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Verfasst: So 25. Jan 2009, 14:57
von Kreittmayr
Original von Konrad Grimm
Ich würde mich nicht libertär nennen. Ich denke, ich kann meine Einstellung so verdeutlichen:
Ich wollte damit auch lediglich darauf hinweisen, dass Du diese falsche Dichotomisierung mit den Libertären teilst, und vermutlich noch aus Deiner Zeit als Libertärer mitgenommen hast.
Wenn ich mir heute Pudel, Dackel und andere Schoßhündchen ansehe, dann steigt in mir Ekel auf, wenn ich daran denke, dass das das Ergebnis menschlicher Einwirkung auf ein so stolzes und freies Wesen wie den Wolf ist. Aber was geschähe, wenn man diese Kreaturen im Wald aussetzen würde? Sie würden elendig zugrunde gehen.
So ist es mit den Menschen, die unsere Gesellschaft erzeugt. Nein, die sind nicht fähig zur Freiheit. Erst soll das Raubtier in ihnen wieder erwachen, alle Zucht, Dressur und Demütigung abfallen, und dann werden sie ihre Ketten schon selbst zu sprengen wissen.
Der Wald ist aber nicht der Ort, an dem der Mensch normalerweise lebt. Menschen bilden Gemeinschaften; und übrigens bilden auch Wölfe Rudel. Nur dass eine funktionale menschliche Gemeinschaft anderen Organisationsprinzipien folgt, als ein funktionales Wolfsrudel.

Verfasst: So 25. Jan 2009, 15:14
von Konrad Grimm
Original von Kreittmayr
Der Wald ist aber nicht der Ort, an dem der Mensch normalerweise lebt.
In der Jäger-und-Sammler-Epoche schon, die immerhin den bei weitem größten Teil der Menschheitsgeschichte, die gesamte Vorgeschichte nämlich, ausmacht (mehr als 90 % der Zeit ab Entstehung des homo sapiens).
Menschen bilden Gemeinschaften;
Weil sie dazu gezwungen werden durch den Prozess der Sozialisierung. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sie dies von Natur aus tun, immerhin gibt es Hominidae, die eindeutig Einzelgänger sind, namentlich Orang Utans. Auch der Schimpanse lebt nicht in festen Sozialstrukturen, sondern in wechselnden Gruppenzugehörigkeiten.

Verfasst: So 25. Jan 2009, 15:23
von Palin Waylan-Majere
Original von Konrad Grimm
Weil sie dazu gezwungen werden durch den Prozess der Sozialisierung. Es gibt keinen Grund anzunehmen, dass sie dies von Natur aus tun, immerhin gibt es Hominidae, die eindeutig Einzelgänger sind, namentlich Orang Utans. Auch der Schimpanse lebt nicht in festen Sozialstrukturen, sondern in wechselnden Gruppenzugehörigkeiten.
Du zauberst mir immer wieder ein Schmunzeln auf das Gesicht. Allein dafür bin ich schon froh, dass du hier dabei bist. ;)

Verfasst: So 25. Jan 2009, 16:13
von Kreittmayr
Original von Konrad Grimm
In der Jäger-und-Sammler-Epoche schon, die immerhin den bei weitem größten Teil der Menschheitsgeschichte, die gesamte Vorgeschichte nämlich, ausmacht (mehr als 90 % der Zeit ab Entstehung des homo sapiens).
Ja, die Epoche in der er kurz und miserabel lebte.
Weil sie dazu gezwungen werden durch den Prozess der Sozialisierung.
Sind wir jetzt bei quasimarxistischer Strukturgeschichtstheorie?

Verfasst: So 25. Jan 2009, 16:22
von Konrad Grimm
Original von Kreittmayr
Ja, die Epoche in der er kurz und miserabel lebte.
Ich halte die Menschen heute für psychische Wracks, die sich nur noch zwischen Manien, Wahnvorstellungen und Neurosen hin- und herhangeln, die meines Erachtens alle Zivilisationssymptome sind. Sie ertragen das Leben nicht mehr, ohne sich zu betäuben, sei es durch Rauschmittel, sei es durch Religion und Ersatzreligion. Sie laufen ihren fixen Ideen hinterher, die ihrem Leben einen "Sinn" geben sollen, strampeln sich ab auf der hedonistischen Tretmühle wie die Hamster im Laufrad, betrügen sich in ihren Hoffnungen und Illusionen.

Dagegen ist die kürzere Lebenserwartung des vor-zivilisatorischen Menschen eine leichte Bürde.

Verfasst: So 25. Jan 2009, 16:51
von Kreittmayr
Original von Konrad Grimm
Ich halte die Menschen heute für psychische Wracks, die sich nur noch zwischen Manien, Wahnvorstellungen und Neurosen hin- und herhangeln, die meines Erachtens alle Zivilisationssymptome sind. Sie ertragen das Leben nicht mehr, ohne sich zu betäuben, sei es durch Rauschmittel, sei es durch Religion und Ersatzreligion. Sie laufen ihren fixen Ideen hinterher, die ihrem Leben einen "Sinn" geben sollen, strampeln sich ab auf der hedonistischen Tretmühle wie die Hamster im Laufrad, betrügen sich in ihren Hoffnungen und Illusionen.
Ja, aber diese Symptome zeigen eher eines an, nämlich dass Irrationalität der beherrschende Zug unserer Kultur ist. Wer seine Vernunft aufgibt, gibt in dem Maße auch den Kontakt mit der Realität auf, und zerstört sich somit psychologisch. Er tritt die Weltflucht an, im wortwörtlichsten Sinne. Aber Irrationalität ist kein notwendiges Beiprodukt von Zivilisiertheit, sondern im Gegenteil Ausdruck größter Unzivilisiertheit. Die Zivilisation basiert auf den Leistungen der Vernunft, denn nur durch sie ist es uns möglich, die Realität zu verstehen und unseren Bedürfnissen entsprechend umzuformen. Wer aber seinen einzigen zentralen Zugang zur Welt aufgibt, sie im idealtypischen Extremfall allenfalls noch perzeptiv wie ein Tier versteht, der kommt in ihr als Mensch auch nicht zurecht, der fühlt sich von ihr überwältigt und bezwungen und versucht aus ihr zu fliehen, und so ein Eskapismus kann die von Dir erwähnten Formen annehmen.

Aber das hat nicht prinzipiell etwas mit Zivilisation und Gemeinschaftsbildung zu tun, sondern mit der individuellen Ausübung (oder Nichtausübung) unserer kognitiven Vermögen.

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Hast Du zum Prozess der Sozialisierung noch was zu sagen?

Verfasst: So 25. Jan 2009, 17:17
von Konrad Grimm
Original von Kreittmayr
Die Zivilisation basiert auf den Leistungen der Vernunft, denn nur durch sie ist es uns möglich, die Realität zu verstehen und unseren Bedürfnissen entsprechend umzuformen.
Nein, die Zivilisation ist das Ergebnis von Besessenheit. Wer formt sie? Feldherren, die von der Weltherrschaft träumen. Religionsführer und Ideologen, die ihre Wahnvorstellungen als Heilslehren verkaufen. Geschäftsleute, die dem Gewinn hinterher jagen, als würde die Nullstelle auf dem Konto sie tatsächlich glücklicher machen. Architekten und Städteplaner, die insgeheim hoffen, ihre Betondenkmäler würden ihnen einen Hauch Unsterblichkeit verleihen.

Unsere ganze Kultur und Zivilisation ist ein Ergebnis von Wahnvorstellungen. Kein vernünftiges Lebewesen käme auf die völlig bescheuerte Idee, Heimstätten zu errichten, die die eigene Lebensspanne überdauern sollen.

"Es gibt Augenblicke, wo man sich wundert über alle, die keine Axt ergreifen. Alle finden sich damit ab, obschon es ein Spuk ist. Arbeit als Tugend. Tugend als Ersatz für die Freude. Und der andere Ersatz, da die Tugend nicht ausreicht, ist das Vergnügen: Feierabend, Wochenende, das Abenteuer auf der Leinwand..." - Max Frisch, Graf Öderland
Hast Du zum Prozess der Sozialisierung noch was zu sagen?
Der Prozess der Sozialisierung ist ein Prozess der Demütigung und des Brechens der menschlichen Eigenheit. Für Kinder gibt es kein "du sollst", kein Recht, kein Eigentum, keine Sinnsuche, keinen Gott. Das sind alles Flausen, Hirngespinste, ein Spuk und ein Sparren.

Verfasst: So 25. Jan 2009, 23:23
von Kreittmayr
Ich geh mal eben Kotzen von dem ganzen Unsinn. Bis dann.

Verfasst: Sa 31. Jan 2009, 04:12
von Montgomery Scott
Original von Rafael van der Linden
Ja, aber im ursprünglichen Sinne neoliberale Philosophie und Politik gibt es, sie wurde auch schon in größerem (wenn auch nicht vollständigem, aber pure Systeme gab es wohl selten) Maße praktiziert. Und es gibt auch heute noch Ökonomen und andere geistig tätige Menschen in neoliberaler Tradition.
Ich hab zum Thema "Neoliberalismus" gerade ein recht interessantes Interview mit einem Politologen gelesen:

http://www.sueddeutsche.de/politik/171/401952/text/

Für ihn steht "Neoliberalismus" für eine selbsternannte Ideentradition, die mal mit Eucken/Hayek/Erhard anfing und die heute bei maßloser Privatisierung und Deregulierung angekommen ist. Geredet wird immer noch von einem "Dritten Weg" (gerade auch bei der FDP) aber praktiziert wird eine Politik, die nur noch wenig an Erhard erinnert, der seine Ideen ja wiederum von Eucken und Oppenheimer hatte, die von der "Zerschlagung der Konzerne" (Eucken) bzw. dem "Liberalen Sozialismus" (Oppenheimer) redeten. So wird die Begriffsverwendung, so unpraktisch sie im Endeffekt auch sein mag, etwas plausibler.

Verfasst: So 1. Feb 2009, 14:05
von Montgomery Scott
Interessanter Beitrag zum Thema Wirtschaftskrise und Deregulierung: http://www.youtube.com/watch?v=QjbYAFUWTwM