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Verfasst: Mo 22. Sep 2008, 21:44
von Stigman
By the way: Der Verlauf dieses Threads ist auch eine typische ratelonische Spezialität ;)

Verfasst: Mo 22. Sep 2008, 21:45
von Montgomery Scott
Original von Kreittmayr
Möglicherweise irre ich mich, aber ich meine irgendwo gelesen zu haben, dass Saudi Arabien der Geldgeber sei? Aber eigentlich ist es mir gleich; ich bin so oder so extrem skeptisch, wenn eine staatlich verfasste religiöse Autorität in anderen Ländern solche Großprojekte finanziert.
Fein, die christliche Welt hat dieses Geschäft schon vor längerer Zeit zentralisiert und outgesourct

Verfasst: Mo 22. Sep 2008, 21:48
von Montgomery Scott
Original von Oliver von Palm
Zugang wozu?
In ökonomischer und politischer Hinsicht. Oder wie war das mit den westlichen Staaten, die den islamischen Staaten die Nutzung von Atomtechnologie verbieten?

Verfasst: Mo 22. Sep 2008, 22:24
von Kreittmayr
Original von Oliver von Palm
Nun, Kant ist sicher auch auf Arabisch verfügbar.
Mit Kant kommt man da nicht weiter, abgesehen davon, dass die Kritik der reinen Vernunft und andere wichtige Schriften sicherlich in einigen Ländern auf dem Index stehen dürften. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Saudi Arabien es der Bevölkerung erlaubt, Bücher zu lesen, in denen Gott und Co. aus Sicht der theoretischen Vernunft widerlegt wird, selbst wenn Kant sie später über die praktische wieder einschmuggelt.

Es wäre ein Anfang, wenn die islamische Orthodoxie den Beiträgen der aristotelischen Traditionslinie wieder mehr Raum geben würde. Denn der Niedergang der islamischen Kultur fällt wenig überraschend zeitlich in eins mit der Ausschaltung des islamischen Aristotelismus.

Verfasst: Mo 22. Sep 2008, 22:26
von Kreittmayr
Original von Montgomery Scott
In ökonomischer und politischer Hinsicht.
Mentalitäten sind nicht die Konsequenz von materiellen Zuständen, sondern umgekehrt. Den islamischen Ländern geht es nicht schlecht, weil der böse Westen ihnen den Wohlstand vorenthalten würde (wie auch immer das gehen soll), sondern weil dort ein kulturelles Klima herrscht, dass den Grundbedingungen von Wohlstand und Freiheit feindlich ist. Und diese Grundbedingungen sind nun einmal: Rationalität, Individualismus, Religionsfreiheit/Trennung von Kirche und Staat, Rechtstaatlichkeit, Marktwirtschaft, u.ä.

Verfasst: Mo 22. Sep 2008, 22:30
von Montgomery Scott
Original von Kreittmayr

Mit Kant kommt man da nicht weiter, abgesehen davon, dass die Kritik der reinen Vernunft und andere wichtige Schriften sicherlich in einigen Ländern auf dem Index stehen dürften. Ich kann mir jedenfalls nicht vorstellen, dass Saudi Arabien es der Bevölkerung erlaubt, Bücher zu lesen, in denen Gott und Co. aus Sicht der theoretischen Vernunft widerlegt wird, selbst wenn Kant sie später über die praktische wieder einschmuggelt.
Ich bitte Dich, theoretische Philosophie ist so wenig subversiv wie eine Kondom-Fabrik anstößig ist.
Es wäre ein Anfang, wenn die islamische Orthodoxie den Beiträgen der aristotelischen Traditionslinie wieder mehr Raum geben würde. Denn der Niedergang der islamischen Kultur fällt wenig überraschend zeitlich in eins mit der Ausschaltung des islamischen Aristotelismus.
Wobei Du ja schon andeutest, dass die westliche Welt ihren Zugang zu antiken Schriften überwiegend islamischen Gelehrten zu verdanken haben. Eine Randnotiz, die ein wenig Licht auf die Ambivalenz des Kulturengegensatzes wirft.

Verfasst: Mo 22. Sep 2008, 22:33
von Montgomery Scott
Original von Kreittmayr
Mentalitäten sind nicht die Konsequenz von materiellen Zuständen, sondern umgekehrt. Den islamischen Ländern geht es nicht schlecht, weil der böse Westen ihnen den Wohlstand vorenthalten würde (wie auch immer das gehen soll), sondern weil dort ein kulturelles Klima herrscht, dass den Grundbedingungen von Wohlstand und Freiheit feindlich ist. Und diese Grundbedingungen sind nun einmal: Rationalität, Individualismus, Religionsfreiheit/Trennung von Kirche und Staat, Rechtstaatlichkeit, Marktwirtschaft, u.ä.
Ich behaupte, dass es zumindest eine reziproge Beziehung zwischen beiden Ebenen gibt. Der Präsident des Iran hat es eigentlich schön auf den Punkt gebracht: "Seit 30 Jahren kritisieren sie, dass die iranische Nation eine rückständige Nation ist und der Iran hat keine andere Option, als rückständig zu bleiben."

Verfasst: Mo 22. Sep 2008, 22:36
von Kreittmayr
Original von Montgomery Scott
Ich bitte Dich, theoretische Philosophie ist so wenig subversiv wie eine Kondom-Fabrik anstößig ist.
Die Kritik der reinen Vernunft stand zum Zeitpunkt ihres Erscheinens auf dem Index der katholischen Kirche. Und das war eine bereits recht gemäßigte Kirche. Du kannst mir nicht erzählen, dass die Mullahs zusehen werden, wie jemand ein Buch veröffentlicht, dass ihres Erachtens Gott lästert.
Wobei Du ja schon andeutest, dass die westliche Welt ihren Zugang zu antiken Schriften überwiegend islamischen Gelehrten zu verdanken haben.
Sicher. Ich gebe gerne zu, dass uns die islamische Kultur bis ins 13. Jhd. haushoch überlegen war. Aber kurioserweise ging es mit denen gerade zu dem Zeitpunkt bergab, als wir über Albertus Magnus, Thomas Aquin und viele andere Aristoteles wiederentdeckten und den Weg aus dem Mittelalter heraus fanden. Und das liegt eben daran, dass der Aristotelismus in der islamischen Welt gerade zu dieser Zeit in Miskredit fiel.

Verfasst: Di 23. Sep 2008, 02:12
von Montgomery Scott
Original von Kreittmayr
Die Kritik der reinen Vernunft stand zum Zeitpunkt ihres Erscheinens auf dem Index der katholischen Kirche. Und das war eine bereits recht gemäßigte Kirche. Du kannst mir nicht erzählen, dass die Mullahs zusehen werden, wie jemand ein Buch veröffentlicht, dass ihres Erachtens Gott lästert.
Die Theologen, mit denen es Kant zu tun hatte, waren auch allesamt selbst Philosophen. Es gibt in China ein kurioses Phänomen: Die akademische Rezeption der Frankfurter Schule trägt bemerkenswerte Blüten. Und das, obwohl China für Adorno und Co. in wirklich jeder Hinsicht ein gefundenes Fressen gewesen wäre. Zugegeben, mit ein wenig Dreherei lässt sich die Kapitalismuskritik der Frankfurter Schule in die Staatsideologie einordnen aber das ist höchstwahrscheinlich ein eher mühseeliges Unterfangen. Der springende Punkt ist: Entweder jemand ist gebildet, dann braucht er keine subversiven Schriften, um kritisch über die gesellschaftliche Realität zu denken. Oder er ist es nicht in diesem Maße, dann ist das Szenario, dass die Person Kant bzw. Adorno ließt, aber abwegig. Um es auf den Punkt zu bringen: Kant in der Bibliothek lockt niemanden hinter dem Kamin hervor. Für zensurwütige Regime mag es natürlich Ehrensache sein, einen Index zu pflegen, der alle großen Namen der emanzipatorischen Geistesgeschichte kennt. Not besteht aber keine dazu.
Sicher. Ich gebe gerne zu, dass uns die islamische Kultur bis ins 13. Jhd. haushoch überlegen war. Aber kurioserweise ging es mit denen gerade zu dem Zeitpunkt bergab, als wir über Albertus Magnus, Thomas Aquin und viele andere Aristoteles wiederentdeckten und den Weg aus dem Mittelalter heraus fanden. Und das liegt eben daran, dass der Aristotelismus in der islamischen Welt gerade zu dieser Zeit in Miskredit fiel.
Um nochmal auf die Frage nach dem Umgang der westlichen Welt mit der islamischen zurückzukommen: Der Punkt ist nicht zuletzt, dass an vielen Stellen völlig klar aufgezeigt werden kann, wie der Westen die politischen Mächte der islamischen Welt klein hält und ihnen einen gleichberechtigten Status verwehrt, obwohl jede rationale Rechtfertigung völlig fehlt.

Verfasst: Di 23. Sep 2008, 19:59
von Oliver von Palm
Die politischen Mächte der islamischen Welt sind allesamt sehr rückständig und reaktionär. Es ist ein Kreislauf: Hält man sie nicht klein, werden sie gefährlich.