Ich nehme die allseits an die Wand gepinselte Bedeutung der anstehenden Präsidentschaftswahl als "Endkampf" übrigens kein Stück weit ernst.
Natürlich ist es extrem chic und Aufmerksamkeit heischend zu prophezeien, nur noch ein grinsender Mulatte mit Segelohren könne den Abstieg der USA zu einem "raubtierkapitalistischen", totalitär-evangelikalen und imperialistischen Schreckensreich verhindern (oder andersherum, nur noch ein gesundheitlich schwer angeschlagener Greis könne die USA vor dem Absturz in linksfaschistoide Zustände ähnlich der EU retten). Vom Chic der völligen Resignation ob des Endkampfes zweier Übel mal ganz zu schweigen
In wenn auch noch deutlich blasseren Farben gemalt hatten wir das schon vor vier Jahren. In deutlich blasseren Farben deshalb, weil George W. Bush sich in seiner ersten Amtszeit doch nicht ganz als das personifizierte Böse entpuppt hatte, für das man ihn vor seinem Amtsantritt hielt, und John Kerry eben auch wieder nur ein weißer Millionär war der auszog, als US-Präsident die unterdrückten Schwarzen, Latinos, Frauen, Armen usw. zu erlösen.
Nichts desto minder wurde natürlich orakelt, von Bush installierte Richter würden die Entscheidung im Fall Roe ./. Wade revidieren und die USA den Iran invasieren, während Kerry die Truppen aus dem Irak abziehen und das gesparte Geld in eine Krankenversicherung für alle investieren würde.
Nun, Bush gewann die Wahl, US-Amerikanerinnen genießen noch immer ein Selbstbestimmungsrecht für ihre Leben und ihre Körper von denen deutsche Frauen nur träumen können, im Iran lässt der Ayatollah immer noch munter foltern, enthaupten, erhängen und steinigen, und hätte Kerry gewonnen, gäbe es in den USA immer noch keine allgemeine Krankenversicherung, dafür lege ich die Hand ins Feuer.
Wie konnte das so geschehen, bzw. wie hätte das sein können? Der Einwand, dass John McCain nicht etwa freie Hand bei der Ernennung neuer Oberster Richter hätte, sondern mit dem Senat zusammenarbeiten müsste, weist in die richtige Richtung. Der "mächtigste Mann der Welt" ist zwar förmlicher Oberbefehlshaber der wohl schlagkräftigsten Armee der Welt, aber darin erschöpft sich auch weit über 99% der Macht, die ihn zum mächtigsten Mann der Welt macht.
Ein Land von 300 Millionen Menschen, keine hungernden Leibeigenen wie im zaristischen Russland, sondern Leute mit Fernsehern, Internetanschlüssen und Schusswaffen, revolutioniert man nicht mal eben binnen vier oder acht Jahren, auch als mächtigster Mann der Welt nicht.
Nur weil irgendein Spiegelreporter irgendwo gelesen und weiterverbreitet hat, jeder dritte Amerikaner bezeichne oder empfinde sich als "wiedergeborener Christ", hätte ein religiöser Zealot noch längst keine Massenbasis für den Umbau des Landes in einen Gottesstaat. Die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche und Ehescheidungen, die Umsätze der Porno- und Spirituosenindustrie und was weiß ich noch sprechen da eine sehr viel aussagekräftigere und überzeugendere Sprache.
Und nur weil hunderttausend Millionen Internetuser "Obama Girl" bei YouTube angeklickt haben heißt das auch noch lange nicht, dass das ganze Land bereit ist, von Hussein zu Schweden II transformiert zu werden.
Letztlich spielt der US-Präsident für die Innenpolitik seines Landes - wie eigentlich jeder Absolvent der 10. Realschulklasse mit mindestens einem "Befriedigend" in Sozialkunde wissen sollte - eine ziemlich nachgeordnete Rolle. 300 Millionen Menschen, ihre persönlichen Ansichten, Lebensweisen, Bedürfnisse und Ziele polt er nicht mal eben in seinem Sinne um.
Bedeutung messe ich der anstehenden Wahl eigentlich nur als Gradmesser für die Stimmung in den USA und der Welt bei: wie viele Leute laufen einem abgehobenen, halbintellektuellen Rattenfänger hinterher, der ihnen verspricht und wahrscheinlich selbst für erreichbar glaubt, wovon man selbst in Schweden mittlerweile eingesehen hat, dass es so nicht funktioniert, und wie viele setzen lieber auf einen ruhigeren, pragmatischen und erfahrenen Kandidaten, ohne bombastische Phrasen und spektakuläre Show, dafür mit machbaren Zielen?
Wer Theater mag, der dürfte es übrigens bedauern, dass es nie zu einem Präsidentschaftswahlkampf George W. Bush gegen Barack Hussein Obama gekommen ist und auch nie kommen wird, denn dann wäre mal so richtig Stimmung auf dem Planeten Erde gewesen. Irgendwie schade darum...
