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Verfasst: Di 4. Mär 2008, 11:11
von Nicolas Seroux de Fay
@ Ford

Natürlich besteht bezüglich deiner aufgeführten Beispiele noch Handlungsbedarf in Sachen Geschichtsaufarbeitung. Aber man kann ja nicht alles auf einmal machen und der Zeitgeist spielt auch noch mit.

Es ist sicher so, dass die Verbrechen an den Zigeunern, den Bibelforschern und den Schwulen (wohl nicht nur während der NS-Zeit, obwohl die gerne als einzige Quelle des Bösen dargestellt wird, Funktion "Sündenbock") noch nicht vollständig aufgearbeitet wurden. Aber immerhin ist das öffentliche Bewusstsein dafür vorhanden, jedenfalls in weit höherem Masse als andernorts, z.B. Frankreich. Bei uns in der Schweiz setzte dieser Prozess nur sehr zögernd und mit gewisser Breitenwirkung erst ab den 90ern ein.

Es ist mir nicht ganz klar, warum das Thema derart polarisiert und alles schon erledigt sein sollte bezüglich Geschichtsaufarbeitung. Dies ist ein dynamischer Prozess; es kommen neue Fakten hinzu, alte werden als überspitzt angesehen usw.

Was sicher nicht sein darf, ist, dass die heutige Generation Deutsche sich als veranwortlich für diese Sachen ansieht (z.B. den völlig unsinnigen und beleidigenden Terminus "Tätervolk", so ein Quatsch). Hier gibt es gewisse Kreise in Deutschland selbst, die eindeutig zu weit gehen und manchmal scheint mir, dass es Deutsche gibt, die ein Problem damit haben, Deutsche zu sein. So etwas kann ich nicht nachvollziehen.

Fakt ist und bleibt, dass die moderne deutsche Gesellschaft bezüglich Vergangenheitsbewältigung vorbildlich auf der Welt ist.

Verfasst: Di 4. Mär 2008, 14:11
von Michael Schneider
OvP

Wenn jemand eine Frau und ein KInd ermordet habe ich noch lange nicht das Recht die Frau des Nachbarn und dessen Kind umzubringen. Was bei den Hereros vollzogen wurd eist eine Kollektivschuld zu formulieren. Es wurden nicht nur die Mörder abgeurteilt, sondern ein ganzes Volk samt Alten, Frauen und Kindern umgebracht. Dazu hat kein Mensch das Recht.

Schon unter König Heinrich I. und seinem Sohn Kaiser Otto I. dem Großen wurde der Sühnemord an Verwandten eines Täters ÄUSSERST streng geahndet. Frauen und Kinder geschützt und Mord an ihnen wurde in allen Zeiten der Menschheit unter hohen Kulturen als barbarisch verachtet und abgelehnt.

Es gibt keine Rechtfertigung im Zorn einen Unschuldigen zu ermorden. Ob weiß, ob schwarz, ob gelb, ob rot.

Verfasst: Di 4. Mär 2008, 14:35
von Oliver von Palm
Sicher. Das habe ich auch nie bestritten, dass es ein Verbrechen war. Nur: Welche Kolonialmacht hätte damals anders gehandelt?

Verfasst: Di 4. Mär 2008, 20:37
von Amber Marie Ford
Original von Nicolas Seroux de Fay
Es ist mir nicht ganz klar, warum das Thema derart polarisiert und alles schon erledigt sein sollte bezüglich Geschichtsaufarbeitung. Dies ist ein dynamischer Prozess; es kommen neue Fakten hinzu, alte werden als überspitzt angesehen usw.
Nun, meine Theorie zur polarisierenden Wirkung dieses Themas - die an dieser Stelle sicherlich noch leidenschaftlich bestritten und mir feierlich vorgeworfen werden wird, mit der sog. "antideutschen" Szene zu sympathisieren ;) - ist, dass es zwei Arten der Vergangenheitsbewältigung in Deutschland gibt: einmal die, die einfach nur die Opfer ehren und deren Andenken hochhalten, dabei wissen will, was passiert ist und verstehen will, wie es passieren konnte, um seine Wiederholung für alle Zukunft auszuschließen, idealerweise die Auseinandersetzung mit der Vergangeheit zum Ansatzpunkt einer positiven Gestaltung der Gegenwart und Zukunft zu machen. Zum anderen jene, denen ich zwar aufrichtige menschliche Anteilnahme und Bereitschaft zur intellektuellen Auseinandersetzung nicht absprechen will, die aber dennoch zugleich einen Weg gefunden haben, die Vergangenheitsbewältigung in das Konzept der ebenso ungebrochenen wie noch immer unerträglichen Arroganz des Deutschtums einzubinden: "Am deutschen Wesen soll die Welt genesen", das gilt in vielen Köpfen zwischen Flensburg und Garmisch-Partenkrichen, zwischen Aachen und Görlitz bis heute, und zynischerweise sonnen sich gerade die Anhänger dieses Dogmas nur zu gerne in der Rolle des schuldbewussten "Tätervolkes".

Denn auch bzw. gerade im Büßergewand kann man die Nase noch plakativ hochtragen. Die Missionare des deutschen Wesens verwenden die hierzulande gemachten Erfahrungen mit Diktatur und Totalitarismus nur zu gerne und genüsslich als ihr Oberlehrerexamen in Liberalität und Demokratie. Die kurzen, bald sechzig Jahre formaler Demokratie in der Bundesrepublik (einen Schweizer muss diese Zeitspanne doch erheitern?! ;)) werden wie ich bereits sagte völlig unkritisch verherrlicht. Nachdem drei der großen Demokratien der Welt ein Volk von Lemmingen, das stets gerne komplexbeladenen Schreihälsen auf dem Weg in den Untergang nachgehechtet ist, in die Schweinerennbahn der formalen Demokratie gesteckt hat, ist dieses längst Schulmeister darin. Auch wenn das Schwenken von Fahnen in Deutschland - ausgenommen seit neuestem zu größeren Sportereignissen - ausgesprochen untypisch ist, die politische Bildung, dabei auch und gerade die Erwachsenenbildung, strotzt nur so vor Selbszufriedenheit und Selbstgefälligkeit, bisweilen geradezu höhnischer Arroganz gegenüber den genuinen und gewachsenen demokratischen Nationen.

Höchste Weihe der von den westlichen Alliierten des Zweiten Weltkrieges erzwungenen deutschen Formaldemokratie sind ihren Fetischisten dabei eben die Erfahrungen mit dem Nationalsozialismus. Welche bessere Rechtfertigung gäbe es für das im Vergleich der demokratischen Staat der Welt geringe Maß an tatsächlichen Mitbestimmungsmöglichkeiten und persönlichen Freiheiten, den subtilen und metatotalitären Gesinnungskollektivismus in Deutschland, als die Parole: "Niemals wieder!"?

Ich glaube, das ist die Wurzel der Polarisierung - die Vergangeheit Deutschlands als Mahnung an die Völker der Welt zu wahrer Freiheitlichkeit, oder als Peitsche zum weiteren Drill des "deutschen Wesens"...

Verfasst: Mi 5. Mär 2008, 23:27
von Matt Suchard
Original von Oliver von Palm
Man hat die Soldaten erst geschickt, nachdem die Herero 120 deutsche SIedler abgeschlachtet hatten. Obs dir jetzt passt oder nicht: Das Deutsche Reich hat für die damalige Zeit völlig normal reagiert. Oder hätte der Kaiser seine Bürger massakrieren lassen sollen?
Ich bin dafür, dass wir OvPs Grundstück, Wohnung, Hütte im Wald, was weiß ich besetzen und uns darauf breit machen.
Wenn er sich wehrt, wird er in den Keller gesperrt und kriegt kein Wasser.

Mal sehen, wie er dann diese Diskussion sieht. Wer ist dabei?

Verfasst: Mi 5. Mär 2008, 23:41
von Matt Suchard
Original von Daniel
Ich muss sogar sagen, dass es mir und meinem Mitschülern irgendwann auf den Sack ging in welchem Fach auch immer schon wieder das Thema NS-Zeit zu haben und wieder über irgendwelche Greueltaten zu sprechen.
Irgendwann denkst Du Dir dann auch, ob es keine anderen Themen gibt und Du verlierst das Interesse an der Thematik. So ist es mir zumindest bei meinen Mitschülern aufgefallen.
:klatsch: :klatsch: :klatsch: (Abi05, Brandenburg)

Egal ob in Geschichte, Deutsch, Politische Bildung, Englisch oder Geographie - in nahezu allen Fächern wurde der zweite Weltkrieg, die Nazis und deren Verbrechen ad nauseam behandelt.
Wenn man da nichts von der Verfolgung der Roma und Sinti, Zeugen Jehovas oder der Homosexuellen hörte, hat man entweder geschlafen, eine Nulpe als Lehrer gehabt oder in seinem Bundesland ein schwerwiegendes Problem mit den Rahmenlehrplänen.

@Ford: Weißt Du zufälligerweise von Fällen, in denen Homosexuelle zwischen 1945 und 1969 auch tatsächlich durch das Gesetz bzw. seine ausführende Kräfte verfolgt wurde? Es wäre ja sonst nicht der einzige Fall, in welchem ein Paragraph jahre- oder gar jahrzehntelang unbeachtet in unserem Gesetzwerk rumgammelt.

Verfasst: Do 6. Mär 2008, 03:03
von Palin Waylan-Majere
Original von Matt Suchard

Ich bin dafür, dass wir OvPs Grundstück, Wohnung, Hütte im Wald, was weiß ich besetzen und uns darauf breit machen.
Wenn er sich wehrt, wird er in den Keller gesperrt und kriegt kein Wasser.

Mal sehen, wie er dann diese Diskussion sieht. Wer ist dabei?
Ich bring noch meine linksradikalen Stalinistenfreunde mit. ;)

Verfasst: Do 6. Mär 2008, 08:13
von Oliver von Palm
Soso, und wenn ihr das macht, gibt mir das das Recht, euch umzubringen?

Verfasst: Do 6. Mär 2008, 08:18
von vSzP
Original von Palin Waylan-Majere

Ich bring noch meine linksradikalen Stalinistenfreunde mit. ;)
Ihr könnt es gerne bei mir probieren. Hab in den letzten Tagen zu oft 28 days, bzw. weeks later geschaut und weiß nun gut, wie man sich mit einem Virus verseuchten Menschen entgegenstellt. :evil:

Verfasst: Do 6. Mär 2008, 09:51
von Amber Marie Ford
Original von Oliver von Palm
Soso, und wenn ihr das macht, gibt mir das das Recht, euch umzubringen?
Ja, ähm, nein, das heißt - hmm... Also: ich denke nicht. Denn zunächst einmal ist es natürlich sozial ungerecht, dass du Immobilieneigentümer bist, und andere Leute nicht. Außerdem hast du dieses Eigentum fraglos dadurch erworben, dass du oder meinetwegen deine Eltern oder irgendwer von dem du es geerbt hast, andere Leute ausgebeutet haben. Wahrscheinlich bist du oder waren die Bauherrn der Immobilie Unternehmer, die ihre Arbeitnehmer knechten und sich am Mehrwert bereichern. Während die von ihnen wirtschaftlich Abhängigen Monat für Monat um ihr Überleben kämpfen, konntest du oder konnten deine Vorfahren den Mehrwert sogar noch dauerhaft Sicherheit und Gewinn bringend anlegen. Ebenso wahrscheinlich wurde die von Proletariern geleistete Arbeit zur Errichtung der Immobilie nicht gerecht entlohnt (30-Stunden-Woche bei vollem Lohnausgleich, dreißig Werktage bezahlter Urlaub, dreizehntes und vierzehntes Monatsgehalt, vermögenswirksame Leistungen, usw.), sondern ihr Erwerb auch nur durch noch weitere Ausbeutung ermöglicht.

Du siehst also, unsere fortschrittlichen Freunde, Streiter für den Frieden und die Freiheit , die Menschenwürde und die soziale Gerechtigkeit haben jedes Recht und allen Grund, dich als Immobilieneigentümer umzubringen.

Es geht aber noch weiter: selbst genutzte Immobilien sind - ebenso wie selbst bewirtschaftetes Acker- und Weideland - eine besonders verabscheuungswürdige und nicht zu rechtfertigende Form von Eigentum. Denn dabei gehört einem Einzelnen, was dieser auch tatsächlich für sich nutzt! Moralisch hochwertiges Eigentum bedeutet hingegen, dass ein kollektiv irgendwas für sich beansprucht dass es gar nicht tatsächlich nutzen kann, und auf jedes Individuum losgeht, dass einen Teil davon nutzen könnte und nutzen will. Deutsche Siedler hatten also gar kein Recht, einige Hektar des über 800.000 km² großen damaligen Deutsch-Südwestafrika für sich in Besitz zu nehmen und zu nutzen, weil das ganze Land bereits dem Kollektiv der Herero gehörte, dass es kaum genutzt hat, nutzen konnte oder nutzen musste.

Der langen Rede kurzer Sinn: stürmen unsere linken Freude unter der DKP-Fahne dein Haus oder deine Wohnung, hast du keinerlei Recht dich zu wehren. Sie haben Recht.