Original von Melissa Adelaide
Ich sehe es im Prinzip genauso. Die Bestandaufnahme ist absolut zutreffend, Deutschland krankt daran, dass eine Mehrheit von Nichtleistungsträgern Regierungen wählt, die ihnen ihre Leben auf Kosten einer Minderheit von Leistungsträgern erhält. Und genau darum ist eine Reform auch auf demokratischem Wege nicht erreichbar. Die Demokratie hat versagt.
Ich halte es für völlig verkehrt, über "Nettostaatsprofiteure" zu sprechen. Ich halte den Begriff "Systemprofiteur" für adäquat und kann diesen nur als relative Kategorie begreifen, nämlich im Vergleich zu einem anderen Zustand. Das bloße Nebeneinanderstellen zweier Zahlungsströme - Steuern vs Transferleistungen - ist banal und belegt nichts.
Und wenn ich an meine Systemprofiteure denke, dann schaue ich nicht zuerst zu Hartz-IV-Empfängern, sondern dann schaue ich in die Parlamente und Regierungen und in die Vorstandsetagen der Konzerne und in die Versicherungen, zu den Fondsmanagern, zu den Banken, in die Vorstandsetagen genauso wie zu den Investment- und Privatebankern, aber auch zu den Kunden wenigstens im Private Banking, Wealth Management und Family Office. Warren Buffet zum Beispiel ist gewiss kein "Nettostaatsprofiteur" im Duktus Lichtschlag, aber kaum ein anderer Mensch hat je soviel von unserem System profitiert.
Und Leistung? Nicht einmal der größte Hartz-IV-"Schmarotzer", der nebenbei noch schwarz arbeitet, ansonsten aber niemals einer abgabenpflichtigen Beschäftigung nachgehen würde, ist auf so leistungslose Weise zu seinem Vermögen gekommen wie die Erben, die von den liberalen und konservativen Leistungspropheten so verhätschelt werden.
Und ob sie dann wirklich netto (!) profitieren, das sei immer noch dahingestellt. Für mich sind viele Hartz-IVler zutiefst abstoßend, aber nicht wegen der paar Euro, auch wenn ich nach meinen Steuerabzügen vermutlich zwei von ihnen jeden Monat auf der Gehaltsabrechnung habe. Sondern weil ich ihr Leben nicht führen wollen würde, das nur aus Betäubung besteht. Und kaum besser bei so vielen anderen der Profiteure, die die Leere in ihrem Leben mit Rausch zuschütten. Und ich habe auch gesehen, wie sich Menschen verändern, die die politische Laufbahn einschlagen - ich habe nur ein Wort dafür: bizarr! Bizarr, wie sie aufhören, echte Meinungen zu besitzen, wie sie ein Dauergrinsen entwickeln und jederzeit ihre Weggefährten umarmen würden, ihnen dabei aber zugleich den Dolch in den Rücken jagen könnten.
Ich vermag nicht, über dieses System zu urteilen, beneide wenige, schon gar nicht unsere "Eliten" um ihre Position. Ich vermag nicht einmal zu sagen, ob ich selbst nun Netto-(!) Systemprofiteur bin. Ich will nur meine Nische, meinen Platz im Kampf ums Dasein. Schon morgen mag der Wind aus einer ganz anderen Richtung kommen, und dann mögen die, die heute herrschen, sich vor den Standgerichten der Herrscher von morgen verantworten. "Heute hängt ihr uns, morgen werdet ihr es sein." (aus: "Sophie Scholl")