Original von Richard Stresemann
Du hast mich gefragt, was ich denke. Ich habe es Dir gesagt.
Vielleicht kommen wir aber einem gewissen Maß an Einigkeit näher, wenn ich das etwas näher erläutere. Es wird ja von den Gegnern von Studiengebühren sehr gerne angeführt, dass die allermeisten Studenten diese ablehnen. Naja, nun, das ist eine ganz zauberhafte Erkenntnis, genauso wie wohl eine erdrückende Mehrheit der Angestellten von Karstadt für Staatshilfen für Arcandor ist. Bloß, das sind Sonder- und Partikularinteressen.
Völlig korrekt aber jede Gruppe in der Gesellschaft muss eben für sein Recht kämpfen. Ob ein solcher Anspruch angemessen ist, darüber lässt sich am ehesten über den kategorischen Imperativ entscheiden.
Das ist das Interesse von diversen Studenten, lieber einmal pro Woche weniger zum Job und dafür einmal mehr in die Disco zu gehen.
Es geht nicht um einmal mehr oder einmal weniger. Es gibt keinen Grund, warum ein Student auf ein angemessenes Maß an Freizeit verzichten sollte. Leider ist das bereits ohne Studiengebühren oft nicht gegeben.
Ja nun, ich finde aber auch nicht, dass für alle Platz da sein sollte. Ich weiss ja, dass man bei der politischen Linken sehr gerne Slogans wie "jedem sein Abitur" und neuerdings offenbar auch "jedem sein Studium" propagiert. Bloß, welches Interesse soll denn die Gesellschaft daran haben, dass jeder studieren kann, was, wann und am besten noch wie lange er will?
Ich habe an mein Leben den Anspruch, dass mir alles offen steht, was ich erreichen möchte, soweit es gesellschaftlich umsetzbar ist und ich die persönlichen Voraussetzungen mitbringe. Dafür ist das Bildungssystem da. Zulassungsbeschränkungen und Aussiebeverfahren in den ersten Semestern kommen in dieser Formel nicht vor. Und diesen Anspruch gestehe ich jedem Mitmenschen als legitim zu.
Totale Chancengleichheit wird aber nun kein System jemals erreichen können.
Davon redet niemand. Es geht hier um ganz konkrete Mobilitätsbarrieren, die eindeutig identifiziert und zu beseitigen sind. Aber gewisse politische Kräfte verschließen sich dem und begründen das mit Euphemismen wie "Chancenvielfalt".
Das sehe ich nicht so. Dafür gibt es BAFöG, diverse soziale Ausnahmeregelungen, Nachlagerungen, Härtefallklauseln bei den Studiengebühren und den Anspruch auf KfW-Darlehen. Das sind hinreichende Möglichkeiten.
Lange nicht. Schau Dir mal an, was man unter welchen Bedingungen für BAFöG bekommt und was unter Umständen für bürokratische Barrieren davor aufgebaut sind. Und wie gesagt, wir reden hier zunächst mal vom gebührenfreien Studium. Studiengebühren verschärfen das noch.
Ich habe kein Problem damit, wenn man Änderungen bei der Ausgestaltung der Studiengebühren fordert. Aber das kategorische Nein zu Studiengebühren finde ich falsch. Ich denke, es kann einfach nicht im Gemeininteresse sein, wenn wir hier junge Akademiker ausbilden und die danach ins Ausland gehen. Dann sollten sie bitte wenigstens noch die Kosten ihrer Ausbildung zurückzahlen müssen.
Das ist kein Argument. Es kommen doch genauso ausländische Absolventen ins Land. Abgesehen davon, dass ich nicht glaube, dass ein Mensch seiner sozialen Umwelt für seine Bildung etwas schuldig ist.