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Verfasst: Do 20. Sep 2007, 13:57
von Konrad Grimm
Original von Literoy Goldheart
Darwinismus pur?
Nein, Stirner. Wobei ich nicht behaupten möchte, dass Stirner auch nur ansatzweise meiner Meinung gewesen wäre, denn was ihn und mich trennt, ist sein Bekenntnis "Ich liebe die Menschen auch, nicht bloss einzelne, sondern jeden." (Der Einzige und sein Eigentum, S. 324)
Ich nicht.
Stirners Philosophie in Kurzfassung:
MS gehörte einer Gruppe von Junghegelianern an, darunter Ludwig Feuerbach, Bruno Bauer, Karl Marx und Friedrich Engels. Großes Thema insbesondere für die ersten beiden war es, Gott zu überwinden. Feuerbach gilt bis heute als einer der wichtigsten Kritiker der christlichen Religion.
MS geht weiter. Er sagt: "Ihr habt den Gott außerhalb von euch überwunden, aber den Gott in euch nicht." Der Gott in uns entspricht dem, was die Psychoanalyse später das "Über-Ich" nennen wird. Wir sind immer noch besessen, selbst wenn - wie Nietzsche, dessen ganzes Lebenswerk nichts als ein steter Kampf mit den Ideen Stirners war, später schreiben wird - Gott "tot" ist; wir sind Sklaven der Ideen, die in unsere Köpfe hineingehämmert worden sind. Alles, was uns heilig ist, dessen Sklave sind wir. Wo kommen sie her? Sie werden frühkindlich in uns hineingepresst in Form der Erziehung, um uns demütig zu machen, um uns zu brechen. Nun kriechen wir vor den Götzen, vor Nation, Staat, Familie, vor Eigentum, vor Recht, Gerechtigkeit und Gesetz, vor heiliger Liebe und heiliger Wahrheit und heiliger Freiheit.
Weg damit! "Mir geht nichts über mich!", das ist die Parole der Befreiung.
Daraus folgt dann auch: Recht ist Macht. Ich habe jedes Recht, das ich durchsetzen kann, und sonst keines. Behaupte ich, ich dürfte Sprechen, auch wenn man es unterbindet, so ist das, als behauptete ich, ich hätte das Recht, durch eine Wand zu laufen. Das ist nur sinnlose Dampfplauderei, in den Wind geschriene Forderungen. (Wobei Stirner selbst sagt, dass dies eigentlich nur eine Hilfsdefinition ist; hat man sie erst verstanden, so versteht man auch, dass es für Eigner das Wort "Recht" eigentlich nicht gibt)
Soweit Stirner.
Was man dann damit macht, wenn man frei ist, darin ist man - eigen.
Ich bin nicht bereit, mir das Gesülze so eines Dummschwätzer freiwillig anzuhören. Ihr, so meine ich, wärt es auch nicht, denn Euch fällt nichts besseres ein, als Euch auf ein Heiligtum - Meinungsfreiheit - zu berufen. Macht Euch frei davon.
Ich akzeptierte, wenn Ihr dies anders sehen würdet und
Eigner wärt. Doch solang Ihr Sklaven seid - was schert mich Euer religiöses Geschwätz?
Ah, und noch was zu meinem Blogeintrag: Die eigentliche Kritik dieses Blogs lässt sich auf genau einen Satz reduzieren, nämlich den vorletzten. Der Rest ist provokative Füllmasse.
Verfasst: Do 20. Sep 2007, 14:25
von Karl Lagerquell
Ich glaube die Dichterschlacht würde Dir gefallen - da wird jeder von der Bühne gebuht, der nicht gefällt...
Verfasst: Do 20. Sep 2007, 14:40
von Konrad Grimm
Original von Karl Lagerquell
Ich glaube die Dichterschlacht würde Dir gefallen - da wird jeder von der Bühne gebuht, der nicht gefällt...
Das glaube ich wiederum nicht.
Es geht mir nicht darum, irgendjemanden niederzumachen. Es ging mir auch im vorgenannten Zusammenhang nicht eigentlich um die Aussage "Haut drauf, Kameraden, haut drauf, haut drauf!" Wenn ich derartiges von mir geben wollte, hätte ich heute Abend im Fußballstadion genug Gelegenheit, und würde mich damit auch im Gegensatz zu hier eher be- denn unbeliebt machen.
Was bleibt übrig, wenn Du Dich von der Moral gelöst hast, wenn Du Dein Über-Ich aufgelöst hast?
- Die Gefühle.
Etwa Zorn, wie er sich bei mir über das Auftreten dieses Deppen entwickelt hat.
Oder Mitleid, wie er sich bei mir meiner Vermutung nach eher bei einem schlecht vorgetragenen Gedicht einstellt.
Wer allerdings nur Mist von sich gibt und sich dabei noch cool vorkommt - wie der Typ bei Kerry - dem gönne ich von ganzem Herzen, dass er die Fresse poliert bekommt.
Verfasst: Do 20. Sep 2007, 17:38
von Kreittmayr
Gefühle sind ja auch so wunderbar verlässliche Kriterien für das Handeln.
Verfasst: Do 20. Sep 2007, 18:07
von Konrad Grimm
Original von Kreittmayr
Gefühle sind ja auch so wunderbar verlässliche Kriterien für das Handeln.
Nur sie sagen uns, was wir wollen.
Verfasst: Do 20. Sep 2007, 18:08
von Kreittmayr
Ich habe dir ja schon einmal gesagt, dass ich der Ansicht bin, dass Stirner versucht, den Menschen durch Sabotage seines nun einmal mit Begriffen und Prinzipien -- die Stirner als Sparren abtut -- arbeitenden Vernunftvermögens kognitiv und handlungstechnisch auf die Ebene von Tieren herabzudrücken.
Verfasst: Do 20. Sep 2007, 18:21
von Konrad Grimm
Ich würde da insoweit zustimmen, als eine Verbreitung der Einsichten Stirners wohl einhergehen würden mit dem Ende der Zivilisation. Das war auch der Grund, warum Stirner-Anhänger Wilhelm Reich seinerzeit bei seinem Lehrer Sigmund Freud in Ungnade gefallen ist: Freud war klar, dass unsere "Kultur" Ausdruck des Über-Ichs ist.
Und dem meine ich historisch zustimmen zu können. Die Menschen sind nicht mehr frei, seit sie mehr oder weniger zeitgleich "Gott" und "Recht" erfunden haben, was wiederum einher geht mit der neolithischen Revolution, welche wiederum Beginn der Zivilisation ist.
Ein freier Mensch kehrt zu seiner Natur zurück und ist daher dem weit näher, was man heute Tier nennt.
Verfasst: Do 20. Sep 2007, 18:41
von Kreittmayr
Mal abgesehen, davon, dass ich von diesem ganzen Freud'schen Schwachsinn nichts halte: Das Denken in Prinzipien hat grundsätzlich nichts mit internalisierten Fremdzwängen im Sinne eines Über-Ichs bzw. (mehr oder minder willkürlichen) gesellschaftlichen Normenapparates zu tun.
Es mag sein, dass es derzeit viele Menschen gibt, die über so einen Apparat funktionieren, d.h. die Dinge tun, weil alle sie tun, oder weil man es ihnen so beigebracht hat, oder weil die Mehrheit darauf besteht, dass dieses Verhalten richtig ist. Dies als guten Grund zu nehmen, diese Normen zu praktizieren und im eigenen Unterbewusstsein (ich benutze den Begriff hier nicht freudisch) soweit zu automatisieren, dass er sozusagen zu einer zweiten Natur wird, zeugt von einer gewissen Sozialmetaphysik -- von mangelnder Unabhängigkeit, von mangelndem Selbstwertgefühl. Dinge, die in der Regel dadurch zustande kommen, dass Vernunft nicht praktiziert wird.
Vernunft arbeitet nun allerdings mit Verallgemeinerungen und Prinzipien. Diese erfüllen eine wesentlich kognitive Funktion: Sie kondensieren zahlreiche Daten in kleine, gut handhabbare Einheiten, und erleichtern auf diese Weise die kognitive und verhaltenstechnische Orientierung bei der ganzen Unmenge an Konkreta, denen wir so den lieben langen Tag über begegnen.
Stirner tut das als Sparren ab. Mag sein, dass der Anlass seiner Position zunächst einmal in dem Wunsch bestanden hat, den "Über-Ich"-Apparat gesellschaftlicher Normen beiseite zu räumen. Dummerweise attackiert Stirner nicht nur diesen Apparat, sondern das Vermögen des Menschen, begrifflich und in Prinzipien zu denken, als solches. Und wenn die Vernunft als genuin menschliches Erkenntnisvermögen aus dem Spiel ist, dann bleiben in der Tat nur noch die Gefühle, die allerdings zur Verhaltenssteuerung beim Menschen nicht geeignet sind, da sein emotionaler Apparates etwas komplexer ist als bei Tieren und er in diesem Sinne keine "Instinkte" hat. Wer als Mensch versucht, nur mithilfe seiner Gefühle auszukommen, der wird sich an der Realität den Kopf ziemlich stoßen.
Und was das ganze Gefasel von Freiheit angeht, so scheint Stirner hier, wie gesagt, einer ziemlichen Verwechselung zu unterliegen. Er verdammt den "Über-Ich"-Apparat gesellschaftlicher Verhaltensnormen, weil dieser einen Fremdzwang darstelle und den Menschen daher nicht wirklich frei sein lasse. Als die Alternative zu diesem Apparat sieht er nur die eigenen Gefühle, freudianische gesprochen: das Es.
Stirner präsentiert also als Alternative zu einem "kollektivistischen" Normenapparat, der den Menschen in seinem Verhalten unfrei mache, die subjektiven Launen. Das ist eine künstliche Dichotomie, eine falsche Alternative. Ein Mensch, der von seinen Launen getrieben wird, ist ebenso wenig frei, wie einer, der die Dinge tut, weil alle anderen das so wollen/für richtig halten/auch so tun.
Stirner ist es offenkundig niemals in den Sinn gekommen, dass man Prinzipien nicht nur haben kann, weil man gesellschaftliche Fremdzwänge internalisiert hat, sondern dass man sie eben auch aus eigener Überzeugung haben kann, durch ein eigenes, unabhängiges Urteil des Verstandes. Für Stirner ist Vernunft offenbar nichts, was zu Unabhängigkeit in Denken und Handeln befähigt, sondern nur ein Instrument zur Rationalisierung der Internalisierung von Fremdzwängen.
Mein Punkt, letztendlich, ist: Die Alternative zum Über-Ich ist nicht das Es, sondern das Ich. Stirner kennt kein genuines Ich. Er kennt nur Fremdbestimmung durch gesellschaftliche Normen, oder "Selbstbestimmung" durch die eigenen Launen. Aber das ist kein Individualismus, und hat sicherlich auch nichts mit Freiheit oder freiem Handeln zu tun.
Verfasst: Do 20. Sep 2007, 19:09
von Konrad Grimm
Das ist der gewohnt kluge Einwand von Dir
Und jedenfalls Herr Reich und einige andere würden Dir zustimmen, etwa Otto Fenichel, ein weiterer Psychoanalytiker, der geschrieben hat, das Freud'sche "Wo Es war, soll ich werden" solle ergänzt werden um "Wo Über-Ich war, soll Ich werden". Herr Reich hat als Lösung für das Problem den "gesunden genitalen Charakter" angeboten - was ich aber für lediglich ein Beispiel der Sexualfixierung der Freudianer halte.
Bernd Laska, der vielleicht beste Interpret Stirners, würde Dir ebenfalls zustimmen. Er meint, Stirner führe eben gerade nicht in den Nihilismus, sondern sei gerade ein Überwinder des Nihilismus.
Friedrich Nietzsche hat auch mit seinem Übermenschen gemeint, genau das zu schaffen.
Ich weiss es nicht. Ich weiss nicht, wie Stirner das gesehen hat. Wie gesagt, er hat selbst eingeräumt, dass er nicht wusste, wie eine Welt von Eignern sein würde. Lassen wir ihn daher mal außen vor.
ICH meine, dass wenn wir uns von den Gespenstern in unserem Kopf gelöst haben, die andere uns eingetrichtert haben, nichts mehr bleibt, an dem wir uns orientieren könnten als unsere dann "gesäuberten" Gefühle. Das liegt aber daran, dass ich zugleich Sympathien für den Emotivismus und den logischen Empirismus habe (die Stirner nicht hatte, weil sie erst Jahrzehnte nach ihm als philosophische Schule aufkamen).
Insofern: Ob Stirner das so sah - weiss ich nicht. Ich sehe es so. Stirner wird nicht umsonst bisweilen als "Meta-Philosoph" bezeichnet, weil er nicht im eigentlichen Sinne eine Ethik vorgibt, sondern eine Art "Reinigungsprogramm" - werde erstmal Eigner, und dann - ... wer weiss.
Verfasst: Do 20. Sep 2007, 19:42
von Kreittmayr
Die Vernunft einzumotten, wird sicherlich alles andere als in einer "Reinigung" der Gefühle enden. Gefühle, sofern wir hier nicht von physischen Lust- und Schmerzerfahrungen sprechen, sind eine psychosomatische Reaktion, die in ihrer Art auf Verstandesinhalten basiert. Wie sich unsere Emotionen einer Sache gegenüber ausformen, hängt von verschiedenen Faktoren ab, insbesondere von unserem Wissen über die bzw unserer Interpretation der Sache, sowie unserer wertmäßigen Beurteilung der Sache. Emotionen beziehen sich auf Sachen, wie sie von einem Verstand kognitiv erfasst und wertmäßig beurteilt werden. (Es ist klar, dass das Ausfallen des Werturteils nicht nur von unseren Wertmaßstäben, sondern auch von unserer Einschätzung der Beschaffenheit der Sache abhängt.) Emotionen sind das Resultat, die automatische Reaktion, die solche Zusammenhänge hervorrufen. Wir müssen dabei meist nicht erst groß nachdenken, da Werturteile über eine Sache etc. meistens in unserem Unterbewusstsein automatisiert sind, und nur abgerufen werden müssen, ohne dass viel bewusste Anstrengung nötig wäre. Aber jeder kennt das Phänomen, dass sich seine Emotionen gegenüber einer Sache ändern, wenn sich seine Wertüberzeugungen oder sein Wissen von der genauen Beschaffenheit der Sache ändern. Ein weiteres Indiz, dass für so eine Verstandesabhängigkeit von Emotionen spricht, ist eben der Umstand, dass man bei Emotionen in der Regel die Frage stellen kann: Warum fühle ich so? und darauf dann meistens auch eine Antwort geben kann. Ich bin traurig, weil so und so, etc.
Nun gibt es aber zwei Möglichkeiten, wie die Emotionen zugrundeliegenden Verstandesinhalte zustande kommen können: Entweder durch bewusste, vernunftgemäße Verstandestätigkeit, oder durch willkürliches, teilweise unbewusstes Assoziieren.
Bei letzterer Variante, kann es sehr leicht passieren, dass sich unmerklich eine ganze Menge Gerümpelt zusammenlagert, das teilweise auch in sich widersprüchlich oder faktisch inakkurat ist. Daher dann auch emotionale Konflikte oder die Unverstehlichkeit der eigenen Emotionen: Es verursacht schon eine Menge Chaos, wenn man versucht, konfligierende Wertmaßstäbe auf einen Sachverhalt anzulegen, oder wenn man sich widersprechende Interpretationen des Sachverhaltes für ein Werturteil heranziehen will. Und da beim Assoziieren sehr viel unbemerkt im Unterbewusstsein eingelagert wird, dessen man sich nicht wirklich oder nur halbklar ist, wird man bei vielen Gefühlen auch gar nicht wissen, woher sie genau kommen, weil es keinen direkten, oder nur einen erschwerten Zugriff auf die betreffenden Verstandesinhalte gibt. Das alles ist aber genau der Zustand desjenigen, der die Vernuft als Möglichkeit, System, Ordnung, Widerspruchsfreiheit, und Explizität in die eigenen Verstandesinhalte zu bringen, zurückweist.
Eine "Reinigung" der Gefühle also, in dem Sinne, dass diese klar, verständlich, nonkonfus sind, kann es nur geben, wenn man Vernunft praktiziert. Denn nur Vernunft kann eine widerspruchsfreie Integration der eigenen Verstandesinhalte gewährleisten -- und damit auch eine Integration des emotionalen Haushaltes, und von Denken und Fühlen im Allgemeinen.
Eine stirnerianische Gesellschaft wäre sicherlich keine emotional gereinigte, geläuterte Gesellschaft. Es wäre eine Gesellschaft von Menschen, die in guten Teilen von unverständlichen, scheinbar grundlosen Launen getrieben würde, eine Gesellschaft, in der -- scheinbar paradoxerweise -- die Masse, die ein Produkt der oben erwähnen emotionalen Diffusion von Verstandesinhalten in einer irrationalen Gesellschaft ist, ihren Platz hätte.
Ich persönlich glaube nicht, dass der Stirnerianismus die Grundlage für ein gutes menschliches Leben bilden könnte; und noch nicht einmal für ein freies.