13. August
Verfasst: Di 14. Aug 2007, 17:58
In der Haftanstalt Hohenschönhausen saß 1988 eine junge Studentin ein, Susanne. Sie wurde gemeinsam mit einem befreundeten Ehepaar und dessen 8-jährigen Sohn bei einem Fluchtversuch erwischt. Sie hatten vor, durch einen Tunnel von Thüringen nach Hessen zu fliehen. Dieser Tunnel leitete die Werra vom Osten in den Westen. Ein Freund von Susanne floh bereits durch diesen Tunnel.
Zu viert haben sie sich auf den Weg gemacht. Die halbe Nacht sind sie mit ihrem Wartburg durch die Gegend gefahren, wirklich nah an die Grenze konnten sie nicht – viel zu gefährlich. Sie stellten ihn also schon früher ab und suchten dann den Gullyeingang zum Tunnel.
Grenzanlagen und Wachtürme erkennt man nachts leicht. Aber einen Gullydeckel inmitten des hohen Grases? Beim ersten Versuch fanden sie ihn nicht. So wollte unsere kleine Gruppe weiter nördlich suchen, wären sie auch dort ohne Erfolg geblieben wollten sie den Fluchtversuch abbrechen.
Dazu kam es nicht. Hundegebell durchbrach die Stille der Nacht. Scheinwerfer flackerten auf und NVA-Grenzsoldaten umzingelten die gescheiteren Flüchtlinge.
Wie konnte das bei all der Vorsicht passieren? Nun, „wachsame“ Bürger des nahe gelegenen Dorfes Großburschla riefen bei der Polizei an und gaben Typ und Kennzeichen dort. Alles Weitere war Routine in der überwachten Gesellschaft der DDR mit ihren perfiden Überwachungssystemen.
Gleich zwei Anrufe gingen bei der Polizei ein. Was denken sich Menschen in einem solchen Moment? Sie verraten wissentlich andere Menschen und stürzen sie damit ins Unglück. Das „Verbrechen“ um was es hier ging, was nichts anderes als der Versuch aus dem DDR-Kollektiv zu fliehen.
Es war das historische Glück, das Susanne und ihre Freunde nicht die ganze Haftstrafe absitzen mussten sondern das mutige und aufrichtige Bürger 1989 auf die Straße gingen und den Unrechtsstaat DDR in die Knie zwangen.
Wir gedenken heute dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961. Das DDR-Regime mauerte das eigene Volk ein, um es an Fluchtversuchen aus der DDR zu hindern. Viele haben es trotzdem versucht und den qualvollen und gefährlichen Weg in die Freiheit auf sich genommen. Einige haben es auch geschafft. Viele andere hingegen sind bei ihrem Versuch gescheitert oder gar gestorben. Mehr als 1.200 Opfer zählt die Berliner Mauer bis heute.
Ein Staat wie die DDR konnte nicht nur überleben, weil ein ausgeklügeltes Sicherheits- und Überwachungssystem jede kritische Regung registrierte und Abwehrmaßnahmen ergriff. Es konnte auch überleben, weil Menschen andere denunziert haben und sich selbst – freiwillig – einer bösen Idee unterworfen haben.
Unsere Verfassung schützt uns vor dem zerstörerischen Machttrieb Einzelner. Notfalls ist das deutsche Volk sogar aufgerufen, mit Waffengewalt die bestehende Ordnung zu verteidigen. In dieser Dimension sind wir gut gerüstet.
Aber was ist mit den ganzen alltäglichen Orten und Situationen, wo Menschen eben nicht sofort die Hilfe der Gesellschaft erwarten können? Wo es für Organisation zu spät ist? Es reicht ja schon, wenn Kinder auf dem Schulhof ausgeraubt oder Afrikaner nachts Angst haben müssen, überfallen zu werden. Der Staat, die Gesellschaft sind in solchen Situationen weit weg.
Wir brauchen deshalb verantwortungsbewusste, kritische und aufrichtige Bürger. Nur ein solches Bürgertum ist Garant unserer friedlichen Ordnung – auf allen Ebenen. Wir brauchen Menschen, die eben nicht wegschauen oder andere Menschen verraten. Wir brauchen Menschen mit einem gemeinsamen Ideal einer Staats- und Gesellschaftsordnung – die daran glauben, dass es besser sein kann.
Verachtenswert sind solche, die andere verraten und sich dadurch selbst einen Vorteil zu verschaffen. Man kann sie mit Wegschauenenden in einen Sack packen und draufschlagen – es würde immer den richtigen erwischen.
Achtsamkeit, kritisches Denken, gegen den Zeitgeist schwimmen. All diese Schlagwörter sind wichtiger denn je. Gerade Jugend sucht nach Halt und Gemeinschaft. Der eigene Geist wird dafür schon einmal ausgestaltet. Ohne nachzudenken lässt es sich ja viel bequemer denken. Anecken möchte man auch nirgends.
Aber wer so denkt ist lediglich ein Löwenzahn im Wind und kein Bollwerk gegen menschenverachtendes Handeln.
Respekt dient denjenigen, die in der DDR auf die Straße gegangen sind obwohl sie wussten dass das ihr gesellschaftlicher Ruin bedeuten konnte. Respekt verdienen all diejenigen, die auch heute noch gegen Regime weltweit protestieren oder darauf aufmerksam machen. In ihnen brennt eine Flamme und diese Flamme eint sie alle im Kampf.
Wie wichtig Bürgerengagement ist, erfahren wir spätestens wieder am 09. November wenn an den Fall der Mauer erinnert wird. Hoffen wir, das all die Reden und Appelle nicht im Sand versickern sondern fruchtbar wie Roggen sprießen und der Wind ihre Samen in die Welt trägt.
Zu viert haben sie sich auf den Weg gemacht. Die halbe Nacht sind sie mit ihrem Wartburg durch die Gegend gefahren, wirklich nah an die Grenze konnten sie nicht – viel zu gefährlich. Sie stellten ihn also schon früher ab und suchten dann den Gullyeingang zum Tunnel.
Grenzanlagen und Wachtürme erkennt man nachts leicht. Aber einen Gullydeckel inmitten des hohen Grases? Beim ersten Versuch fanden sie ihn nicht. So wollte unsere kleine Gruppe weiter nördlich suchen, wären sie auch dort ohne Erfolg geblieben wollten sie den Fluchtversuch abbrechen.
Dazu kam es nicht. Hundegebell durchbrach die Stille der Nacht. Scheinwerfer flackerten auf und NVA-Grenzsoldaten umzingelten die gescheiteren Flüchtlinge.
Wie konnte das bei all der Vorsicht passieren? Nun, „wachsame“ Bürger des nahe gelegenen Dorfes Großburschla riefen bei der Polizei an und gaben Typ und Kennzeichen dort. Alles Weitere war Routine in der überwachten Gesellschaft der DDR mit ihren perfiden Überwachungssystemen.
Gleich zwei Anrufe gingen bei der Polizei ein. Was denken sich Menschen in einem solchen Moment? Sie verraten wissentlich andere Menschen und stürzen sie damit ins Unglück. Das „Verbrechen“ um was es hier ging, was nichts anderes als der Versuch aus dem DDR-Kollektiv zu fliehen.
Es war das historische Glück, das Susanne und ihre Freunde nicht die ganze Haftstrafe absitzen mussten sondern das mutige und aufrichtige Bürger 1989 auf die Straße gingen und den Unrechtsstaat DDR in die Knie zwangen.
Wir gedenken heute dem Bau der Berliner Mauer am 13. August 1961. Das DDR-Regime mauerte das eigene Volk ein, um es an Fluchtversuchen aus der DDR zu hindern. Viele haben es trotzdem versucht und den qualvollen und gefährlichen Weg in die Freiheit auf sich genommen. Einige haben es auch geschafft. Viele andere hingegen sind bei ihrem Versuch gescheitert oder gar gestorben. Mehr als 1.200 Opfer zählt die Berliner Mauer bis heute.
Ein Staat wie die DDR konnte nicht nur überleben, weil ein ausgeklügeltes Sicherheits- und Überwachungssystem jede kritische Regung registrierte und Abwehrmaßnahmen ergriff. Es konnte auch überleben, weil Menschen andere denunziert haben und sich selbst – freiwillig – einer bösen Idee unterworfen haben.
Unsere Verfassung schützt uns vor dem zerstörerischen Machttrieb Einzelner. Notfalls ist das deutsche Volk sogar aufgerufen, mit Waffengewalt die bestehende Ordnung zu verteidigen. In dieser Dimension sind wir gut gerüstet.
Aber was ist mit den ganzen alltäglichen Orten und Situationen, wo Menschen eben nicht sofort die Hilfe der Gesellschaft erwarten können? Wo es für Organisation zu spät ist? Es reicht ja schon, wenn Kinder auf dem Schulhof ausgeraubt oder Afrikaner nachts Angst haben müssen, überfallen zu werden. Der Staat, die Gesellschaft sind in solchen Situationen weit weg.
Wir brauchen deshalb verantwortungsbewusste, kritische und aufrichtige Bürger. Nur ein solches Bürgertum ist Garant unserer friedlichen Ordnung – auf allen Ebenen. Wir brauchen Menschen, die eben nicht wegschauen oder andere Menschen verraten. Wir brauchen Menschen mit einem gemeinsamen Ideal einer Staats- und Gesellschaftsordnung – die daran glauben, dass es besser sein kann.
Verachtenswert sind solche, die andere verraten und sich dadurch selbst einen Vorteil zu verschaffen. Man kann sie mit Wegschauenenden in einen Sack packen und draufschlagen – es würde immer den richtigen erwischen.
Achtsamkeit, kritisches Denken, gegen den Zeitgeist schwimmen. All diese Schlagwörter sind wichtiger denn je. Gerade Jugend sucht nach Halt und Gemeinschaft. Der eigene Geist wird dafür schon einmal ausgestaltet. Ohne nachzudenken lässt es sich ja viel bequemer denken. Anecken möchte man auch nirgends.
Aber wer so denkt ist lediglich ein Löwenzahn im Wind und kein Bollwerk gegen menschenverachtendes Handeln.
Respekt dient denjenigen, die in der DDR auf die Straße gegangen sind obwohl sie wussten dass das ihr gesellschaftlicher Ruin bedeuten konnte. Respekt verdienen all diejenigen, die auch heute noch gegen Regime weltweit protestieren oder darauf aufmerksam machen. In ihnen brennt eine Flamme und diese Flamme eint sie alle im Kampf.
Wie wichtig Bürgerengagement ist, erfahren wir spätestens wieder am 09. November wenn an den Fall der Mauer erinnert wird. Hoffen wir, das all die Reden und Appelle nicht im Sand versickern sondern fruchtbar wie Roggen sprießen und der Wind ihre Samen in die Welt trägt.