Ich bin vorsichtiger geworden, mich offiziell der Anhängerschaft politischer oder philosophischer Ideen und Konzepte zuzurechnen, erkläre statt Identifikation lieber Zustimmung zu einzelnen ihrer Aspekte.
Auf dieser Linie kann ich für mich nur sagen: ich halte den Kemalismus in weiten Teilen für mindestens bedenkens-, wenn nicht begrüßenswert.
Nur leider, und hier komme ich zur Antwort auf Janeways Frage, vertragen sich mindestens vier seiner sechs Komponenten ausnehmend schlecht mit der herrschenden politischen Doktrin der EU:
Laizismus/Säkularismus: Es ist ein Märchen, dass ein EU-Beitritt der Türkei die Position der prowestlichen Kräfte stärken sollte und würde. Wahr ist das Gegenteil: die Kemalisten sind längst
gegen einen Beitritt, die Islamisten hingegen dafür, weil beide Seiten begriffen haben, was er für das Land bedeuten würde: mit der strikten Trennung von Staat und Religion wäre es vorbei!
Die Türkei hat sich dafür entschieden, den Islam -
"diese absurde Gotteslehre eines unmoralischen Beduinen, ein verwesender Kadaver, der unser Leben vergiftet" (Kemal Mustafa, genannt Atatürk) - unter dem Stiefel zu halten. Die EU hingegen hat sich umgekehrt dafür entschieden, sich scheibchenweise dem politischen Diktat islamistischer Kräfte zu ergeben, und sich in letzter Konsequenz irgendwann vollends in eine islamische Gesellschaft transformieren zu lassen.
Die türkischen Islamisten um Leute wie Erdogan, Gül und Konsorten drängen in die EU, weil sie genau wissen, dass diese z. B. mit dem Kopftuchverbot sehr wahrscheinlich Schluss machen würde. Die Einführung der Schari'a in der Türkei ist heute noch undenkbar - das Militär würde jedem Politiker, der darüber auch nur laut nachzudenken wagte, den Gebetsteppich so lange um die Ohren hauen, bis er nicht mehr "Allahu akbar" sagen kann. Nach einem EU-Beitritt sähe das anders aus, schließlich haben sich schon mehrere EU-Länder offen für derartige Schritte gezeigt.
Populismus: Den Begriff kennen wir in der EU eigentlich nur noch als Schimpfwort, zur Steigerung des Ekelfaktors meist mit dem Präfix "Rechts-" oder "Links-" versehen. Diese Konnotation verdanken wir Leuten genau jenes Schlages, denen der Kemalismus mit dem Prinzip des Populismus den Kampf angesagt hat. Im Zusammenhang der Lehren Atatürks ist Populismus nämlich ein Oberbegriff für die Prinzipien der Demokratie und Good Governance, oder, um es mit Abraham Lincoln zu sagen, der Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk.
Davon will die EU bekanntlich auch nichts wissen, sie macht zum nur noch schwachen Schein demokratisch legitimiert längst ausschließlich Politik für eine Pseudoelite, deren zahlenmäßige Stärke sich in Deutschland recht gut an den Wahlergebnissen für Bündnis 90/Die Grünen ablesen lässt: Leute, die bei minimal möglicher Produktivität maximal mögliche Einkommen erzielen (was dank der weltweiten Finanzmärkte keine Aufgabe zum Verzweifeln ist), einen bohemienhaften und nonkonformistischen Lebensstil pflegen, sich für furchtbar aufgeklärt und progressiv halten und mit Verachtung auf den Pöbel herabschauen, der im Sinne ihrer Auslegung linkspolitischer Heilslehren evangelisiert und umerzogen werden muss.
Nationalismus: Noch ein Zitat Atatürks:
"Froh sei derjenige, der sagt: Ich bin ein Türke." Sagen kann und darf das nach Atatürks Verständnis jeder Mensch, gleich welcher ethnischen Herkunft, der Türkisch spricht und sich mit der türkischen Geschichte, Kultur und Mentalität identifiziert.
Also jeder Mensch, der genau das tut, was man nach politisch korrekter EU-Lesart von niemandem mehr fordern darf: nämlich sich geistig in das Gemeinwesen, in dem man lebt, zu integrieren und aktiv zu diesem zu bekennen. Der Nationalismus im kemalistischen Sinne hat nichts mit Rassismus zu tun, sondern erteilt lediglich "multikulturalistischen" Hirngespinsten eine deutliche Absage, erkennt an, dass eine staatliche Gemeinschaft gemeinsame Werte braucht.
Etatismus: Auch die wirtschaftliche Dimension des Kemalismus steht in diametralem Gegensatz zur EU-Politik. Denn der Kemalismus stellt das Wirtschaftsleben in den Dienst des Menschen und der Gemeinschaft, während die EU heute eine ihrer Daseinsberechtigungen gerade daraus herleitet, den USA als Heuschrecken-Biotop Konkurrenz zu machen.
Fazit: der Kemalismus bedeutet u. a.:
- die Bekämpfung des politischen Islam und seines Einflusses auf Staat und Gesellschaft;
- Politik für die Menschen statt für selbsttitulierte Pseudoeliten;
- das Verständnis des Staates als Werte- und Kulturgemeinschaft und
- die Ausrichtung des Wirtschaftslebens an humanitären Interessen.
Kemalismus und herrschende, mit Maßnahmen bis hin zur Brandmarkung und Diffamierung von Dissidenten verteidigte EU-Politik, gehen nicht zusammen.