Wohin geht die Reise?
Verfasst: Do 27. Nov 2008, 21:17
Ich habe mir schon öfter überlegt, einmal auszuformulieren, was in Folge der Weltfinanzkrise passieren wird. Ich probiere es jetzt einfach mal, ich hoffe, es regt zu Kritik oder vielleicht sogar zu eigenen Szenarien an:
Sardinien, Juli 2009. Auf der idyllischen Mittelmeerinsel La Maddalena kommen die Staats- und Regierungschefs der G8-Nationen zusammen. Im dritten Jahr der Weltfinanzkrise - von "Subprime-Krise" hat man seit Monaten nichts mehr gehört, von "Weltwirtschaftskrise" wird nur unter vorgehaltener Hand gesprochen - findet das Treffen, zu dem erstmals auch Delegationen der übrigen drei BRIC-Staaten geladen wurden unter noch größerem öffentlichen Interesse statt als die Jahre zuvor. Noch immer ist kein Ende der Baisse an den Börsen erkennbar. Die Geldpolitik hat die Waffen gestreckt: alle bedeutenden Notenbanken mit Ausnahme der EZB, die hartnäckig einen 2-%-Leitzins verteidigt, haben auf eine Nullzinspolitik umgeschwenkt. Seit Monaten stecken alle bedeutenden Wirtschaftsräume in der Rezession, wenngleich bisher lediglich die USA und China einen spürbaren Anstieg der Arbeitslosigkeit hinnehmen mussten. Alle Branchen melden empfindliche Auftragsrückgänge, die Zahl der Unternehmens- und Privatinsolvenzen steigt.
Die Augen der Welt ruhen vor allem auf dem neuen US-Präsidenten, Barack Obama. In seiner ersten Rede zur Lage der Nation hat der neue Mann klar gemacht, dass die Finanzkrise eine gewaltige Herausforderung der Weltwirtschaft und der Demokratie bedeute, und dass Washington alles unternehmen werde, um die Krise zu beenden. Mit besonderer Spannung wird das von Finanzminister Geithner und Notenbankchef Bernanke ausgearbeitete Programm "NewDeal 21" erwartet.
Die aus Deutschland angereiste Führung um Bundeskanzlerin Merkel, Finanzminister Steinbrück, Aussenminister Steinmeier und Wirtschaftsminister Glos steckt im Wahlkampf. Letzte Umfragen sehen die "Linke" weiter im Aufwind, das von Oskar Lafontaine verkündete Ziel, jede fünfte Stimme einzusammeln, scheint greifbar. Beide Volksparteien überschlagen sich mit ihrer Warnung vor der Linken. Diese "ruiniere Deutschland", so der Finanzminister. Es gebe "kein Zurück in den Schuldenstaat, ohne Wenn und Aber".
Am Ende des Gipfels steht die Siegerin fest: Bundeskanzlerin Angela Merkel stach mit einem flammenden Plädoyer für eine staatliche Zurückhaltung den enttäuschenden Obama aus. Die Europäische Union, soviel steht fest, wird sich am Globalen New Deal nicht beteiligen, womit dieser als gescheitert zu betrachten ist. Ausschlaggebend war am Ende England, wo sich die Labour-Regierung vor einer Tory-Kampagne zum Thema Generationengerechtigkeit gefürchtet hatte. Dem flehentlichen Appell von Ben Bernanke, der von einer wirtschaftlichen Apokalypse gesprochen hatte, zum Trotz, die staatlichen Maßnahmen werden massiv beschränkt bleiben. Zum Eklat kam es, nachdem Russlands Präsident Medwedew und Premier Putin noch vor der Abschlusserklärung abreisten.
Nur Minuten nach Bekanntgabe der Ergebnisse brechen weltweit die Börsen ein. Der Dow Jones Industrial verliert innerhalb einer Stunde 19 %, ehe die Finanzmarktaufsicht seine Schließung anordnet - in der öffentlichen Erklärung ist von "exogenen Schockereignissen" die Rede. Die Börsen in Europa werden ebenfalls für eine volle Woche geschlossen bleiben.
Eine Woche nach den Ereignissen setzt Russland schließt Russland über Nacht seine Grenzen. Alle Konten innerhalb des Landes, die in ausländischen Währungen geführt sind, werden eingefroren. Bereits in der Nacht zuvor, so erklärt Putin, habe die Duma mehrere Notstandsgesetze verabschiedet. Russland strebe eine autarke Wirtschaftsordnung an, "national und sozial". Jede Einmischung von Außen verbitte man sich.
Die Bundestagswahl endet mit einem Patt. Die CDU/CSU kann ihr Ergebnis bei 35 % stabilisieren, doch zusammen mit den 10 % der FDP reicht es erneut nicht für eine bürgerliche Regierung. Die SPD verliert dramatisch und schlägt bei 21 % auf, bleibt damit aber vor der auf 17 % erstarken Linken; die 11 % der Grünen nimmt kaum noch jemand zur Kenntnis. Nach kurzen Verhandlungen wird die Große Koalition fortgesetzt; "gerade in schweren Zeiten wie diesen stehen wir Sozialdemokraten zu unserer Verantwortung", so Franz Müntefering, nach dem erfolgten Übertritt von Nahles und Ypsilanti zur Linken nach Abschluss des Koalitionsvertrages unumstrittener Parteichef.
Weltweit steigen über den Jahreswechsel 2009/2010 die Arbeitslosenzahlen. In den USA erreichen sie im Februar mit 15 % einen dramatischen Wert, Deutschland holt mit 12 % ebenfalls massiv auf. Die Steuereinnahmen brechen zunehmend weg. Umso mehr zieht die Regierung die fiskalischen Zügel an. Der politische Stil verroht. In einer Generaldebatte im April vergleicht Lafontaine die Bundeskanzlerin mit Brüning, dafür rückt ihn CDU-General Pofalla in die Nähe von Adolf Hitler. Zum Eklat kommt es, als die noch immer den Neoliberalismus zelebrierende Junge Union auf ihrem Deutschlandtag zur Sanierung der Staatsfinanzen einen Leitantrag beschließt, der die Senkung von ALG-II vorsieht. Als die Bundeskanzlerin eine Distanzierung ablehnt, kündigt die SPD den Koalitionsvertrag auf.
Die vorgezogenen Bundestagswahlen enden im Desaster. Die Union fällt auf 26 %, die SPD auf 17 %. Eine Fortsetzung der Regierung ist nicht mehr möglich. Die Linkspartei verfehlt nur knapp den Aufstieg zur stärksten Kraft - 24 % stimmen für die Partei, die Oskar Lafontaine als Kanzlerkandidaten nominiert hatte. Das Medienecho ist dennoch ungleich stärker angesichts des Einzugs der "Nationalen Liste" aus NPD und DVU - immer 6,5 % wählen Holger Apfel und Co in den Bundestag. Unter dem Slogan "Allianz für Deutschland" wird die Regierung Merkel III aus CDU/CSU, SPD und FDP gebildet.
Im Winter durchschlägt die Arbeitslosigkeit die 20 %. Die Regierung betont, dies liege noch immer unter dem europäischen Durchschnitt. Obwohl die Reallöhne bereits um ein Viertel nachgegeben haben, sei der Ausweg nur in niedrigeren Löhnen zu suchen.
Bei seiner Neujahrsansprache 2011 fällt Präsident Obama einem Anschlag zum Opfer. Die Trauer hält sich landesweit in Grenzen, hatte der einstige Hoffnungsträger doch schnell jeglichen Glanz verloren. Obwohl als "Russian Way" verunglimpft, kündigt Nachfolger Joe Biden nunmehr ebenfalls einen isolationistischen Kurs an sowie ein gewaltiges nationales Konjunkturprogramm. Nie wieder werde es, so verspricht Biden, zu Szenen wie den militärisch niedergeschlagenen Hungerunruhen in mehreren US-Städten im Winter zuvor kommen.
Unruhig ist es längst auch in Europa geworden. Aber die zunehmend vergreisende Bevölkerung lässt sich polizeilich leichter im Zaum halten. Unfähig, die Wirtschaftskrise zu bekämpfen, beschließen die Regierungen schließlich den letzten Ausweg: die Vereinigung der EU zum Bundesstaat. Das neue politische System der weitgehend bankrotten Kontinentalmacht ist ein planwirtschaftlicher Überwachungsstaat - ein Modell, das weltweit inzwischen in allen bedeutenden Staaten vorherrscht. "Ein segensreicher Zustand, der zu nie gekanntem Glück geführt hat", wird es in den Lehrplänen der Schulen heissen.
Die Welt hat sich verändert. Die großen Staaten sind zu abgeschotteten Diktaturen mutiert, der Wohlstand weltweit auf einen Bruchteil zurückgegangen. Afrika ist weitgehend in die Anarchie abgestürzt. Den weiteren Verlauf der Geschichte kann man bei George Orwell nachlesen.
Sardinien, Juli 2009. Auf der idyllischen Mittelmeerinsel La Maddalena kommen die Staats- und Regierungschefs der G8-Nationen zusammen. Im dritten Jahr der Weltfinanzkrise - von "Subprime-Krise" hat man seit Monaten nichts mehr gehört, von "Weltwirtschaftskrise" wird nur unter vorgehaltener Hand gesprochen - findet das Treffen, zu dem erstmals auch Delegationen der übrigen drei BRIC-Staaten geladen wurden unter noch größerem öffentlichen Interesse statt als die Jahre zuvor. Noch immer ist kein Ende der Baisse an den Börsen erkennbar. Die Geldpolitik hat die Waffen gestreckt: alle bedeutenden Notenbanken mit Ausnahme der EZB, die hartnäckig einen 2-%-Leitzins verteidigt, haben auf eine Nullzinspolitik umgeschwenkt. Seit Monaten stecken alle bedeutenden Wirtschaftsräume in der Rezession, wenngleich bisher lediglich die USA und China einen spürbaren Anstieg der Arbeitslosigkeit hinnehmen mussten. Alle Branchen melden empfindliche Auftragsrückgänge, die Zahl der Unternehmens- und Privatinsolvenzen steigt.
Die Augen der Welt ruhen vor allem auf dem neuen US-Präsidenten, Barack Obama. In seiner ersten Rede zur Lage der Nation hat der neue Mann klar gemacht, dass die Finanzkrise eine gewaltige Herausforderung der Weltwirtschaft und der Demokratie bedeute, und dass Washington alles unternehmen werde, um die Krise zu beenden. Mit besonderer Spannung wird das von Finanzminister Geithner und Notenbankchef Bernanke ausgearbeitete Programm "NewDeal 21" erwartet.
Die aus Deutschland angereiste Führung um Bundeskanzlerin Merkel, Finanzminister Steinbrück, Aussenminister Steinmeier und Wirtschaftsminister Glos steckt im Wahlkampf. Letzte Umfragen sehen die "Linke" weiter im Aufwind, das von Oskar Lafontaine verkündete Ziel, jede fünfte Stimme einzusammeln, scheint greifbar. Beide Volksparteien überschlagen sich mit ihrer Warnung vor der Linken. Diese "ruiniere Deutschland", so der Finanzminister. Es gebe "kein Zurück in den Schuldenstaat, ohne Wenn und Aber".
Am Ende des Gipfels steht die Siegerin fest: Bundeskanzlerin Angela Merkel stach mit einem flammenden Plädoyer für eine staatliche Zurückhaltung den enttäuschenden Obama aus. Die Europäische Union, soviel steht fest, wird sich am Globalen New Deal nicht beteiligen, womit dieser als gescheitert zu betrachten ist. Ausschlaggebend war am Ende England, wo sich die Labour-Regierung vor einer Tory-Kampagne zum Thema Generationengerechtigkeit gefürchtet hatte. Dem flehentlichen Appell von Ben Bernanke, der von einer wirtschaftlichen Apokalypse gesprochen hatte, zum Trotz, die staatlichen Maßnahmen werden massiv beschränkt bleiben. Zum Eklat kam es, nachdem Russlands Präsident Medwedew und Premier Putin noch vor der Abschlusserklärung abreisten.
Nur Minuten nach Bekanntgabe der Ergebnisse brechen weltweit die Börsen ein. Der Dow Jones Industrial verliert innerhalb einer Stunde 19 %, ehe die Finanzmarktaufsicht seine Schließung anordnet - in der öffentlichen Erklärung ist von "exogenen Schockereignissen" die Rede. Die Börsen in Europa werden ebenfalls für eine volle Woche geschlossen bleiben.
Eine Woche nach den Ereignissen setzt Russland schließt Russland über Nacht seine Grenzen. Alle Konten innerhalb des Landes, die in ausländischen Währungen geführt sind, werden eingefroren. Bereits in der Nacht zuvor, so erklärt Putin, habe die Duma mehrere Notstandsgesetze verabschiedet. Russland strebe eine autarke Wirtschaftsordnung an, "national und sozial". Jede Einmischung von Außen verbitte man sich.
Die Bundestagswahl endet mit einem Patt. Die CDU/CSU kann ihr Ergebnis bei 35 % stabilisieren, doch zusammen mit den 10 % der FDP reicht es erneut nicht für eine bürgerliche Regierung. Die SPD verliert dramatisch und schlägt bei 21 % auf, bleibt damit aber vor der auf 17 % erstarken Linken; die 11 % der Grünen nimmt kaum noch jemand zur Kenntnis. Nach kurzen Verhandlungen wird die Große Koalition fortgesetzt; "gerade in schweren Zeiten wie diesen stehen wir Sozialdemokraten zu unserer Verantwortung", so Franz Müntefering, nach dem erfolgten Übertritt von Nahles und Ypsilanti zur Linken nach Abschluss des Koalitionsvertrages unumstrittener Parteichef.
Weltweit steigen über den Jahreswechsel 2009/2010 die Arbeitslosenzahlen. In den USA erreichen sie im Februar mit 15 % einen dramatischen Wert, Deutschland holt mit 12 % ebenfalls massiv auf. Die Steuereinnahmen brechen zunehmend weg. Umso mehr zieht die Regierung die fiskalischen Zügel an. Der politische Stil verroht. In einer Generaldebatte im April vergleicht Lafontaine die Bundeskanzlerin mit Brüning, dafür rückt ihn CDU-General Pofalla in die Nähe von Adolf Hitler. Zum Eklat kommt es, als die noch immer den Neoliberalismus zelebrierende Junge Union auf ihrem Deutschlandtag zur Sanierung der Staatsfinanzen einen Leitantrag beschließt, der die Senkung von ALG-II vorsieht. Als die Bundeskanzlerin eine Distanzierung ablehnt, kündigt die SPD den Koalitionsvertrag auf.
Die vorgezogenen Bundestagswahlen enden im Desaster. Die Union fällt auf 26 %, die SPD auf 17 %. Eine Fortsetzung der Regierung ist nicht mehr möglich. Die Linkspartei verfehlt nur knapp den Aufstieg zur stärksten Kraft - 24 % stimmen für die Partei, die Oskar Lafontaine als Kanzlerkandidaten nominiert hatte. Das Medienecho ist dennoch ungleich stärker angesichts des Einzugs der "Nationalen Liste" aus NPD und DVU - immer 6,5 % wählen Holger Apfel und Co in den Bundestag. Unter dem Slogan "Allianz für Deutschland" wird die Regierung Merkel III aus CDU/CSU, SPD und FDP gebildet.
Im Winter durchschlägt die Arbeitslosigkeit die 20 %. Die Regierung betont, dies liege noch immer unter dem europäischen Durchschnitt. Obwohl die Reallöhne bereits um ein Viertel nachgegeben haben, sei der Ausweg nur in niedrigeren Löhnen zu suchen.
Bei seiner Neujahrsansprache 2011 fällt Präsident Obama einem Anschlag zum Opfer. Die Trauer hält sich landesweit in Grenzen, hatte der einstige Hoffnungsträger doch schnell jeglichen Glanz verloren. Obwohl als "Russian Way" verunglimpft, kündigt Nachfolger Joe Biden nunmehr ebenfalls einen isolationistischen Kurs an sowie ein gewaltiges nationales Konjunkturprogramm. Nie wieder werde es, so verspricht Biden, zu Szenen wie den militärisch niedergeschlagenen Hungerunruhen in mehreren US-Städten im Winter zuvor kommen.
Unruhig ist es längst auch in Europa geworden. Aber die zunehmend vergreisende Bevölkerung lässt sich polizeilich leichter im Zaum halten. Unfähig, die Wirtschaftskrise zu bekämpfen, beschließen die Regierungen schließlich den letzten Ausweg: die Vereinigung der EU zum Bundesstaat. Das neue politische System der weitgehend bankrotten Kontinentalmacht ist ein planwirtschaftlicher Überwachungsstaat - ein Modell, das weltweit inzwischen in allen bedeutenden Staaten vorherrscht. "Ein segensreicher Zustand, der zu nie gekanntem Glück geführt hat", wird es in den Lehrplänen der Schulen heissen.
Die Welt hat sich verändert. Die großen Staaten sind zu abgeschotteten Diktaturen mutiert, der Wohlstand weltweit auf einen Bruchteil zurückgegangen. Afrika ist weitgehend in die Anarchie abgestürzt. Den weiteren Verlauf der Geschichte kann man bei George Orwell nachlesen.