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Verfasst: Mi 14. Okt 2009, 10:26
von Kathryn Janeway
Nun, ich habe da ein Ereignis in Erinnerung: Ein türkischer Mitschüler meinte mal, er beantrage erst dann die deutsche Staatsbürgerschaft, wenn er in der Türkei den Militärdienst geleistet hat, weil er ja kein Verräter sei. Ich meinte zu ihm, dann solle er es gleich ganz bleiben lassen und in die Türkei zurückgehen.

Die Türkei entlässt die Leute übrigens sogar sehr leicht aus der Staatsbürgerschaft. Sobald die Leute dann den deutschen Pass haben, kriegen sie paar Wochen später wieder ihren türkischen Pass.

Es spricht ja nichts dagegen, türkische Wurzeln zu betonen. Aber die doppelte Staatsbürgerschaft sollte es eigentlich nicht geben. Die ermöglicht nur, sich Vorteile zu verschaffen, die andere nicht kriegen können.

Verfasst: Mi 14. Okt 2009, 15:19
von Heinrich Julius von Jagonburg
Aber die doppelte Staatsbürgerschaft sollte es eigentlich nicht geben. Die ermöglicht nur, sich Vorteile zu verschaffen, die andere nicht kriegen können.
Leute mit US-Staatsbürgerschaft und deutscher Staatsbürgerschaft werden nie aufgefordert eine von beiden abzugeben, ebenso mit Leuten die eine israelische und eine deutsche Staatsbürgerschaft haben. Warum ist das so? Gilt da nicht die gleiche Überlegung wie bei den Türken?

Verfasst: Mi 14. Okt 2009, 16:39
von Rafael van der Linden
Wenn die deutsche Staatsangehörigkeit durch Einbürgerung erworben werden soll, muss zunächst die fremde Staatsangehörigeit aufgegeben werden, weil in so einem Fall keine dopplete Staatsangehörigkeit erlaubt ist. Eine doppelte Staatsangehörigkeit durch Absatmmung ist aber möglich. Gemäß § 4 Absatz 1 Staatsangehörigkeitsgesetz (StAG) erwirbt ein Kind durch Geburt die deutsche Staatsangehörigkeit, wenn ein Elternteil die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt. Somit wird die deutsche Staatsangehörigkeit durch Abstammung erworben (ius sanguinis). Nach § 4 Absatz 4 StAG wird dieses ius sanguinis alerdings eingeschränkt, wenn Kinder im AUsland geboren wurden und dort ihren gewöhnlichen Aufenthalt haben. Dies trifft zwar grundsätzlich auf Ihren Sohn zu, allerdings gilt die Regeung nur für nach 31-12-1999 Geborene.
Staatsangehörigkeitsrecht ist auch nicht ohne.

Verfasst: Mi 14. Okt 2009, 20:36
von Amber Marie Ford
Original von Heinrich Julius von Jagonburg
Leute mit US-Staatsbürgerschaft und deutscher Staatsbürgerschaft werden nie aufgefordert eine von beiden abzugeben, ebenso mit Leuten die eine israelische und eine deutsche Staatsbürgerschaft haben. Warum ist das so? Gilt da nicht die gleiche Überlegung wie bei den Türken?
Hier verwischst du einen erheblichen Unterschied: die meisten deutsch-amerikanischen, deutsch-israelischen, deutsch-französischen, deutsch-britischen, deutsch-sonstwas Doppelstaatsangehörigen sind in den Besitz zweier Staatsangehörigkeiten gelangt, da ihre beiden Elternteile jeweils unterschiedliche Staatsangehörigkeiten besitzen und sie somit durch Geburt zwei Staatsangehörigkeiten erworben haben.

Das ist etwas durchaus anderes als zwar die Staatsangehörigkeit eines Staates aus eigener freier Entscheidung anzunehmen, seine bisherige Staatsangehörigkeit aber bewusst nicht ablegen zu wollen.

In diesen Fällen halte ich die Duldung einer doppelten Staatsangehörigkeit bis zu einer im jungen Erwachsenenalter anzusetzenden Altersgrenze durchaus für sinnvoll, um den Betreffenden zu ermöglichen, gestützt auf ihre bis dahin erworbene Lebenserfahrung selbst zu entscheiden, dem Herkunftsland welches ihrer Elternteile sie sich eher verbunden fühlen, so dass sie dessen Staatsangehöriger sein wollen. Das gilt selbstverständlich auch für deutsch-türkische Doppelstaatsangehörige mittels eines deutschen und eines türkischen Elternteils.

Nimmt ein deutscher Auswanderer die Staatsangehörigkeit seiner Wahlheimat an, ohne die deutsche Staatsangehörigkeit abzulegen, da dies von ihm dort nicht verlangt wird, ist mir das zunächst egal und Sache seiner Wahlheimat. Kehrt aber irgendwann nach Deutschland zurück und will hier staatsbürgerliche Rechte in Anspruch nehmen, muss von ihm eine klare Entscheidung verlangt werden.

Für nicht hinnehmbar halte ich es, Menschen unter Beibehalt ihrer bisherigen Staatsangehörigkeit in Deutschland einzubürgern. Wer sich dafür entscheidet, sein Leben in Deutschland zu verbringen, der hat sich als aktives und bekennendes Mitglied in die Gemeinschaft einzufügen, und dies auch durch die ausschließliche Annahme der deutschen Staatsangehörigkeit zu bekräftigen.

Verfasst: Mi 14. Okt 2009, 21:07
von Kathryn Janeway
Es gibt gerade bei US-Bürgern ja noch einen Erwerbsgrund der Staatsbürgerschaft: Geburt in den USA

Innerhalb der EU sehe ich bei Doppelbürgern keine Probleme, da keine INteressenskonflikte entstehen können.

Verfasst: Mi 14. Okt 2009, 21:09
von Amber Marie Ford
Interessanterweise habe ich erst heute im Radio gehört, dass die EU großes Interesse an der Türkei als Mitgliedsstaat bekundet - damit sie endlich den der EU-Ideologie widersprechenden Kemalismus ausrotten können, ehe er sich in Europa ausbreitet, vermute ich. :rolleyes:

Verfasst: Do 15. Okt 2009, 10:26
von Kathryn Janeway
Inwieweit widerspricht der Kemalismus der EU?

Verfasst: Do 15. Okt 2009, 14:28
von Heinrich Julius von Jagonburg
Der Kemalismus ist mir verdammt noch mal immer noch lieber als der fundamentalistische Islam...

Verfasst: Do 15. Okt 2009, 22:59
von Amber Marie Ford
Ich bin vorsichtiger geworden, mich offiziell der Anhängerschaft politischer oder philosophischer Ideen und Konzepte zuzurechnen, erkläre statt Identifikation lieber Zustimmung zu einzelnen ihrer Aspekte.

Auf dieser Linie kann ich für mich nur sagen: ich halte den Kemalismus in weiten Teilen für mindestens bedenkens-, wenn nicht begrüßenswert.

Nur leider, und hier komme ich zur Antwort auf Janeways Frage, vertragen sich mindestens vier seiner sechs Komponenten ausnehmend schlecht mit der herrschenden politischen Doktrin der EU:

Laizismus/Säkularismus: Es ist ein Märchen, dass ein EU-Beitritt der Türkei die Position der prowestlichen Kräfte stärken sollte und würde. Wahr ist das Gegenteil: die Kemalisten sind längst gegen einen Beitritt, die Islamisten hingegen dafür, weil beide Seiten begriffen haben, was er für das Land bedeuten würde: mit der strikten Trennung von Staat und Religion wäre es vorbei!

Die Türkei hat sich dafür entschieden, den Islam - "diese absurde Gotteslehre eines unmoralischen Beduinen, ein verwesender Kadaver, der unser Leben vergiftet" (Kemal Mustafa, genannt Atatürk) - unter dem Stiefel zu halten. Die EU hingegen hat sich umgekehrt dafür entschieden, sich scheibchenweise dem politischen Diktat islamistischer Kräfte zu ergeben, und sich in letzter Konsequenz irgendwann vollends in eine islamische Gesellschaft transformieren zu lassen.

Die türkischen Islamisten um Leute wie Erdogan, Gül und Konsorten drängen in die EU, weil sie genau wissen, dass diese z. B. mit dem Kopftuchverbot sehr wahrscheinlich Schluss machen würde. Die Einführung der Schari'a in der Türkei ist heute noch undenkbar - das Militär würde jedem Politiker, der darüber auch nur laut nachzudenken wagte, den Gebetsteppich so lange um die Ohren hauen, bis er nicht mehr "Allahu akbar" sagen kann. Nach einem EU-Beitritt sähe das anders aus, schließlich haben sich schon mehrere EU-Länder offen für derartige Schritte gezeigt.

Populismus: Den Begriff kennen wir in der EU eigentlich nur noch als Schimpfwort, zur Steigerung des Ekelfaktors meist mit dem Präfix "Rechts-" oder "Links-" versehen. Diese Konnotation verdanken wir Leuten genau jenes Schlages, denen der Kemalismus mit dem Prinzip des Populismus den Kampf angesagt hat. Im Zusammenhang der Lehren Atatürks ist Populismus nämlich ein Oberbegriff für die Prinzipien der Demokratie und Good Governance, oder, um es mit Abraham Lincoln zu sagen, der Regierung des Volkes, durch das Volk und für das Volk.

Davon will die EU bekanntlich auch nichts wissen, sie macht zum nur noch schwachen Schein demokratisch legitimiert längst ausschließlich Politik für eine Pseudoelite, deren zahlenmäßige Stärke sich in Deutschland recht gut an den Wahlergebnissen für Bündnis 90/Die Grünen ablesen lässt: Leute, die bei minimal möglicher Produktivität maximal mögliche Einkommen erzielen (was dank der weltweiten Finanzmärkte keine Aufgabe zum Verzweifeln ist), einen bohemienhaften und nonkonformistischen Lebensstil pflegen, sich für furchtbar aufgeklärt und progressiv halten und mit Verachtung auf den Pöbel herabschauen, der im Sinne ihrer Auslegung linkspolitischer Heilslehren evangelisiert und umerzogen werden muss.

Nationalismus: Noch ein Zitat Atatürks: "Froh sei derjenige, der sagt: Ich bin ein Türke." Sagen kann und darf das nach Atatürks Verständnis jeder Mensch, gleich welcher ethnischen Herkunft, der Türkisch spricht und sich mit der türkischen Geschichte, Kultur und Mentalität identifiziert.

Also jeder Mensch, der genau das tut, was man nach politisch korrekter EU-Lesart von niemandem mehr fordern darf: nämlich sich geistig in das Gemeinwesen, in dem man lebt, zu integrieren und aktiv zu diesem zu bekennen. Der Nationalismus im kemalistischen Sinne hat nichts mit Rassismus zu tun, sondern erteilt lediglich "multikulturalistischen" Hirngespinsten eine deutliche Absage, erkennt an, dass eine staatliche Gemeinschaft gemeinsame Werte braucht.

Etatismus: Auch die wirtschaftliche Dimension des Kemalismus steht in diametralem Gegensatz zur EU-Politik. Denn der Kemalismus stellt das Wirtschaftsleben in den Dienst des Menschen und der Gemeinschaft, während die EU heute eine ihrer Daseinsberechtigungen gerade daraus herleitet, den USA als Heuschrecken-Biotop Konkurrenz zu machen.

Fazit: der Kemalismus bedeutet u. a.:
  • die Bekämpfung des politischen Islam und seines Einflusses auf Staat und Gesellschaft;
  • Politik für die Menschen statt für selbsttitulierte Pseudoeliten;
  • das Verständnis des Staates als Werte- und Kulturgemeinschaft und
  • die Ausrichtung des Wirtschaftslebens an humanitären Interessen.
Kemalismus und herrschende, mit Maßnahmen bis hin zur Brandmarkung und Diffamierung von Dissidenten verteidigte EU-Politik, gehen nicht zusammen.

Verfasst: Do 15. Okt 2009, 23:30
von Kathryn Janeway
Wow, wo ist dein AnKap geblieben 8o.