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Verfasst: Mi 21. Jan 2009, 13:08
von Montgomery Scott
Original von Konrad Grimm
die SPD hat Keynes entstaubt (der in Wahrheit den Mainstream darstellt - "we are all Keynesians now!"),
Now ;) Der Mainstream umfasst eben zusammen genommen Liberalisierung in guten Zeiten und staatliche Intervention in Krisenzeiten. Das entspricht ja genau der neoliberalen Auffassung der staatlichen Aufgaben. In der Realität führt das aber zu immer mehr Privatisierung (=Ausverkauf des Gemeinschaftsbesitzes) in guten Zeiten und zu aktiver Unterstützung der Wirtschaft (=Verschenken von Steuergeldern) in schlechten Zeiten. Wenn es übrigens um die Entlastung der breiten Masse der Konsumenten geht, sieht man gerade in der CDU Keynes ja dann noch plötzlich sehr differenziert.

Verfasst: Mi 21. Jan 2009, 13:09
von Konrad Grimm
Original von Montgomery Scott
Naja, von den Sozialwissenschaften und der Wirtschaftshistorik hat der seit Ende der 70er Jahre vorherrschende Mainstream in der Wirtschaftspolitik ja gerade den Namen "Neoliberalismus" bekommen, die Namensübereinstmmung mit der "Schule" aus der ersten Hälfte des 20. Jhds. ist da nur mittelbar relevant.
Ich behaupte: Die Wirtschaftspolitik war ungebrochen keynesianisch. Immerhin haben insbesondere die USA sogar unter Reagan und mehr noch unter Bush über die Militärausgaben ein gewaltiges deficit spending betrieben, das in der liberalen Schule so nicht vorkommt.

Verfasst: Mi 21. Jan 2009, 13:16
von Montgomery Scott
Original von Konrad Grimm
Ich behaupte: Die Wirtschaftspolitik war ungebrochen keynesianisch. Immerhin haben insbesondere die USA sogar unter Reagan und mehr noch unter Bush über die Militärausgaben ein gewaltiges deficit spending betrieben, das in der liberalen Schule so nicht vorkommt.
Klar, wirklich zurückgezogen hat der Staat sich nur sehr eingeschränkt. Aber die Rolle des Staates hat sich insofern geändert, dass der Staat die Wirtschaft nicht mehr für das Gemeinwohl in die Pflicht nimmt sondern durch immer mehr Freiräume stimuliert und sich bei der Schaffung wirtschaftlicher Anreize nicht mehr auf den Konsum konzentriert.

Verfasst: Mi 21. Jan 2009, 18:44
von Rafael van der Linden
Original von Montgomery Scott

Die Zweitgenannte ist eine Sozialwissenschaft ;)
Ja, durchaus, auch berechtigt. Allerdings wollte ich es grundsätzlich noch mal festhalten, weil Du die Ökonomie praktisch als fast gleichgeschaltet "neoliberal" darstellst. Tatschlich kommen aber auch aus diesem Fachgebiet die verschiedensten Ansätze und Theorien, ein Großteil davon deutlich entfernt vom eigentlichen Neo-/Ordoliberalismus.
Naja, von den Sozialwissenschaften und der Wirtschaftshistorik hat der seit Ende der 70er Jahre vorherrschende Mainstream in der Wirtschaftspolitik ja gerade den Namen "Neoliberalismus" bekommen, die Namensübereinstmmung mit der "Schule" aus der ersten Hälfte des 20. Jhds. ist da nur mittelbar relevant.
Also doch eine willkürliche Umdefinierung als Kampfbegriff je nach Brauchbarkeit für die Instrumentalisierung?

Die deutsche Variante des "Neoliberalismus" ist der Ordoliberalismus. Der hatte seine Wurzeln im klassischen Liberalismus und dem neuen, sozialstaatlicheren Ansatz von Hayek, Rüstow, Röpke, etc.
Dieser liberale Ansatz war von Beginn der BRD an politisch wie akademisch kein Mainstream. Es war mehr oder weniger Zufall, dass sich eine Mischung aus (grob) Christsozialem und neo-/ordoliberalen Ansätzen in dem Modell der "Sozialen Marktwirtschaft" durchgesetzt hat.

Und zu diesem Ansatz kamen im Laufe der Jahre immer mehr interventionistische und sozialstaatliche Elemente hinzu, nicht weg.

Seit den 70er-Jahren geht es angeblich ja immer "neoliberaler" zu in Deutschland. Das mag für einzelne Teilbereiche der Wirtschaftspolitik durchaus stimmen, dass hier weniger Keynes und etwas mehr ordoliberal praktiziert wird.
Es sind jedoch seit diesen 70er-Jahren in Deutschland
- die Sozialtransfers massiv gestiegen,
- der Anteil der Sozialausgaben am Haushalt keineswegs zurückgegangen und
- die staatliche Sozialpolitik hat sich deutlich ausdifferenziert, d.h. viel mehr verschiedene Förder- und Versorgungsleistungen entwickelt.

Es gibt also keinen sachlichen Grund anzunehmen, dass es in Deutschland (ausgerechnet seit den 70er-Jahren) immer "neoliberaler" bzw. mit weniger Staat zugehen würde. In vielen Bereichen wurde schon seit den 60er-Jahren das ursprüngliche ordoliberalere Konzept der "Sozialen Marktwirtschaft (SM ;) )" deutlich zu mehr Interventionismus hin verändert.
In manchen Gebieten wurden wiederum (haushaltspolitisch) ausufernde Veränderungen an diesem Konzept wieder etwas, aber selten ganz, zurückgenommen, dafür wurde der interventionistische Gedanke in vielen Gebieten schrittweise immer weiter ausgebaut (teilweise mit positiven, teilweise mit negativen Ergebnissen - aber die Wertung dessen ist nochmal was anderes, die Tatsache kann man jedoch wertfrei festhalten). In manchen Gebieten kam es wirklich seit den 80er-Jahren zu einer liberaleren Handschrift, in sehr vielen anderen wurde jedoch auch der Sozialstaatsgedanke weiter ausgebaut.

Wir haben auf jeden Fall eine "gemischte Politik", die verschiedene Konzepte in sich trägt, die sich teilweise meiner Meinung nach sehr gut ergänzen und teilweise widersprechen.

Neo-/Ordoliberales Konzept:
Staat hält sich aus konkretem privatwirtschaftlichem Ablauf heraus, kümmert sich um Infrastruktur und Rahmenbedingungen. Hinzu kommt eine sozialstaatliche Rahmengesetzgebung.

Interventionismus: Der Staat greift "lenkend", "steuernd" ("planend") in den konkreten Wirtschaftsablauf ein, verändert marktwirtschaftliche Abläufe.
Neoliberal bewertet: Interventionismus verzerrt Angebot/Nachfrage-Mechanismen, setzt Fehlanreize, verhindert künstlich einen raschen (jnd damit möglichst wenig Nebenwirkungen zeigenden) Strukturwandel, verschwendet massiv Steuergeld in Subventionen an nicht (mehr) wirtschaftlich arbeitende Branchen und sogar Einzelkonzerne, handelt strukturkonservativ und wirtschaftshemmend.

Sozialstaat, nach orodoliberalem Konzept: Sichert Bürger gegen unverschuldete Notsituationen; schafft Vertrauen und Anreize, möglichst selbstständig leben zu können; ermöglicht jedem Bürger einen (immer wieder festzulegenden) Standard an (wiederum gesellschaftlich anerkannten, veränderlichen) Grundbedürfnissen, wie Bildungschancen, Gesundheitsversorgung, Wohnung und Ernährung.
Er greift dabei nicht direkt in den Wirtschaftsablauf ein, welcher nach marktwirtschaftlichen Mechanismen für Leistungsanreiz, wirtschaftliches Wachstum und individuelle Arbeits- und Entfaltungsfreiheit sorgt.
Der Staat gibt hier nur den Rahmen, welcher wiederum (veränderliche) Gesetze zu Arbeitsbedingungen, Tarifhoheit etc. schafft. Aber eben den Rahmen und nicht interventionistisch hineinregierend in die sinnvollerweise nach marktwirtschaftlichen Regeln stattfindenden Wirtschaftsprozess.

Und dann ergänzen sich marktwirtschaftliche Wirtschaftsvorteile, Rechtsstaat und sozialstaatlicher Rahmen nach neoliberalem Konzept auf für vorteilhafte Art, sowohl für Leistungsstarke Menschen, die Wirtschaft, wie auch für leistungssschwache, kranke und alte Menschen.

Kein System ist ideal, aber diese ausgewogene Mischung aus wirtschaftlicher Freiheit und Leistungsanreizen und einem dadurch leistungsfähigen staatlichem (und gerne privat ergänzten) Sozialwesen hat sich meiner Meinung nach bewährt. In den Fällen, in denen man nicht zu sehr davon abgewichen ist.

Verfasst: Mi 21. Jan 2009, 18:54
von Rafael van der Linden
Original von Montgomery Scott
Der Mainstream umfasst eben zusammen genommen Liberalisierung in guten Zeiten und staatliche Intervention in Krisenzeiten.
Das ist meiner Einschätzung nach nicht einmal der ökonomische Mainstream, aber erst recht nicht der politische Mainstream. Aber selbst wenn er das wäre, ist das nun halt keineswegs neoliberale Ordnungspolitik.
Diese Ordnungspolitik ist grundsätzlich für staatliche Rahmenbedingungen, aber auch grundsätzlich (egal ob Rezession oder Boom) skeptisch gegen staatlichen Interventionismus in marktwirtschaftliche Prozesse.
Bei einer (staatlich ermöglichten) Mega-Verschuldungskrise, die uns vielleicht noch zukommt, mögen auch bisher ordoliberale bzw. (stringent) marktwirtschaftlich orientierte Ökonomen "schwach" werden und für staatliche Rettungsmaßnahmen zur Rettung des "Ganzen" plädieren. Aber die Bedingungen, die die Verschuldungskrise ermöglicht haben wurden von den wirklichen neoliberalen und liberalkonservativen Ökonomen schon seit jeher kritisiert.

Die Politik spielt aber nun mal - wiederum menschlich und machtpolitisch begründet - nach eigenen Regeln. Die Politik versucht nun, in einer vom Staat erst ermöglichten Krise, eine Bereinigung der inflationären/künstlichen Blasen zu verhindern, oder wenigstens zu verschieben. Aber das ist nicht neoliberal, das ist Staatsinterventionismus.

Verfasst: Mi 21. Jan 2009, 19:04
von Kreittmayr
Ich bin gegen den Neoliberalismus.

Verfasst: Mi 21. Jan 2009, 19:24
von Rafael van der Linden
Original von Kreittmayr
Ich bin gegen den Neoliberalismus.
Ich nicht. Ein sozialstaatliches Wohlfahrtsmodell mit neo-/ordoliberalem Wirtschaftsrahmen hat sich in den 50er- und 60er-Jahren in der BRD bewährt.

Verfasst: Mi 21. Jan 2009, 19:57
von Kreittmayr
Original von Rafael van der Linden
Ich nicht. Ein sozialstaatliches Wohlfahrtsmodell mit neo-/ordoliberalem Wirtschaftsrahmen hat sich in den 50er- und 60er-Jahren in der BRD bewährt.
Es war disfunktional und ist wesentlich mit Schuld daran, dass wir jetzt hier sind, wo wir sind.

Verfasst: Mi 21. Jan 2009, 20:07
von Palin Waylan-Majere
Original von Kreittmayr

Es war disfunktional und ist wesentlich mit Schuld daran, dass wir jetzt hier sind, wo wir sind.
Für die Weltwirtschaftskrise wird wohl kaum der bundesrepublikanische Sozialstaat verantwortlich sein.

Verfasst: Mi 21. Jan 2009, 20:08
von Kreittmayr
Original von Palin Waylan-Majere
Für die Weltwirtschaftskrise wird wohl kaum der bundesrepublikanische Sozialstaat verantwortlich sein.
Das "jetzt" bezog sich nicht auf die Wirtschaftskrise.