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RE: Kant, Stirner, Leben ohne Gott

Verfasst: Fr 19. Sep 2008, 13:05
von Kreittmayr
Original von Konrad Grimm
Meine Kritik an Kant: Es gibt keinen kategorischen Imperativ, sondern nur einen hypothetischen Imperativ. Kants "Handle stets so, dass die Maxime deines Willens zugleich Grundlage eines allgemeinen Gesetzes werden könnte" ist mit einem einzigen Wort auszukontern: "Warum?"
Kant sagt: Weil Du das, was deinem empirischen Ich (Ich als Erscheinung) gegenüber als kategorisches bzw. imperativisches Sollen ausgedrückt ist, als dein eigentliches, intelligibles und rein vernünftiges Ich (Ich als Ding an sich) von Dir selbst aus schon immer willst. Im Endeffekt bindet Dich also nur Dein eigenes Wollen.

Oder, um es mal ein wenig realitätsnaher zu formulieren: Der Mensch mit seinem sinnlich affizierten Willen ist fähig, sich eine Idee davon zu machen, wie es wäre, wenn sein Wille durch Sinnliches unaffiziert wäre, und sich diesen vorgestellten reinen, vernünftigen Willen als den eigentlich menschlichen zum Maßstab und Ideal seines tatsächlichen Wollens und somit zum Regulativ seiner Handlungen zu nehmen, indem er sich ihm – und damit dem eigentlich Menschlichen in ihm – verpflichtet sieht.

Allerdings baut Kant fundamental auf einer Dichotomisierung zwischen Sein und Bewusstsein auf, hier insbesondere auf einer Dichotomie zwischen sinnlicher Wirklichkeit und Vernunft. Und diese Gegenüberstellung ist m.E. so nicht haltbar.

RE: Kant, Stirner, Leben ohne Gott

Verfasst: Fr 19. Sep 2008, 13:12
von Konrad Grimm
Original von Kreittmayr
von Dir selbst aus schon immer willst. Im Endeffekt bindet Dich also nur Dein eigenes Wollen.
Worauf wieder schlicht zu antworten ist: Nein.
Wie man allen Apriorismen ganz einfach mit dem argumentum ad lapidem begegnen kann. Genau das gleiche beim Apriori der libertären Naturrechtler und der Diskursethik, die ja auch alle nichts liefern als Kant aus neuen Schläuchen - ich kann also das Selbsteigentum nicht bestreiten, weil ich dazu es selbst in Anspruch nehme? Ach was, das werde ich gleich mal demonstrieren, wie ich das kann! Ich muss nichts dürfen, ich darf alles, was ich kann.

Might is right.

RE: Schwierige Fragen der Philosophie

Verfasst: Fr 19. Sep 2008, 13:14
von Kreittmayr
Original von Damian Fuller
Heute: Kann man wirklich ohne Ideologie, ohne gedankliche Konstrukte, ohne objektive Werte leben, ohne durchzudrehen?
Wenn man das Durchdrehen einmal ausklammert, denke ich nicht, dass es überhaupt machbar ist, ohne Ansichten über die grundstzliche (metaphysische) Beschaffenheit der Welt zu existieren. Jeder kann behaupten, dass er ohne eine solche Sichtweise lebt, aber de fakto hat jeder zumindest eine implizite Sicht darauf, wie die Welt beschaffen ist, und was an der Welt in Beziehung zum Menschen bzw. zu mir selbst wichtig ist. Und diese Sichtweise bestimmt dann sein Lebensgefühl, seine grundsätzliche, alle anderen Emotionen durchfärbende emotionale Gesamtreaktion gegenüber dem Faktum, dass er ist.

Ohne (unterbewusste) Identifikation und Evaluation der Realität gibt es keine Emotionen. Und jeder hat Emotionen.

Also: Es mag möglich sein, bewusst und explizit einen derartigen Nihilismus zu vertreten, dass man behauptet, ohne irgendeine Form von Interpretation der Welt leben zu können, aber implizit hat jeder eine solche Interpretation, da die einzige Möglichkeit, sie nicht zu haben, darin besteht, jegliche kognitive Aktivität einzustellen und zu sterben.

Selbstverständlich gewährleistet die unumgehbare Notwendigkeit des Interpretierens aber noch lange nicht, dass unsere Interpretationen auch objektiv, d.h. den Sachen angemessen sind.

RE: Kant, Stirner, Leben ohne Gott

Verfasst: Fr 19. Sep 2008, 13:17
von Kreittmayr
Original von Konrad Grimm
ich darf alles, was ich kann.
Ultimativ nein. Denn ultimativ ist die Realität der oberste Richter, und wer sich durch sein Denken oder Handeln in einen Widerspruch zu ihr begibt, sich also selbst aus seiner Eingebettetheit in die Realität zu lösen versucht, der wird durch eine Minderung seiner Lebensfähigkeit und seines Glücks bestraft. Er scheitert im Leben. Und wenn der Widerspruch zu krass wird, dann verhängt der Richter die Todesstrafe.

RE: Kant, Stirner, Leben ohne Gott

Verfasst: Fr 19. Sep 2008, 13:22
von Konrad Grimm
Original von Kreittmayr
Er scheitert im Leben. Und wenn der Widerspruch zu krass wird, dann verhängt der Richter die Todesstrafe.
Womit Du mir doch recht gibst. Meine Macht gibt mir recht. Was ich kann, das darf ich. Ich darf vom Hochhaus springen, ich darf das sogar überleben - wenn ich es kann. Ich darf meinen Nachbarn umbringen und dafür straffrei ausgehen, wenn ich es hinkriege.

RE: Kant, Stirner, Leben ohne Gott

Verfasst: Fr 19. Sep 2008, 13:35
von Damian Fuller
Original von Konrad Grimm
Womit Du mir doch recht gibst. Meine Macht gibt mir recht. Was ich kann, das darf ich. Ich darf vom Hochhaus springen, ich darf das sogar überleben - wenn ich es kann. Ich darf meinen Nachbarn umbringen und dafür straffrei ausgehen, wenn ich es hinkriege.
Was aber voraussetzt, dass die Zivilisation mal weggedacht wird - allerdings ist sie ja auch ein Konstrukt, dass sich der Mensch ohne festen Plan "erfunden" hat bzw. was sich entwickelt hat.

Thesen:
- Es hat sich bewährt, daher wird es evolutionär beibehalten und noch weiterentwickelt, wie Hayek und andere Philosophen meinen.

- Es ist pure Fiktion, der aber fast alle glauben. Der Mensch ist eine Art neurotisch gewordenes Tier.

RE: Kant, Stirner, Leben ohne Gott

Verfasst: Fr 19. Sep 2008, 13:35
von Kreittmayr
Original von Konrad Grimm
Womit Du mir doch recht gibst. Meine Macht gibt mir recht. Was ich kann, das darf ich. Ich darf vom Hochhaus springen, ich darf das sogar überleben - wenn ich es kann. Ich darf meinen Nachbarn umbringen und dafür straffrei ausgehen, wenn ich es hinkriege.
Nein. Weil vieles von dem, was du als Möglichkeit tun kannst, in Anbetracht deiner Natur und der Beschaffenheit der Realität objektiv schlecht für dich ist, auch wenn es nicht immer zu deiner unmittelbaren Vernichtung führt. Das Leben ist ein Prozess, und Lebensfähigkeit/Gedeihen ist keine 0 oder 1 Sache, sondern spielt sich eher auf einer quantitativen Achse ab. Manches Verhalten expandiert die eigene Lebensfähigkeit, anderes verringert es. Und da das Leben inhärent komplex ist, braucht es abstrakter Prinzipien -- moralischer Normen --, um einen Leitfaden dafür zu haben, welche Arten von Handlungen die eigene Lebensfähigkeit kausal grundsätzlich fördern, und welche sie schädigen.

RE: Kant, Stirner, Leben ohne Gott

Verfasst: Fr 19. Sep 2008, 13:36
von Kreittmayr
Original von Damian Fuller
Was aber voraussetzt, dass die Zivilisation mal weggedacht wird - allerdings ist sie ja auch ein Konstrukt, dass sich der Mensch ohne festen Plan "erfunden" hat bzw. was sich entwickelt hat.
Dass das -- pardon -- ein riesiger Schwall ist, wird schon klar, wenn man mal danach fragt, was genau das Wort "Zivilisation" eigentlich bedeutet.

RE: Kant, Stirner, Leben ohne Gott

Verfasst: Fr 19. Sep 2008, 13:38
von Damian Fuller
Original von Kreittmayr
Dass das -- pardon -- ein riesiger Schwall ist, wird schon klar, wenn man mal danach fragt, was genau das Wort "Zivilisation" eigentlich bedeutet.
Pas de problème. ;)
Für mich bedeutet Zivilsation die Akzeptanz sittlicher und moralischer Normen, die sich entwickelt haben, verschiedene Begründungen haben - Gott/Religion, Naturrecht, Vernunft - und die das menschliche Zusammenleben in Großgesellschaften und über den Hordentrieb hinaus gestalten.

RE: Kant, Stirner, Leben ohne Gott

Verfasst: Fr 19. Sep 2008, 13:46
von Kreittmayr
Original von Damian Fuller
Für mich bedeutet Zivilsation die Akzeptanz sittlicher und moralischer Normen, die sich entwickelt haben, verschiedene Begründungen haben - Gott/Religion, Naturrecht, Vernunft - und die das menschliche Zusammenleben in Großgesellschaften und über den Hordentrieb hinaus gestalten.
Dieser Bestimmung nach handelt es sich bei "Zivilisation" in erster Linie um ein Konglomerat ethischer Normen, die das Verhalten von Individuen gegenüber anderen Individuen in einem größeren, ggf. anonymen Gruppenverband regulieren. Das ist bei den vielen Verwendungsweisen des Wortes "Zivilisation" viel zu kurz gegriffen.

Um nur einen weiteren Aspekt zu nennen, der häufig mit dem Begriff "Zivilisation" verbunden wird: Es wird häufig (und wurde v.a. im 19. und frühen 20. Jhd.) die Differenz zwischen Kultur und Zivilisation gemacht. Kultur beschreibt dabei alle möglichen Facetten des Tiefsinnigen, Geistigen, Innerlichen, während Zivilisation lediglich auf solche Dinge geht wie Manieren und Höflichkeitsregeln (was bei der Genese des Begriffs in Frankreich ein wichtiger Aspekt war) sowie technische Naturbeherrschung und materieller Wohlstand. In diesem Sinne stichelt z.B. ein Philo-Prof an meiner Uni immer mal wieder gerne, die USA seien keine Kultur, sondern allenfalls eine Zivilisation, sprich: Die können technische Naturbeherrschung und haben materiellen Wohlstand, aber ihnen geht jedwede kulturell-schöngeistige Verfeinerung ab.

Abgesehen davon, dass auch diese Bestimmung des Begiffs Zivilisation völlig einseitig ist, dient das aber als ein gutes Beispiel dafür, dass Deine Begrffsbestimmung nicht ausreicht, weil sie nicht alle Verwendungsweisen abdecken oder erklären kann.