Original von Amber Marie Ford
Auch das ist in weiten Teilen absolut richtig. Ratelon - ich benutze bewusst diesen Namen, da ich damit eine Micronation meine, mit welcher die heutige Demokratische Union schon strukturell nicht mehr allzu viel gemein hat - hatte zwei herausragende Eigenschaften, deren eine die andere bedingte und befruchtete: die erste war klar ihr Charakter als "Deutschlandsimulation". Auch wenn das niemals offiziell so festgelegt, und daher auch nicht "planmäßig" nach außen transportiert wurde, galt Ratelon sowohl innerhalb der micronationalen Gemeinde, als auch der Wahrnehmung derselben von außen heraus (also z. B. in der medialen Berichterstattung über diese) als
das virtuelle Abbild der Bundesrepublik Deutschland. Genau diese Eigenschaft hat, wie du sagst, viele Einsteiger in die virtuelle Welt direkt nach Ratelon gezogen, und auch viele Mitspieler anderer Nationen irgendwann einmal angelockt. Ratelon hatte genau die richtige Mischung aus Parallelen und Eigenheiten gegenüber der BRD entwickelt, um einerseits eine einfache Orientierung und einen schnellen Einstieg zu ermöglichen, andererseits aber ausreichend Raum für eigene Ideen und den dynamischen Gang seiner eigenen Geschichte zu lassen. Und dieses Rezept zog eben konstant zahlreiche neue Mitspieler an, und gewährleistete eine stetig hohe Aktivität.
Der Beginn des Niederganges war nicht der Umzug auf die GF-Karte, sondern die -
hier mache ich mir mal einen von Michael Schneider alias Roland Burghammer geprägten Begriff zu eigen - "Entdeutschung" Ratelons im Wege der Umgestaltung seiner Länder. Alte Veteranen, die seit einigen Jahren dabei sind, in zwei oder drei Parteien waren, mehrere Koalitionen und ihre Unionskanzler kommen, ihre Spionageskandale erleben und gehen gesehen haben, die mögen es so empfinden, dass doch gerade die Vielfalt und Kontraste in der Ausgestaltung, die Konflikte und Probleme, die aus aus dem Zusammenleben einer Gruppe völlig verschiedener Völker in einer politischen Union ergeben den Reiz des Spiels ausmachen. Aber neue Mitspieler gewinnt man mit diesem Konzept definitiv nicht! Ich bin erstmals im Spätherbst 2003 in Ratelon aufgetreten, also buchstäblich in den letzten Tagen seiner klassischen Gestalt, und was mich angelockt, fasziniert und zum Bleiben bewogen hat, waren neben der kaum zu durchblickenden Vielfalt an Mitspielern und ihren unterschiedlichen Identitäten, dem imposanten Geflecht aus Themen und Simulationssträngen und dem Ereignisreichtum durch hohe Aktivität vor allem auch die spontane und intuitive Vertrautheit, die richtige Mischung Ratelons aus einem politischen, gesellschaftlichen und charakterlichen Spiegelbild der BRD einer-, und einem von seinen Mitspielern gestalteten und gelenkten dynamischen Kosmos andererseits.
In die Demokratische Union, zu welcher Ratelon sich im Laufe der letzten rund vier Jahre entwickelt hat, zöge mich heute nichts mehr, hielte mich als jemand, der sie zufällig entdeckt, nichts, und reizt mich, wie gestern an anderer Stelle offiziell verkündet, als eingesessener Mitspieler auch nichts mehr.
Der Verlust des angestammten Namens ist nur die Spitze des Eisbergs, oder die Krönung der Misere. Metaphorisch gesprochen: so wie die Krone eines Monarchen Symbol seiner Macht ist, ist die Namenlosigkeit dieses Spiels Symbol seines Zustandes. Es hat kein Herz und keine Seele mehr. Es ist nur noch eine Ruine aus sieben eigenbrötlerischen und eifersüchtigen Kleinstaaten, deren innere Aktivtät sich in großen Teilen darin erschöpft, durch Gesetzgebung und Ausgestaltung plakativ zu dokumentieren, wie wenig sie doch miteinander gemein haben und zu tun haben wollen. Was diese Demokratische Union nun von außen betrachtet eigentlich ist, woher sie kommt, wohin sie will, warum es sie gibt - niemand weiß es mehr.
Der "Oktoberputsch" war ein überdeutliches Alarmsignal für den Niedergang dieses Spiels. Denn es steckten nicht, wie noch bei der Sezession Vesterans, Leute dahinter, die Ratelon eigentlich sowieso doof fanden und nur seine Spielerschaft ärgern wollten. Es waren Leute, die z. T. lange Zeit zentrale Rollen in Politik und Gesellschaft gespielt, die Simulation zunächst in Ratelon und später der Demokratischen Union ganz wesentlich mitgetragen und mitgeprägt haben. Nur sind sie zu der Ansicht gekommen, das habe alles keinen Sinn mehr, dieses Spiel habe keine Zukunft mehr.
Und diese Einschätzung war, ist und bleibt richtig: wenn die Demokratische Union so weitermacht, ist sie bald am Ende, egal auf welcher Karte sie sich einzeichnen lässt! Sie wird ihren Spielern mehrheitlich in Konkurrenz sowohl zu anderen Micronationen und Online-Spielen, als auch anderen Hobbys und Freizeitbeschäftigungen keine Langzeitmotivation mehr bieten können, weshalb der Exodus nicht abreißen wird, sie wird andererseits kaum Spieler anderer Micronationen, und noch seltener mal einen originär, also in der Welt der Micronationen völlig neuen Spieler gewinnen können, so dass sie über kurz oder lang nur noch von unbesetzten Ämtern auf Unions-, Landes- und Parteiebene zusammengehalten werden wird, bis der kalte Wind der Inaktivität - in Folge des Fehlens von Spielern, Spielspaß und Motivation - dieses löchrige Konstrukt irgendwann zum Einsturz bringen wird.
So, jetzt bin ich weit vom Thema OIK/GF abgekommen, habe doch noch in epischer Breite rekapituliert was den letzten Funken Spaß an der und Motivation für die Demokratische Union in mir zum Erlöschen gebracht hat. Was ich sonst noch, bzw. eigentlich sagen wollte: die GF ist allenfalls nachrangig und mittelbar kausal für das langsam, aber unerbittlich fortschreitende Sterben der Demokratischen Union. Primäre und direkte Todesursache ist die Lebensunfähigkeit dieses Projekts, in welches man Ratelon umgewandelt hat. Nicht zu bestreiten ist, dass der Umzug auf die GF-Karte diesen Wandlungsprozess forciert und gefördert hat, aber dafür kann die GF nichts, die Verantwortung dafür trifft allein die Spielerschaft der Demokratischen Union, des ehemaligen Ratelon, die diesen Vorgang eingeleitet und betrieben hat.
Richtig ist und bleibt auch, dass die GF-Staaten sich selbst innerhalb der micronationalen Gemeinde weitestgehend isolieren, aber andersherum auch von vielen OIK-Staaten abgelehnt und ausgegrenzt werden. Ein Austausch von Spielern und Ideen zwischen den Staaten beider Kartenprojekte, ein gemeinsames Auftreten als Micronationen nach außen hin findet de facto kaum noch statt. Die OIK-Staaten sind quasi an die Stelle der ehemaligen Gemeinde der deutschsprachigen Micronationen, die GF-Staaten ihnen gegenüber in den Hintergrund getreten. Ab und zu verirrt sich mal ein OIK-Spieler in einen GF-Staat und bleibt tatsächlich, echte Neubürgerakquise findet aber nun einmal nur seitens der OIK-Staaten statt, so dass, wenn sich nicht irgend etwas ändert - sei es in Form einer Überwindung dieser Spaltung der MN-Gemeinde, oder einer völlig neuen Außendarstellung der GF und ihrer Staaten sowohl gegenüber der OIK, als auch dem Internet außerhalb der Welt der Micronationen - auch die GF und ihre Staaten irgendwann einschlafen werden.
Das Problem der Demokratischen Union ist aber nicht der geringe Neubürgerzuzug in den GF-Staaten, das Problem der Demokratischen Union ist, dass sie quasi nichts mehr mit dem Erfolgsmodell Ratelon zu tun hat.
So, das war das Wort zum Sonnabend