Erika Steinbach... again
Verfasst: Fr 10. Sep 2010, 17:22
Ich werde im folgenden einen Kommentar aus meiner Zeitung von Michael Bermeitinger zitieren, der meines Erachtens genau den Kern trifft. Als Historiker bin ich gerade von der deutschen politischen Oberschicht, sowie einem Großteil der Medienlandschaft extrem angewidert:
Was hier gerade in Deutschland abläuft ist brandgefährlich, denn es untergräbt nicht nur die Meinungsfreiheit in entschiedenem Ausmaß, sondern es erzeugt eine McCarthyeske Hexenverbrennungsatmosphäre, die dazu in der Lage ist den offenen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Dialog, der auch insbesondere für Historiker sehr wichtig ist, auf Jahre hin zu vergiften und zu unterdrücken.
Es muss so hart ausgedrückt werden: Wer die polnische Mobilmachung von 1939 leugnet, der kann nicht die Leugnung des Holocaust verbieten - beides ist historisch und faktisch falsch.
Ich bin wirklich gerade fuchsteufelswild.
Insbesondere die Äußerungen aus der SPD, deren Mitglied ich ja bin, ärgern mich tierisch. Auch wenn es der SPD nicht passt, aber die Geschichte ist kein "demokratischer Konsens" und historisch richtig ist nicht, was das Establishment für richtig erachtet, sondern die Faktenlage. Mein Ärger gilt auch insbesondere dem "Kollegen" Guido Knopp, der sich erdreistet, den Vorwurf aufrechtzuerhalten, in dem er zwar zugeben muss, dass es eine Mobilmachung gab, aber es ja nur "eine ganz kleine Mobilmachung" gewesen sei. Ich habe in meinem ganzen Leben von einem Historiker (abgesehen von Holocaustleugnern) keine idiotischere Aussage respektive Argumentation gehört.Meinungsdiktatur
Die Aufregung um Thilo Sarrazin ist noch nicht abgeklungen, da kommt die Entrüstungs-Maschinerie erneut auf Touren. Das neue Ziel ist eine alte Bekannte - Vertriebenenchefin Erika Steinbach, Lieblingsfeindin all jener, für die Deutsche grundsätzlich immer nur Täter und nie Opfer gewesen sind. Da reicht schon ein aus dem Zusammenhang gerissener Satz, um zum Halali gegen sie zu blasen. Aber was hat sich tatsächlich abgespielt? Wenig. Die BdV-Präsidentin hatte im CDU-Bundesvorstand den CDU-Vertriebenen-Politiker Saenger, der im Beirat der "Stiftung Flucht, Vertreibung, Versöhnung" sitzt, vor Revanchismus-Vorwürfen in Schutz genommen. Saenger hatte vor einem Jahr in einem Interview zum Kriegsbeginn 1939 auf die Mobilmachung Polens im März jenes Jahres hingewiesen. Dies benannte Steinbach als das, was es ist - eine historische Tatsache. Mehr nicht. In keiner Weise hat sie- ebenso wie Saenger - die deutsche Kriegsschuld auch nur relativiert oder gar in Frage gestellt. Und dennoch reicht ihr Satz aus, sie in die Nähe von Nazis zu rücken (Linkspartei), als "gefährlich" zu bezeichnen (FDP) oder sie "außerhalb des demokratischen Konsens" einzuordnen (SPD). In Wahrheit sind es diese Aussagen, dieser Reflex der Berufsentrüsteten, und nicht etwa Erika Steinbach, die für die Beschäftigung mit unserer Geschichte gefährlich sind. Wer sich außerhalb des von einer selbst ernannten Deutungs- und Meinungselite vorgegeben Pfades bewegt, wird sofort in die Rechte Ecke gestellt und damit mundtot gemacht. Da gilt die Meinungsfreiheit nur für den, der die "richtige" Meinung hat. Und das ist eine Schande.
Was hier gerade in Deutschland abläuft ist brandgefährlich, denn es untergräbt nicht nur die Meinungsfreiheit in entschiedenem Ausmaß, sondern es erzeugt eine McCarthyeske Hexenverbrennungsatmosphäre, die dazu in der Lage ist den offenen gesellschaftlichen und wissenschaftlichen Dialog, der auch insbesondere für Historiker sehr wichtig ist, auf Jahre hin zu vergiften und zu unterdrücken.
Es muss so hart ausgedrückt werden: Wer die polnische Mobilmachung von 1939 leugnet, der kann nicht die Leugnung des Holocaust verbieten - beides ist historisch und faktisch falsch.
Ich bin wirklich gerade fuchsteufelswild.