Original von Nicolas Seroux de Fay
Meines Erachtens hat kein Land der Welt seine Geschichte so gut aufgearbeitet wie Deutschland. Darauf können die Deutschen sehr stolz sein. Dieser Prozess scheint ein dauernder zu sein, was ich als eine positive Aussage ansehe.
Wie ich in dieser Diskussion bereits mit dem mir eigenen und längst nicht jedem akzeptablen Zynismus angeprangert habe, ist die deutsche Vergangenheisbewältigung leider in skandalösem Ausmaß fragmentarisch.
Für den Völkermord an den europäischen Juden mag die Bundesrepublik tatsächlich politisch wie gesellschaftlich in angemessener Form die umfassende Verantwortung übernommen haben. Für hunderttausende anderer Opfer des NS-Regimes galt und gilt das leider nicht.
Beispiel: die Homosexuellen. Der mittlerweile zwar vollständig und faktisch ersatzlos gestrichene § 175 des deutschen StGB, welcher in seiner ursprünglichen Fassung besichlafähnliche Handlungen unter Männern als Vergehen unter Strafe stellte, ist während der NS-Zeit auf Grund des verfassungdruchbrechenden "Ermächtiungsgesetzes" durch die Rechsregierung allein, ohne jede Mitwirkung auch nur des zur Akklamationskammer degradierten Reichstages, drastisch verschärft (Ausdehnung von "beischlafähnlichen" auf pauschal alle "unzüchtigen Handlungen", Hochstufung vom Vergehen zum Verbrechen), und in dieser Form später vom Gesetzgeber der Bundesrepublik Deutschland unverändert übernommen worden. Das Bundesverfassungsgericht sah darin weder einen Verstoß gegen Menschenwürde (Art. Abs. 1 GG) oder allgemeines Persönlichkeitsrecht (Art. 2 Abs. 1 GG), noch zweifelte es das verfassungsgemäße Zustandekommen der Gesetzesänderung - wie gesagt, auf Grund eines verfassungdurchbrechenden Gesetzes zur Eliminerung der Gewaltenteilung - an. Bis 1969 wurden Homosexuelle auch in der Bundesrepublik, deren Verpflichtung es nach ihrer Verfassung war und ist, die Würde des Menschen "zu achten und zu schützen", und die jedermann "das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit" gewährleistet, als Verbrecher verfolgt.
Während im Geschichts- und Staatsbürgerkundeunterricht in der Schule die Gräuel des Holocaust eindringlich und tabulos vermittelt wurden und werden, fand jedenfalls zu meiner Zeit (Abitur 2001) dort weder die Verfolgung der Homosexuellen im Dritten Reich, noch der frühen Bundesrepublik irgend eine Erwähnung! Wenngleich in keiner Weise mit der Propaganda an "DDR"-Schulen vergleichbar, vermittelte man uns doch das geschichtsklitternde Bild, mit Inkrafttreten des Grundgesetzes seien in West-Deutschland Demokratie und Liberalität in jener Form ausgebrochen, wie wir sie heute kennen und erleben.
Weiteres Beispiel: die Zeugen Jehovas. Im Geschichtsunterricht lediglich namentlich als eine von den Nationalsozialisten verfolgte Gruppe erwähnt, haben lediglich die katholischen Schüler in ihrem stark von politischen, gesellschaftlichen und ethischen Themen beeinflussten Religionsunterricht Hintergründe und Zusammenhänge der Verfolgung dieser Menschen im Dritten Reich und ihrer heutigen Situation erfahren, den evangelischen Schülern, die nach dem Willen ihrer Kirche einen rein bibelkundlichen Religionsunterricht erhielten, blieb das vorenthalten.
Auch die Diskriminierung der Zeugen Jehovas in der Bundesrepublik, wie etwa ihre bis heute verweigerte Anerkennung als öffentlch-rechtliche Körperschaft, oder die höchstrichterlich gebilligte Missachtung des Verbotes mehrfacher Bestrafung wegen Fahnen- bzw. Dienstflucht gegenüber Zeugen Jehovas in der Bundesrepublik, wurden nicht thematisiert.
Nächstes Beispiel: Roma und Sinti. Eine knappe Erwähnung, dass auch diese zu den Opfern des NS-Regimes gehörten - und Ende. Fürchten Politiker und Lehrer etwa die Empörung zahlreicher Eltern, wenn bei deren Kindern "Mitleid geheischt" würde für diese kriminellen "Zigeuner", die früher wenigstens konsequent aus dem Verkehr gezogen wurden? Vorstellen könnte ich mir das jedenfalls...
Und noch ein Beispiel: die Wehrmachtsdeserteure. Sie wurden gar nicht erwähnt. Mit keinem Wort. Oberst i. G. Claus Graf Schenck von Staufenberg und seinen Mitverschwörern wurde breiter Raum gewidmet, um sie - in kleinlauter deutscher Nachkriegsbescheidenheit, versteht sich - als Nationalhelden zu feiern. Eine kritische Reflexion ihrer Biografien, Motive und Ziele, was sie taten bevor sie zu Widerstandskämpfern wurden, warum sie elfeinhalb Jahre brauchten um sich zum Tyrannenmord zu entschließen, wie sie sich den Tag nach einem erfolgreichen Anschlag auf Hitler tatsächlich vorgestellt hatten - all das fand keine Berücksichtigung im Lehrplan.
Genauso wenig wie die Schicksale jener einfachen jungen Männer - Arbeiter, Handwerker, Schüler u. ä. - die sich weigerten, an einem verbrecherischen und irgendwann offensichtlich verlorenen Angriffs- und Vernichtungskrieg teilzunehmen, und dafür von fügsamen Gleichaltrigen am nächsten Baum aufgeknüpft wurden. Noch als ich 1981 geboren oder 1988 eingeschult wurde, galten sie als Straftäter, waren ihre Eltern und Witwen Schmähungen und Diskriminierungen ausgesetzt. Die Empörung über ihr Handeln war insbesondere in den 1940-er und -50-er Jahren groß und lautstark, ihre Rehabilitierung erfolgte still und leise, fast schamhaft und heimlich.
Der langen Rede kurzer Sinn: es mag sein, dass den Deutschen Anerkennung für eine aufrichtige und zukunftsorientierte Auseinandersetzung mit und Aufarbeitung des Völkermordes an den europäischen Juden gebührt, darüber will ich nicht urteilen. Belobigungen für die Auseinandersetzung mit ihrer Geschichte schlechthin, dabei insbesondere der NS-Zeit in summa sowie den immer noch höflich gesagt autoritaristischen Anfängen der formalen Demokratie, weise ich als unverdient zurück.
Bis heute werden zahlreiche von Deutschen in Deutschland an Deutschen begangene Verbrechen - dabei klammere ich die "DDR" an dieser Stelle bewusst aus, und fokussiere mich ganz auf die "alte Bundesrepublik" - totgeschwiegen oder geleugnet, statt dem Bekenntnis zu und der Auseinandersetzung mit diesen hat sich ein äußerst subtiler Hurra-Patriotimus entwickelt, der den 24. Mai 1949 - den Tag des Inkrafttretens des Grundgesetzes - zur Stunde Null verklärt, mit welcher schlagartig Freiheit, Menschlichkeit, Gerechtigkeit und Demokratie in einem für alle Völker und Nationen der Welt vorbildlichen Maße ausgebrochen seien, während Verfehlungen und Verbrechen zuvor wie danach großzügig heruntergespielt, ignoriert oder verleugnet werden.