Antworten
Grünschnabel
Beiträge: 934
Registriert: So 18. Mär 2007, 17:49
Benutzeravatar
Grünschnabel

Beitrag von Lady Enigma »

Nein, eine vereinte Arbeiterklasse würde sich ja zumindest darauf einigen, dass es erstrebenswert ist, die ökonomischen Verhältnisse zu nivellieren. Dass es natürlich einen Diskurs darüber gäbe, wie das geschehen soll, ist klar. Und "Gesellschaftsordnung" ist sowieso ein Kampfbegriff. Marx hätte so einen unanalytischen Begriff kaum in den Mund genommen (und meiner Meinung nach ist "Systemfrage" genauso dämlich).
Pardon, aber ich hab schon bessere Witze gehört. Vereinte Arbeiterklasse? Ich gehör und gehörte ja nun selbst dazu, wenn ioch nicht gerade was anderes gemacht hab.
War schon in der DDR ein verbreitetes Wort, daß die überzeugtesten Marxisten und Arbeiterbefreier nicht wissen von welcher Seite man eine Schaufel anpackt. Ist heute auch noch Konsens. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß unter der Arbeiterklasse die meisten nichts mit der Linken sei es Die Linke oder auch die SPD zu tun haben wollen.
Linke treff ich eigentlich nur in Intellektuellenkneipen, manchmal unter dem sogenannten Arbeiteradel.
Interessanterweise sind von diesen intellektuellen Marxisten zumindest einige nur solang für Gleichheit und die Arbeiterklasse, wie sie es nicht mit Arbeitern zu tun haben. Ich bin Sonntags beim Frühstück mal mit einer Dame ins Gespräch gekommen über das Buch, das ich las, (Solschenytzin, Krebsstation), die war Grafikerin, freiberuflich.
Auch ne Marxistin. Nettes Gespräch, als höflicher Mensch hab ich mich des polemisierens enthalten. Als die Sache langsam in Richtung Kiste(von ihr aus) ging, kam mein Job zur Sprache. Bau. Zack, Klappe.
Kein Einzelfall. Wir haben ja öfter mit Studenten zu tun, die sich in den Semesterferien ein paar Kröten verdienen wollen. Was man da, gerade mit angehenden Geisteswissenschaftlern erlebt... na ja...
Wenn ich nur an den Typen denke, der den Leuten ständig mit solchen Sprüchen wie Revolution und Umverteilung auf den Zünder ging.
Einer unserer Schaler meinte, bevor du was umverteilen willst, tu erst mal was in den Topf, bisher kostest du nur mein Geld.
Daraufhin meinte dieser Schnösel tatsächlich, Geld sei nicht alles, er steuere zum Klassenkampf die tiefere Einsicht bei, die die Arbeiter
wegen der geistigen Unterdrückung naturgemäß nicht haben könnten....
Karol, eben der Schaler, hat seinen Missmut über diese Bemerkung zum Ausdruck gebracht.
Hat etwas gedauert, bis dieses Bengelchen wieder bei Bewusstsein war :D
Arbeiterklasse eben. :]
 

POSTREACT(ions) SUMMARY

Bild

Der gebildete Mensch hat die Pflicht, intolerant zu sein
Nicolas Gomez Davila
Erleuchteter
Beiträge: 5381
Registriert: Do 15. Mär 2007, 12:30
Benutzeravatar
Erleuchteter
Original von Lady Enigma
Pardon, aber ich hab schon bessere Witze gehört. Vereinte Arbeiterklasse? Ich gehör und gehörte ja nun selbst dazu, wenn ioch nicht gerade was anderes gemacht hab.
War schon in der DDR ein verbreitetes Wort, daß die überzeugtesten Marxisten und Arbeiterbefreier nicht wissen von welcher Seite man eine Schaufel anpackt. Ist heute auch noch Konsens. Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß unter der Arbeiterklasse die meisten nichts mit der Linken sei es Die Linke oder auch die SPD zu tun haben wollen.
Linke treff ich eigentlich nur in Intellektuellenkneipen, manchmal unter dem sogenannten Arbeiteradel.
Das stimmt so nicht. Arbeiter wählen zwar schon lange nicht mehr geschlossen SPD, sind unter den SPD-Wählern aber immer noch überdurchschnittlich vertreten. Dass sie bisher nur zu kleinen Teilen zur Linken abgewandert sind und zum Teil konservativ wählen, kann man getrost der Bildzeitung in die Schuhe schieben.
Interessanterweise sind von diesen intellektuellen Marxisten zumindest einige nur solang für Gleichheit und die Arbeiterklasse, wie sie es nicht mit Arbeitern zu tun haben. Ich bin Sonntags beim Frühstück mal mit einer Dame ins Gespräch gekommen über das Buch, das ich las, (Solschenytzin, Krebsstation), die war Grafikerin, freiberuflich.
Auch ne Marxistin. Nettes Gespräch, als höflicher Mensch hab ich mich des polemisierens enthalten. Als die Sache langsam in Richtung Kiste(von ihr aus) ging, kam mein Job zur Sprache. Bau. Zack, Klappe.
Kein Einzelfall. Wir haben ja öfter mit Studenten zu tun, die sich in den Semesterferien ein paar Kröten verdienen wollen. Was man da, gerade mit angehenden Geisteswissenschaftlern erlebt... na ja...
Was das zeigen soll, weiß nicht nicht. Klar, es gibt ungeheure habituelle Schranken zwischen den Schichten (oder "Klassen", wenn man so will), die kaum durch die eigene politische Überzeugung beeinflusst werden.
 

POSTREACT(ions) SUMMARY

Bild
Erleuchteter
Beiträge: 5381
Registriert: Do 15. Mär 2007, 12:30
Benutzeravatar
Erleuchteter
Ich hab hier nochmal einen ganz anschaulichen Textabschnitt, der vielleicht noch etwas transparenter macht, in welchen Kategorien Marx gedacht hat und dass er kein Gewaltbefürworter war:
Wenn der politische Kampf der Arbeiterklasse gewaltsame Formen annimmt, wenn die Arbeiter an Stelle der Diktatur der Bourgeoisie ihre revolutionäre Diktatur setzen, dann begehen sie das schreckliche Verbrechen der Prinzipienverletzung, weil sie um der Befriedigung ihrer kläglichen profanen Tagesbedürfnisse willen, um der Brechung des Widerstandes der Bourgeoisie willen, dem Staate eine revolutionäre und vorübergehende Form geben, statt die Waffen niederzulegen und den Staat abzuschaffen.

"Der politische Indifferentismus", MEW S. 300
Marxens Kernbotschaft war, dass die Arbeiter kosequent die Macht ihrer Mehrheit ausnutzen sollen, was nichts weiter als ein Akt der Demokratie ist.
 

POSTREACT(ions) SUMMARY

Bild
Anfänger
Beiträge: 123
Registriert: Fr 30. Mär 2007, 16:41
Benutzeravatar
Anfänger
Lies das Zitat bitte nochmal im Kontext und sag mir dass du keine Ironie darin erkennst.

http://www.mlwerke.de/me/me18/me18_299.htm

Marx hat die von dir zitierte Aussage gerade den "Aposteln des politischen Indifferentismus" zum Vorwurf gemacht.

So gehts weiter:
Niemand wird bestreiten, daß die Apostel des politischen Indifferentismus, hätten sie sich so klar ausgesprochen, von der Arbeiterklasse längst zum Teufel gejagt worden wären; die Arbeiterklasse hätte das als Beleidigung doktrinärer Bourgeois und verkommener Edelleute aufgefaßt, die so dumm oder so naiv sind, ihr jedes reale Kampfmittel zu verweigern, weil man all diese Kampfmittel der heutigen Gesellschaft entnehmen muß und weil die fatalen Bedingungen dieses Kampfes das Unglück haben, sich nicht den idealistischen Phantasien anzupassen, die diese Doktoren der Sozialwissenschaft unter den Namen Freiheit, Autonomie, Anarchie zur Gottheit erhoben haben.
 

POSTREACT(ions) SUMMARY

Erleuchteter
Beiträge: 5381
Registriert: Do 15. Mär 2007, 12:30
Benutzeravatar
Erleuchteter
Sorry, das war der falsche...Du hast natürlich recht...

EDIT: Verdammt, ich find jetzt auf die Schnelle nicht mehr, was ich bringen wollte...mach morgen noch einen Versuch, wenn ich Zeit hab ;) Die Grundaussage ist jedenfalls bei Marx, dass er den friedlichen Weg bevorzugt, dass er aber davon ausgeht, dass die Bourgeoisie sich dem mit Gewalt in den Weg stellen wird und dass dann die Arbeiter zur Gewalt gezwungen sein werden.
 

POSTREACT(ions) SUMMARY

Bild
Beiträge: 478
Registriert: Mi 14. Mär 2007, 17:54
Original von Montgomery Scott
Die Grundaussage ist jedenfalls bei Marx, dass er den friedlichen Weg bevorzugt, dass er aber davon ausgeht, dass die Bourgeoisie sich dem mit Gewalt in den Weg stellen wird und dass dann die Arbeiter zur Gewalt gezwungen sein werden.
Mal davon abgesehen, dass beileibe nicht jeder Arbeiter Marxist ist (sogar die wenigsten) und die meisten ideologischen Marxisten sich maximal in ihrer Studienzeit mal in eine Fabrik verirrt haben und meist verwöhnte bürgerliche Revolutions-Idealisten sind.
In einem Staat gibt es selbst in der Frühphase der Industrialisierung keine Mehrheit an Arbeitern, höchstens eine von Arbeitern, Bauern und Landarbeitern. Heute leben wir in den hochentwickelten Ländern in einer Dienstleistungs- und Hochtechnologie-Gesellschaft, in der die reine, körperlich harte Arbeit (das wird auch von vielen klassischen Arbeitern geschätzt) immer weniger wird, bzw. durch viele marktwirtschaftliche (u.a. technische, organisatorische, Arbeitsteilungs-) Entwicklungen erleichtert wird. Dieses Problem, dass die Gesellschaft immer weniger klassische Arbeiter benötigt, und damit die alten Theorien (in dem Teil, in dem sie sich darauf beziehen) ganz praktisch überholt sind, kann man natürlich durch Abänderung der Theorie vordergründig anpassen: Man erklärt einfach alle Arbeitnehmer (bis zu einem gewissen Gehalt) zu Arbeitern. Das macht die "Zwangsläufigkeit" der Entwicklung nach Marx und vielen Sozialisten aber trotzdem nicht mehr richtig und ist schlicht durch die Realität widerlegt.

Zur Legitimation von Gewalt: Der Nihilismus wäre eine Legitimation für Gewalt, er braucht nämlich keinen ideologischen Überbau.

Wenn aber (Neo-)Marxisten sagen, wir müssten keine Gewalt anwenden, wenn sich die Eigentumsbesitzer freiwillig enteignen lassen und bei unserem neuesten (auf widerlegten und teilweise utopischen Annahmen von Mensch, Wirtschaft und Gesellschaft basierenden) Gesellschafts-Planungs-Versuch wider besseres Wissen und Gewissen mitmachen.

Wenn sich die Nichtrevolutionäre dann immer noch gegen die (nicht naturgemäßen) Vorstellungen der Revolutionäre stellen sind sie Konterrevolutionäre und dann ist Gewalt (ideologisch gerechtfertigt) legitim.

Entweder freiwillig mitmachen oder mit schlagenden Argumenten überzeugt werden.
 

POSTREACT(ions) SUMMARY

Rafael van der Linden, Kellner im Café Sonderbar Manuri
Erleuchteter
Beiträge: 5381
Registriert: Do 15. Mär 2007, 12:30
Benutzeravatar
Erleuchteter
Original von Rafael van der Linden
Mal davon abgesehen, dass beileibe nicht jeder Arbeiter Marxist ist (sogar die wenigsten) und die meisten ideologischen Marxisten sich maximal in ihrer Studienzeit mal in eine Fabrik verirrt haben und meist verwöhnte bürgerliche Revolutions-Idealisten sind.
Das wollte Marx ja gerade ändern.
In einem Staat gibt es selbst in der Frühphase der Industrialisierung keine Mehrheit an Arbeitern, höchstens eine von Arbeitern, Bauern und Landarbeitern.
Marx und Engels gingen davon aus, dass es zur Mitte des 19. Jahrhunderts eine Mehrheit derjenigen gab, die materialistisch gesehen Interesse am Kommunismus haben sollten bzw. dass diese Mehrheit mit dem Fortschritt des Kapitalismus größer und ihre Lage prekärer würde.
Heute leben wir in den hochentwickelten Ländern in einer Dienstleistungs- und Hochtechnologie-Gesellschaft, in der die reine, körperlich harte Arbeit (das wird auch von vielen klassischen Arbeitern geschätzt) immer weniger wird, bzw. durch viele marktwirtschaftliche (u.a. technische, organisatorische, Arbeitsteilungs-) Entwicklungen erleichtert wird. Dieses Problem, dass die Gesellschaft immer weniger klassische Arbeiter benötigt, und damit die alten Theorien (in dem Teil, in dem sie sich darauf beziehen) ganz praktisch überholt sind, kann man natürlich durch Abänderung der Theorie vordergründig anpassen: Man erklärt einfach alle Arbeitnehmer (bis zu einem gewissen Gehalt) zu Arbeitern. Das macht die "Zwangsläufigkeit" der Entwicklung nach Marx und vielen Sozialisten aber trotzdem nicht mehr richtig und ist schlicht durch die Realität widerlegt.
Das ist natürlich völlig korrekt. Was aber nichts an der historischen Bedeutung der "Diktatur des Proletariats" ändert.
Wenn aber (Neo-)Marxisten sagen, wir müssten keine Gewalt anwenden, wenn sich die Eigentumsbesitzer freiwillig enteignen lassen und bei unserem neuesten (auf widerlegten und teilweise utopischen Annahmen von Mensch, Wirtschaft und Gesellschaft basierenden) Gesellschafts-Planungs-Versuch wider besseres Wissen und Gewissen mitmachen.

Wenn sich die Nichtrevolutionäre dann immer noch gegen die (nicht naturgemäßen) Vorstellungen der Revolutionäre stellen sind sie Konterrevolutionäre und dann ist Gewalt (ideologisch gerechtfertigt) legitim.

Entweder freiwillig mitmachen oder mit schlagenden Argumenten überzeugt werden.
Zunächst mal eins: Auch, wenn Ultraliberale gerne regelmäßig über das Unrecht von Steuern schwadronieren, so ist materielle Enteignung in der politischen Ordnung der BRD doch Fakt und auch von der Verfassung vorgesehen. Es wird, wenn man so will, auch Gewalt angewandt, nämlich die Staatsgewalt, die nicht erst in Kraft tritt, wenn ein Polizist auf einen Einbrecher schießt (soviel zum Gewaltbegriff). Gewaltanwendung zur Enteignung ist also a) nach dem GG und b) faktisch legitim und zwar bei beiden Formen der Enteignung, die Marx und Engels für geboten hielten.
 

POSTREACT(ions) SUMMARY

Bild
Beiträge: 478
Registriert: Mi 14. Mär 2007, 17:54
so ist materielle Enteignung in der politischen Ordnung der BRD doch Fakt und auch von der Verfassung vorgesehen.
Richtig, aber es gibt eben auch den Eigentumsbegriff im Grundgesetz und die Idee der Sozialen Marktwirtschaft, dass eine eigentumsbasierte, privat organisierte Wirtschaft (Kapitalismus) mehr Wohlstand, Ordnung und Finanzierung von sozialen Standards ermöglicht, als eine "Ordnung", die auf der staatlichen Möglichkeit zur willkürlichen Enteignung basiert. D.h. es werden Steuern und Abgaben erhoben, aber basierend auf einer Ordnung, und - im Idealfall - nie willkürlich, sondern allgemeingültig und basierend auf demokratisch entstandenen Gesetzen und kontrolliert von einem diesen Gesetzen verpflichteten Rechtsstaat.

Nun hast Du gesagt, wenn die Mehrheit dafür ist, kann man auch enteignen, wies gerade passt. Davon abgesehen, dass das Grundgesetz die willkürliche Enteignung (einer Minderheit) auch bei Mehrheitsbeschluss nicht zulässt: Wenn eine Mehrheit Verstaatlichungen per ordentlichem allgemeingültigen Gesetz will, müsste der (hier nicht beschränkte) Staat verstaatlichen/enteignen.
Aber hier hoffe ich darauf, dass durch Argumente und gewachsene Einsicht einer Mehrheit eine Mehrheit für einen demokratische Übergang in den Sozialismus nicht zustande kommt.

Folglich bliebe den Staatssozialisten oder auch den (sympathischeren, aber utopistischen) Anhängern des staaten-/herrschaftslosen Sozialismus keine andere Möglichkeit als die gewaltsame Revolution. Und wie manche Möchtegern-Revolutionäre diese Gewalt begründen, habe ich oben beschrieben.
Es wird, wenn man so will, auch Gewalt angewandt, nämlich die Staatsgewalt, die nicht erst in Kraft tritt, wenn ein Polizist auf einen Einbrecher schießt (soviel zum Gewaltbegriff).
Nennen wir es ordnende Gewalt.
Wir haben keinen Nachtwächterstaat, das ist glaube ich allen klar - auch wenn die Linkspartei und andere das gerne so darstellen, um die Situation "neoliberaler" und "unsozialer" darzustellen als sie de facto ist. Obwohl auch der interessierte Laie feststellen kann, dass neo-/ordoliberale Vorstellungen weder den Nachtwächterstaat proklamieren, noch davon ausgehen, dass eine wirtschaftlich leistungsfähige Gesellschaft automatisch unsozial ist.

Aber, und das darf man auch festhalten, es gibt zwischen dem Nachtwächter-/Minimalstaat und dem Staatssozialismus (und der "vorübergehenden" Diktatur des "Proletariats", oder der Utopie vom staatslosen Sozialismus) doch noch weitere Modelle, bzw. auch praktische Realitäten. So die Soziale Marktwirtschaft, so der Staat als Rahmengeber und Institution für Sozialpolitik, mit der ungeplanten (Markt-)Wirtschaft als Wirtschaft und der Idee des sozialen Ausgleichs bei Beibehaltung einer grundsätzlichen Eigentumsordnung.
Gewaltanwendung zur Enteignung ist also a) nach dem GG und b) faktisch legitim und zwar bei beiden Formen der Enteignung, die Marx und Engels für geboten hielten.
Marx und vor allem Engels glaubten auch, dass das nur ein logischer Schritt wäre, die große Mehrheit der verelendeten Massen den Schritt zum Sozialismus (als ihr Heilsversprechen) begrüßen würden und es 99% der Menschen im Sozialismus (und erst recht nach dem Engelschen Absterben des Staates/Kommunismus) tatsächlich besser gehen würde als im furchtbaren Herrschaftssystem des Kapitalismus.
Aber dies bestreite ich aus heutiger Sicht mit dem Argument der Realität und der realen Entwicklung des Wohlstands in einer marktwirtschaftlich wirtschaftenden Gesellschaft.
 

POSTREACT(ions) SUMMARY

Rafael van der Linden, Kellner im Café Sonderbar Manuri
Erleuchteter
Beiträge: 5381
Registriert: Do 15. Mär 2007, 12:30
Benutzeravatar
Erleuchteter
Original von Rafael van der Linden
Richtig, aber es gibt eben auch den Eigentumsbegriff im Grundgesetz und die Idee der Sozialen Marktwirtschaft, dass eine eigentumsbasierte, privat organisierte Wirtschaft (Kapitalismus) mehr Wohlstand, Ordnung und Finanzierung von sozialen Standards ermöglicht, als eine "Ordnung", die auf der staatlichen Möglichkeit zur willkürlichen Enteignung basiert. D.h. es werden Steuern und Abgaben erhoben, aber basierend auf einer Ordnung, und - im Idealfall - nie willkürlich, sondern allgemeingültig und basierend auf demokratisch entstandenen Gesetzen und kontrolliert von einem diesen Gesetzen verpflichteten Rechtsstaat.
Mir wäre nicht bekannt, dass sich im Grundgesetz eine Festlegung auf die "Soziale Marktwirschaft" fände. Im Übrigen solltest Du mal einen näheren Blick auf Artikel 14 werfen. Er besagt, dass der Staat Eigentums- und Erbrecht durchsetzt und dass Inhalt und Schranken durch Gesetze festgelegt werden.
Nun hast Du gesagt, wenn die Mehrheit dafür ist, kann man auch enteignen, wies gerade passt. Davon abgesehen, dass das Grundgesetz die willkürliche Enteignung (einer Minderheit) auch bei Mehrheitsbeschluss nicht zulässt: Wenn eine Mehrheit Verstaatlichungen per ordentlichem allgemeingültigen Gesetz will, müsste der (hier nicht beschränkte) Staat verstaatlichen/enteignen.
Niemand will willkürlich enteigenen sondern nach dem Gleichheitsgrundsatz und zum Wohle der Allgemeinheit, also genau den Vorgaben des GG entsprechend.
Folglich bliebe den Staatssozialisten oder auch den (sympathischeren, aber utopistischen) Anhängern des staaten-/herrschaftslosen Sozialismus keine andere Möglichkeit als die gewaltsame Revolution. Und wie manche Möchtegern-Revolutionäre diese Gewalt begründen, habe ich oben beschrieben.
Immer unter der Prämisse, dass man es für sinnvoll und legitim hält und das ist absolut aus der Luft gegriffen.
Nennen wir es ordnende Gewalt.
Wir haben keinen Nachtwächterstaat, das ist glaube ich allen klar - auch wenn die Linkspartei und andere das gerne so darstellen, um die Situation "neoliberaler" und "unsozialer" darzustellen als sie de facto ist.
Das würde ich nicht sagen. Es wird nur klar gestellt, dass die wirtschaftliche Ordnung kontinuierlich liberaler wird.
Obwohl auch der interessierte Laie feststellen kann, dass neo-/ordoliberale Vorstellungen weder den Nachtwächterstaat proklamieren, noch davon ausgehen, dass eine wirtschaftlich leistungsfähige Gesellschaft automatisch unsozial ist.
Da gebe ich Dir recht. Die liberalen Stimmen, die dem Laien unter kommen - sprich die erste Reihe in der FDP - fordern tatsächlich keine wirtschaftliche Anarchie sondern einen ordnenden Staat, der Klientelpolitik für Großunternehmen durchführt. Das wird dann blumig mit Adam Smiths Leitsatz gerechtfertigt.
Aber, und das darf man auch festhalten, es gibt zwischen dem Nachtwächter-/Minimalstaat und dem Staatssozialismus (und der "vorübergehenden" Diktatur des "Proletariats", oder der Utopie vom staatslosen Sozialismus) doch noch weitere Modelle, bzw. auch praktische Realitäten. So die Soziale Marktwirtschaft, so der Staat als Rahmengeber und Institution für Sozialpolitik, mit der ungeplanten (Markt-)Wirtschaft als Wirtschaft und der Idee des sozialen Ausgleichs bei Beibehaltung einer grundsätzlichen Eigentumsordnung.
Die "Soziale Marktwirtschaft", nach ihrem ursprünglichen Modell, ist das, was Marx Sozialismus nannte. Ich lehne sie keinesfalls ab, bestreite nur (mit Marx) ihre Möglichkeit. Die beiden großen Parteien in Deutschland haben die "Soziale Marktwirtschaft" offiziell als Leitbild, die CDU ausdrücklich, die SPD implizit. De Facto regieren die beiden Parteien seit 2000 gemeinsam. Und nun schau Dir mal an, wie sozial die "Soziale Marktwirtschaft" ist. Die Begriffe, mit denen diese Idee umschrieben wird, sind vielversprechend, die Macht- und Interessenlage im Kapitalismus entspricht ihr aber nicht.
Marx und vor allem Engels glaubten auch, dass das nur ein logischer Schritt wäre, die große Mehrheit der verelendeten Massen den Schritt zum Sozialismus (als ihr Heilsversprechen) begrüßen würden und es 99% der Menschen im Sozialismus (und erst recht nach dem Engelschen Absterben des Staates/Kommunismus) tatsächlich besser gehen würde als im furchtbaren Herrschaftssystem des Kapitalismus.
Aber dies bestreite ich aus heutiger Sicht mit dem Argument der Realität und der realen Entwicklung des Wohlstands in einer marktwirtschaftlich wirtschaftenden Gesellschaft.
Stimmt, die marxistische Vorhersage ist empirisch in mehrfacher Hinsicht widerlegt. Das heißt aber nicht, dass die zugehörigen Überlegungen obsolet sind.

Wie dem auch sei, zurück zur Demokratiefrage: Der naive und orthodoxe Marxist ist Demokrat, wird sich nur nach demokratischen Prinzipien nicht durchsetzen können, sofern man realistischerweise davon ausgeht, dass Marxens Prognosen nicht mehr eintreffen. Der Neomarxist ist Demokrat und wendet die marxistischen Grundgedanken auf die neuen Probleme an.
 

POSTREACT(ions) SUMMARY

Bild
Beiträge: 478
Registriert: Mi 14. Mär 2007, 17:54
Original von Montgomery Scott
Mir wäre nicht bekannt, dass sich im Grundgesetz eine Festlegung auf die "Soziale Marktwirschaft" fände.
Ich habe zwei verschiedene Sachverhalte in einen Satz gepackt, daher war das vielleicht missverständlich.
Dass die Gesellschaftsordnung in unserer modernen Demokratie kein konkretes Wirtschafts- oder Sozialmodell vorschreibt weiß ich, und darüber schrieb ich ja auch bereits.
Die Soziale Marktwirtschaft war die Wirtschafts- und Sozialordnung, welche sich nach dem 2. Weltkrieg (trotz anderslautender Programme der zwei großen Parteien) als Wachstums-, Wohlstands- und Sozialstandardmodell durchgesetzt hat. Selbstverständlich gab es immer auch andere Ideen und Auffassungen, aber diese Ordnung hat sich - mit vielen keynesianistischen und interventionistischen Einschlägen und Änderungen - bis heute erhalten.
Ich - nach meiner Sachkenntnis und auch nach meinem Geschmack - favorisere ein verlässliches, aber reformoffenes, wohlstandsförderliches, und private wie staatliche soziale Einrichtungen ermöglichendes System: die Soziale Marktwirtschaft. Das bedeutet, ich bin dafür, die Rahmenordnung und die konkreten Gesetze so zu gestalten, dass es der Sozialen Marktwirtschaft entspricht. Wenn eine aktive Mehrheit das anders entscheiden würde, wäre das dann eben anders.
Niemand will willkürlich enteigenen sondern nach dem Gleichheitsgrundsatz und zum Wohle der Allgemeinheit, also genau den Vorgaben des GG entsprechend.
Da die Herrschenden in der Regel definieren, was dem "Allgemeinwohl" dient, ist ein nicht objektiv definierbarer Begriff wie Allgemeinwohl auch eine Frage der jeweiligen Herrschaftsform und der kulturell und politischen Leitidee.
 

POSTREACT(ions) SUMMARY

Rafael van der Linden, Kellner im Café Sonderbar Manuri
Antworten

Zurück zu „Off Topic“