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Verfasst: Do 22. Mai 2008, 19:25
von vSzP
Original von Montgomery Scott
Auch da muss man aber wiederum differenzieren. Ein nicht kleiner Prozentsatz der Linke-Wähler im Osten sind sicher Nostalgiker, die die DDR ernsthaft als das Reich des Guten verteidigen. Die Mehrzahl hat aber durchaus eine differenzierte Meinung, schließt sich aber nicht vorbehaltlos der heute vorherrschenden Siegerjustiz an, die die DDR als einen einzigen bösen Verbrecherhaufen darstellt. Das heißt aber nicht, dass solche Leute die DDR mit ihren Menschenrechtsverletzungen irgendwie schönreden oder verteidigen.
Das Problem ist: viele kennen die DDR nur noch aus ihrer Kinder- und Jugendzeit. Und die haben wir alle in guter Erinnerung, egal ob im Westen oder im Osten. Von vielen (die zu Wort kommen) beginnen die Arbeitsbiografien aber erst Ende der 8oiger oder in den 90igern: eben in der "kalten" Bundesrepublik.
Den direkten Vergleich können also viele garnicht mehr anstellen. Und getäuscht von Ihren Erinnerungen empfinden heute viele die DDR als besser.
Verfasst: Do 22. Mai 2008, 19:26
von Montgomery Scott
Original von vSzP
Prinzipiell stimme ich dir zu. Darüber hinaus muss man solche Rollen immer aus der richtigen Zeit beurteilen. Im Nachhinein ist es immer einfach, über solche Menschen zu urteilen.
Dann aber musst du diese Liberalität auch den tausenden Beamten im Dritten Reich schulden: all denen, die am Krieg oder am Holocaust nicht beteiligt gewesen waren. Kannst du das?
Selbstverständlich. Allerdings ist es auch ein Unterschied, ob man von Repressionen, Verletzung der Privatsphäre und stark eingeschränkten Freiheitsrechten spricht oder von Massenmord.
Verfasst: Do 22. Mai 2008, 19:32
von vSzP
Ja.
Problem ist nur: diese Menschen haben indirekt das jeweilige System mit am laufen gehalten. Die Frage ist, inwieweit man vom damaligen Standpunkt aus die Sache gesehen hat.
Und: kann man von einem Menschen erwarten, dass er seine Arbeit (sein täglich Brot?) in so einem Falle aufgibt?
Verfasst: Do 22. Mai 2008, 20:01
von Montgomery Scott
Das Problem besteht natürlich: Die Antwort auf die Frage, wie es zum Nationalsozialismus kommen konnte, ist: "Weil all diese Leute ihn toleriert und am Laufen gehalten haben". Was wiederum interessante Perspektiven aufwirft: Menschen bilden gewissermaßen das Medium für eine verbrecherische Staatsordnung, liefern ihm durch ihre ganz normale gesellschaftliche Arbeit die benötigen Ressourcen, völlig ohne selbst verbrecherische Vorsätze zu haben.
Allerdings stößt man auf ein Problem, wenn man einem einzelnen Menschen einen Teil der Schuld und somit verantwortungsloses Handeln unterstellt: Man stellt ihm damit einen anderen Menschentypus entgegen, der nicht die entsprechenden passiven sozialen Verhaltensweisen zeigt. Und diesen Menschen gibt es nicht. Genausowenig, wie man einem Wassermolekül eine Teilverantwortung für die Übertragung einer Welle übertragen kann.
Verfasst: Fr 23. Mai 2008, 08:07
von Baudouin de Billancourt
Original von Carl Philipp van Tulpe
Ebenso Kapitalisten (auf Kosten der aus ökonomischer Hinsicht Schwächeren)
Der Erfinder eines Motors lebt nicht auf Kosten derer, die ihn nicht erfunden haben, die Fleißigen leben nicht auf Kosten der Faulen, die Genies nicht auf Kosten der Dummen, die Industriellen nicht auf Kosten der Arbeiter, die Kapitalisten nicht auf Kosten der Schwächeren.
Verfasst: Fr 23. Mai 2008, 08:34
von Montgomery Scott
Original von Baudouin de Billancourt
Der Erfinder eines Motors lebt nicht auf Kosten derer, die ihn nicht erfunden haben, die Fleißigen leben nicht auf Kosten der Faulen, die Genies nicht auf Kosten der Dummen, die Industriellen nicht auf Kosten der Arbeiter, die Kapitalisten nicht auf Kosten der Schwächeren.
Selbstverständlich tun sie das. Was soll denn diese leere Behauptung?
Verfasst: Fr 23. Mai 2008, 12:26
von Michael Schneider
Original von Montgomery Scott
Den Vergleich halte ich nicht nur für geschmacklos sondern auch für unzutreffend.
Urteile, die einen Staat pauschal als "Reich des Bösen" darstellen, sind immer mehr oder weniger vereinfachend. Bei Nazideutschland handelt es sich um einen Extremfall, bei dem beides in der Tat sehr nahe zusammenrückt. Dass es bei der DDR nicht so einfach ist, zeigt schon das Beispiel Stasi: Bei der Stasi haben durchaus auch Menschen gearbeitet, die sich nie bewusst etwas Unrechtes zuschulden haben kommen lassen, z. B. in der Verwaltung. Dass es aus heutiger Perspektive immer verwerflich ist, für die Stasi zu arbeiten, sollte klar sein aber das ist ein anderes paar Schuhe. Für Menschen, die in der DDR aufgewachsen sind, handelte es sich bei einem Schreibtischjob für das MfS um eine ganz normale Tätigkeit. Für all die Leute, die heute pauschale Feindseeligkeit gegen alles empfinden, was der Sphäre "DDR/Stasi" zugeordnet werden kann, sind das natürlich alles Mittäter, die sich für den Rest ihres Lebens im gesellschaftlichen Abseits schämen sollten, in Wirklichkeit handelt es sich dabei aber um ganz normale Biographien von Menschen, die niemandem etwas Böses wollten.
Wo ist der Unterschied zu den Verwaltungsangestellten in der Reichskanzlei, reichssicherheitshauptamtes oder der Deutschen reichsbahn? Gilt für die nicht das gleiche? Das Nazideutschland war nur in der Menge der Toten extremer, nicht darin sich in der Gesellschaft festzusetzen, das Gedankengut zu verbreiten und andere gewaltsam zu unterdrücken. DAS ist eben dieses Denken "So schlimm wie die Gestapo war die Stasi ja nicht.." die mir die Galle hochkochen lassen. DOCH sie war genauso schlimm!
Verfasst: Fr 23. Mai 2008, 16:21
von Baudouin de Billancourt
Original von Montgomery Scott
Selbstverständlich tun sie das.
Nein.
Verfasst: Fr 23. Mai 2008, 18:09
von Rainer Zufall
Nein.
...[weil ich das so will und was nicht sein darf auch nicht sein kann] =)
Verfasst: Fr 23. Mai 2008, 18:54
von Montgomery Scott
Original von Michael Schneider
Wo ist der Unterschied zu den Verwaltungsangestellten in der Reichskanzlei, reichssicherheitshauptamtes oder der Deutschen reichsbahn? Gilt für die nicht das gleiche? Das Nazideutschland war nur in der Menge der Toten extremer, nicht darin sich in der Gesellschaft festzusetzen, das Gedankengut zu verbreiten und andere gewaltsam zu unterdrücken. DAS ist eben dieses Denken "So schlimm wie die Gestapo war die Stasi ja nicht.." die mir die Galle hochkochen lassen. DOCH sie war genauso schlimm!
Zuerst mal: Nein, niemand ist schuldig, nur weil er in der NS-Diktatur im Staatsdienst gedient hat. Aber es besteht ein gewisser Unterschied, da die NS-Zeit zu kurz war, als dass in ihr Generationen groß werden konnten. Wer in der NS-Zeit im Staatsdienst war, hat zumeist noch die Weimarer Republik bewusst miterlebt und musste die Zustände unter dem NS-Regime nicht als normal empfinden.
Und: Nein, der Unterschied zwischen NS-Diktatur und SED-Diktatur ist nicht rein quantitativ. In der DDR ist kein industrieller Massenmord betrieben worden.