Seite 5 von 5

Verfasst: Mi 9. Jul 2008, 12:21
von Rainer Zufall
Bei den Sozialisten gab es immer und gibt es heute noch verschiedene Richtungen, die sich u.a. auch wirtschaftspolitisch durch einen internationalen oder einen national-abgeschotteten "Weg zum Sozialismus" unterscheiden.
Und selbst ein "nationalabgeschotteter Sozialismus" wäre noch lange kein "Nationalsozialismus", da mußt du die Terminolgie besser ausdifferenzieren. Sozialismus innerhalb eines Landes macht noch kein Hitlerregime, weil Sozialismus und Nationalsozialismus sich denkbar fundamental von einander unterscheiden, sowohl in ihrem Menschenbild (es geht nicht gegen die "Schwachen", gegen Minderheiten oder sonstigen per se als Feind willkürlich deklarierten Menschengruppen, sondern um die Befreiung des Menschen (jedes Menschen!) gerade aus staatlicher, ökonomischer und sonstiger Unterdrückung heraus), als auch in Mitteln und Zielen a) ihrer Gesellschaftsform und b) der Integration der ihr unterstellten Menschen in das System. Und nein, ich spreche nicht vom Stalinismus, man sollte sich einfach mal darauf besinnen, was der Sozialismus in nuce will: Langfristig das Absterben von Staats- und Finanzwesen zugunsten einer gemeinschaftlich sich organisierenden Produktions- und Ordnungsweise (ich persönlich halte das Absterbend es Staates zwar für unrealistisch, aber man kann hier sehen wohin das Ideal weist). Der Faschismus hingegen will gerade die Totalität des Staates (und schmückt sich dabei immer wieder fälschlich und in betrügerischer Absicht mit dem Namen "Sozialismus", bsp. "Engsoz" oder NSDAP).

Verfasst: Mi 9. Jul 2008, 16:48
von Damian Fuller
Nicht der "kleine", idealistische Sozialist von nebenan ist das Problem - denn er hat keine politische Macht oder ist, wenn er auf demokratischem Wege ein Pöstchen bekommen hat, in ein (mehr oder weniger gut) funktionierendes System von Checks & Balances eingebunden.

Ideologien, die sich selbst nicht mehr hinterfragen - oder (oft eine Folge einer sich nur noch um die Macht, nicht mehr um die Realität sorgenden Regierung) deren Hinterfragen von den einmal an die Macht gekommenen "wissenden Führern" bald zum "staats- und gesellschaftsfeindlichen Akt" benannt wird - entwickeln sich selten entlang eines einstmals gestellten Ideals.

Und gerade eine Ideologie, die auf staatliche Gewalt zur Änderung (der Natur, der Wünsche, der Gegebenheiten) des Menschen setzt, und die - in einer "1. Phase", die bis jetzt auch immer die Letzte war - auf eine Diktatur (des Proletariats, der weisen Intellektuellen etc.) setzt, ermöglicht staatliches Allmachtsstreben. Und Macht korrumpiert, was noch jeden (mehr oder weniger) idealistisch gewesenen Ideologen vom Ideal des Engels-Kommunismus oder des Anarchismus entfernt hat. Weit mehr entfernt als es jede in (zumindest mehrere bis viele) Machtzentren geteilte pluralistisch-rechtsstaatliche Gesellschaft ist.

Verfasst: Mi 9. Jul 2008, 19:52
von Victoria Sewell
Original von Rainer Zufall
Langfristig das Absterben von Staats- und Finanzwesen zugunsten einer gemeinschaftlich sich organisierenden Produktions- und Ordnungsweise (ich persönlich halte das Absterbend es Staates zwar für unrealistisch, aber man kann hier sehen wohin das Ideal weist).
Was wäre dann ein realistisches Ideal? Ein fast abgestorbener Staat, den der nationalistische Sozialist Lassalle als "Nachtwächterstaat" ablehnte?
Oder die Diktatur des Prolatariats, die bisher noch in jedem realen Sozialismus zu einer Parteien-, Funktionärs- und Führerdiktatur wurde?
Keine Form eines Finanzwesens gab es übrigens vermutlich seit der frühen Steinzeit nicht mehr, wenn überhaupt.

Verfasst: Fr 11. Jul 2008, 10:01
von Konrad Grimm
Original von Rainer Zufall
Der Faschismus hingegen will gerade die Totalität des Staates (und schmückt sich dabei immer wieder fälschlich und in betrügerischer Absicht mit dem Namen "Sozialismus", bsp. "Engsoz" oder NSDAP).
Dabei wird dem Nationalsozialismus ausdrücklich unterstellt, er sei "anti-etatistisch" gewesen. Was auch zutrifft, denn die mächtigste Institution, die SS, war nie ein Staatsorgan, und einen "Führer" sah die Reichsverfassung auch nicht vor.

Aber der Faschismus und der Nationalsozialismus sind eben nur in Stalins Propaganda verwandt.

Verfasst: Fr 11. Jul 2008, 16:54
von Damian Fuller
Original von Konrad Grimm
Was auch zutrifft, denn die mächtigste Institution, die SS, war nie ein Staatsorgan, und einen "Führer" sah die Reichsverfassung auch nicht vor.
De facto war aber die SS ein Staatsorgan mit staatlichem Machtmonopol.
Und es gab auch de facto einen Führer mit dem dazugehörenden - ob Hitler, Mao oder Stalin - Führerkult.
Aber der Faschismus und der Nationalsozialismus sind eben nur in Stalins Propaganda verwandt.
Sie weisen schon Überschneidungen, aber auch viele Unterschiede auf.

Verfasst: Fr 11. Jul 2008, 17:06
von Konrad Grimm
Original von Damian Fuller
De facto war aber die SS ein Staatsorgan mit staatlichem Machtmonopol.
Es war doch eher so, dass der eigentliche Staatsapparat ausgeschaltet war; das konservativ geführte Reichsjustizministerium etwa hat die Konzentrationslager ja nicht gebilligt, sondern bekämpft - Ergebnis allerdings null. Eher hat mit der NSDAP eine "private" Vereinigung die faktische Kontrolle über den Staat gehabt, ohne selbst wirklich Staat zu sein. Die Staatsidee an sich hat die Nazis doch nie interessiert.

(Dass die Staatsidee ein Hirngespinst ist, ist eine andere Sache)

Verfasst: Fr 11. Jul 2008, 18:53
von Rainer Zufall
Die Reichsidee ist doch nun wirklich eine der zentralsten Anliegen des Hitlerismus!