtige" Meinung hat. Und das ist eine Schande.
Insbesondere die Äußerungen aus der SPD, deren Mitglied ich ja bin, ärgern mich tierisch. Auch wenn es der SPD nicht passt, aber die Geschichte ist kein "demokratischer Konsens" und historisch richtig ist nicht, was das Establishment für richtig erachtet, sondern die Faktenlage. Mein Ärger gilt auch insbesondere dem "Kollegen" Guido Knopp, der sich erdreistet, den Vorwurf aufrechtzuerhalten, in dem er zwar zugeben muss, dass es eine Mobilmachung gab, aber es ja nur "eine ganz kleine Mobilmachung" gewesen sei. Ich habe in meinem ganzen Leben von einem Historiker (abgesehen von Holocaustleugnern) keine idiotischere Aussage respektive Argumentation gehört.

Was hier gerade in Deutschland abläuft ist brandgefährlich, denn es untergräbt nicht nur die Meinungsfreiheit in entschiedenem Ausmaß, sondern es erzeugt eine McCarthyeske Hexenverbrennungsatmosphäre, die dazu in der Lage ist den offenen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Dialog, der auch insbesondere für Historiker sehr wichtig ist, auf Jahre hin zu vergiften und zu unterdrücken.

Es muss so hart ausgedrückt werden: Wer die polnische Mobilmachung von 1939 leugnet, der kann nicht die Leugnung des Holocaust verbieten - beides ist historisch und faktisch falsch.

Ich bin wirklich gerade fuchsteufelswild.

Verfasst: Fr 10. Sep 2010, 17:34
von Hajo Poppinga
Mich wundert nach den Aufregungen der letzten Tage nicht mehr viel; insbesondere die SPD hat doch nun ein vitales Interesse den "rechten Peter" wieder der CDU zuzustecken - Gerd Langguth hat ganz treffend von der "Sarazzina" gesprochen.

Verfasst: Fr 10. Sep 2010, 17:49
von Palin Waylan-Majere
Es war eine Teilmobilmachung im Gebiet von Pommerellen, die im direkten zeitlichen Zusammenhang mit der "Zerschlagung der Rest-Tschechei" (Bruch des Münchner Abkommens), dem Schutzvertrag mit der Slowakei sowie dem Anschluss des Memellandes zu sehen ist. Gleichzeitig verkündete Chamberlain das Ende des Apeasement und sicherte Polen seinen Schutz zu.
Begründet wurde diese Teilmobilmachung mit dem deutschen Anspruch auf Danzig und den polnischen Korridor.
Das war ja auch nicht zu verleugnen:
Bild

Diese polnische Teilmobilmachung wurde im Juni wieder aufgehoben.

Verfasst: Fr 10. Sep 2010, 18:04
von Heinrich Julius von Jagonburg
Die beiden Begriffe Generalmobilmachung und Teilmobilmachung fallen unter den Oberbegriff Mobilmachung, folglich können beide Begriffe als Mobilmachung bezeichnet werden. Die historischen Fakten hast du treffend dargestellt und auch die Beweggründe der polnischen Führung, die einen guten Grund für diese Mobilmachung hatten. Das Polen sich bei der Zerschlagung der Tschechoslowakei im Rahmen des Münchner Abkommens selbst territorial gütlich getan hat, ist auch kein Grund den Polen vorzuwerfen, dass sie nach der Besetzung der Rest-Tschechei ihre berechtigten Sicherheitsbedenken nicht durch eine Teilmobilmachung zum Ausdruck bringen dürften.

Aber, und das ist der Punkt: Man kann es nicht einfach wegerklären. In den Aussagen fand überhaupt keine Wertung statt.

RE: Erika Steinbach... again

Verfasst: Fr 10. Sep 2010, 18:12
von Cameron Philips
Original von Heinrich Julius von Jagonburg
(...)
Mein Ärger gilt auch insbesondere dem "Kollegen" Guido Knopp, der sich erdreistet, den Vorwurf aufrechtzuerhalten, in dem er zwar zugeben muss, dass es eine Mobilmachung gab, aber es ja nur "eine ganz kleine Mobilmachung" gewesen sei. Ich habe in meinem ganzen Leben von einem Historiker (abgesehen von Holocaustleugnern) keine idiotischere Aussage respektive Argumentation gehört.
(...)
Es muss so hart ausgedrückt werden: Wer die polnische Mobilmachung von 1939 leugnet, der kann nicht die Leugnung des Holocaust verbieten - beides ist historisch und faktisch falsch.

Ich bin wirklich gerade fuchsteufelswild.
Dann könnte man argumentieren, dass es nur ein ganz kleiner Völkermord war oder was?
Aber den Knopp konnte ich noch nie leiden.
Anbei: http://www.youtube.com/watch?v=r9tAY8JI ... re=related

Verfasst: Fr 10. Sep 2010, 18:30
von Palin Waylan-Majere
Knopp ist eh ein Hohlroller.

Steinbach allerdings stellt das ja eben nicht in den historischen Kontext. Nein, diese Wehrmachtstochter aus dem Reichsgau Danzig-Westpreußen sagt ja nur "Es stimmt ja, die Polen haben ja zuerst mobil gemacht" und lässt den Rest weg.
Damit wirkt die Aussage doch so, als sei ein waffenstarrendes Polen doch 1939 quasi eine große Gefahr gewesen und der ganze andere Spaß, wie die oben erwähnten Ereignisse im Vorlauf, der oftmals geäußerte Anspruch Deutschlands auf Danzig und den Korridor (vom "Lebensraum im Osten" mal ganz zu schweigen) sowie im Nachgang die Kündigung des deutsch-polnischen Nichtangriffspaktes, der Hitler-Stalin-Pakt, Gleiwitz, Westerplatte etc. findet keine Erwähnung.
Wenn man sich, wie Steinbach, nur die Rosinen für seine Argumente pickt, kann man sich dann natürlich leicht hinstellen und gegen die Oder-Neiße-Grenze stimmen oder gegen den "epidemischen Sozial- und Asylmißbrauch" agitieren.

Ich kann nur davor warnen, sich mit den Falschen zu solidarisieren.

Verfasst: Fr 10. Sep 2010, 21:22
von Bernardo Macaluso
Original von Palin Waylan-Majere
Knopp ist eh ein Hohlroller.

Steinbach allerdings stellt das ja eben nicht in den historischen Kontext. Nein, diese Wehrmachtstochter aus dem Reichsgau Danzig-Westpreußen sagt ja nur "Es stimmt ja, die Polen haben ja zuerst mobil gemacht" und lässt den Rest weg.
Damit wirkt die Aussage doch so, als sei ein waffenstarrendes Polen doch 1939 quasi eine große Gefahr gewesen und der ganze andere Spaß, wie die oben erwähnten Ereignisse im Vorlauf, der oftmals geäußerte Anspruch Deutschlands auf Danzig und den Korridor (vom "Lebensraum im Osten" mal ganz zu schweigen) sowie im Nachgang die Kündigung des deutsch-polnischen Nichtangriffspaktes, der Hitler-Stalin-Pakt, Gleiwitz, Westerplatte etc. findet keine Erwähnung.
Wenn man sich, wie Steinbach, nur die Rosinen für seine Argumente pickt, kann man sich dann natürlich leicht hinstellen und gegen die Oder-Neiße-Grenze stimmen oder gegen den "epidemischen Sozial- und Asylmißbrauch" agitieren.

Ich kann nur davor warnen, sich mit den Falschen zu solidarisieren.
:klatsch: Dem ist kaum etwas hinzuzufügen.

Von denjenigen, "für die Deutsche grundsätzlich immer nur Täter und nie Opfer gewesen sind" (Bermeitinger), kann im Übrigen nun wirklich nicht die Rede sein. Ich denke, dass das Leid der deutschen Vertriebenen in der deutschen Öffentlichkeit durchaus bekannt ist und respektiert wird. Das berührt aber nicht die Frage nach der deutschen Kriegsschuld. Das eine hat mit dem anderen - anders, als so manche Scheinargumente von rechts außen glauben machen wollen - einfach nichts zu tun.

Verfasst: Fr 10. Sep 2010, 21:27
von Hajo Poppinga
Original von Palin Waylan-Majere
diese Wehrmachtstochter
Soll sie das jetzt diskreditieren? Tochter/Sohn eines Wehrmachtssoldaten dürfte die Mehrzahl der damals geborenen sein; das sagt doch nichts aus.

@Macaluso: Ich stimme Dir zu, daß die Frage nach dem Leid der deutschen Vertriebenen nicht die Frage der, zweifellosen, deutschen Kriegsschuld berührt. Andererseits muß man aber doch ein historisches Faktum aussprechen dürfen - Erika Steinbach hat ja selbst gesagt, daß das nichts an der deutschen Schuld ändert.

Verfasst: Fr 10. Sep 2010, 21:35
von Hajo Poppinga
Original von Palin Waylan-Majere
Wenn man sich, wie Steinbach, nur die Rosinen für seine Argumente pickt, kann man sich dann natürlich leicht hinstellen und gegen die Oder-Neiße-Grenze stimmen oder gegen den "epidemischen Sozial- und Asylmißbrauch" agitieren.
Also ich stimme Dir zu, daß es zu einer ehrlichen und tatsachenorientierten Diskussion gehört, alle Fakten zu nennen. Andererseits muß man glaube ich auch wahrnehmen, daß Steinbach diese Äußerung in einer hitzigen Fraktionsdiskussion getätigt hat, in der es um eine gleichlautende Äußerung eines anderen CDU-Mitgliedes ging - und sie ihn nur sinngemäß verteidigt hat, indem sie sagte, "Ich kann es ja nicht ändern, daß..."; Klausurtagungen sind ja nicht unbedingt der Ort, an dem man ellenlange Diskussionen aufmacht bzw. Geschichtsstunden wiederholt.

Verfasst: Fr 10. Sep 2010, 21:41
von Bernardo Macaluso
Original von Hajo Poppinga

@Macaluso: Ich stimme Dir zu, daß die Frage nach dem Leid der deutschen Vertriebenen nicht die Frage der, zweifellosen, deutschen Kriegsschuld berührt. Andererseits muß man aber doch ein historisches Faktum aussprechen dürfen - Erika Steinbach hat ja selbst gesagt, daß das nichts an der deutschen Schuld ändert.
Das ist immer ein beliebtes Argument bei rechtspopulistischen Provokateuren: "Ich sage ja nur die Wahrheit, schauen Sie doch ins Geschichtsbuch". Die Wahr- oder Falschheit einzelner Tatsachenbehauptungen ist dabei aber im allgemeinen gar nicht von Interesse. Wer bloß im richtigen Zusammenhang aus dem Geschichtsbuch zitiert, erregt im Allgemeinen auch keine Empörung. Das, was zum Protest führt, ist die verzerrende Darstellung. Und die BdV-Knalltüten haben eben von polnischer Mobilmachung in einer selektiven Art und Weise geredet, die latent die deutsche Kriegsschuld verharmlost.

Ich verstehe nicht, warum so viele eigentlich gebildete und vernünftige Menschen diese rhetorischen Tricks von Leuten wie Sarrazin, Steinbach und Co. anscheinend kein bißchen durchschauen. Da erschrecke ich jedes Mal, wenn ich eine Talkshow einschalte.