Seite 11 von 16

Verfasst: Di 20. Jan 2009, 22:20
von Montgomery Scott
Original von Konrad Grimm
Komisch - die FAZ hat gestern erst wieder dargelegt, dass gerade die strengere Bankenregulierung - Basel II - die Krise erheblich verschärft hat, weil die Kapitalvorschriften von Basel II faktisch wie ein Stop-Loss-Limit an der Börse wirken: Fallen die Wertpapierkurse, muss unlimitiert verkauft werden, was zu weiteren Kursverfällen führt.
Im Kern ging es ja um ganz bestimmte Regulierungsinstrumente, die den Umgang mit der Kreditvergabe beeinflusst hätten.
Inflationärer Boom, Blasen und drohende Deflation?

Manche Beobachter sagen, dass die damalige Krise teilweise der heutigen ähnelt.

Die Frage ist: Kann der Mensch dazulernen?
Ich denke nicht, dass dieser (durchaus öfter hörbare) Verweis auf rein abstrakte anthropologische Fragestellungen sinnvoll ist. Schließlich hat die Menschheit ja nicht kollektiv die Wirtschaftsgeschichte verdrängt und ein Krisenszenario blind reproduziert. Es gibt doch einen politischen Diskurs um die Maximen der Wirtschaftspolitik. Es gibt doch eine riesige Vielfalt an Konzepten, Meinungen und Ideen, ob die nun aus Parteien oder aus der Sozialwissenschaft kommen. Aber jede Gegenrede gegen den neoliberalen Mainstream gilt in Deutschland eben immer noch als linksextreme Spinnerei.

Verfasst: Di 20. Jan 2009, 22:55
von Konrad Grimm
Wo ist eigentlich das Problem? Der Debitismus ist doch hoch effizient. Schön, irgendwelche fiktiven Vermögenswerte, vulgo: Geld, lösen sich in das auf, was sie vorher schon waren: Luft(schlösser). Die Menschen begreifen zum Glück nicht, dass Geld nur eine Illusion ist, die sie aber nichts desto trotz antreibt, Realwerte zu schaffen. Und die stehen doch, Krise oder nicht. All die Häuser, die gebaut wurden, die Fabriken, die Maschinen. Am Schluß werden die Schulden einfach abgewertet und das Spiel fängt von vorne an. Schuldenkrise? Pah! Ein Strich durch, und fort sind die Schulden.

Natürlich ist diese Welt völlig irre, aber das liegt an der menschlichen Psyche. Mein persönliches wirtschaftliches Ziel bleibt es, irgendwann genug von den lustigen Zahlen auf meinem Konto für einen Landsitz im hoffentlich bis dahin endgültig entvölkerten Ostdeutschland einzutauschen, und mir von dem Moment an diese Tragikkomödie ohne Zwang zum Mitmachen anzuschauen. Das sinnlose Streben, all dieses tägliche, nutzlose schneller-rennen im Laufrad...

Verfasst: Di 20. Jan 2009, 23:02
von Montgomery Scott
Das Problem sind die realen Probleme und Verluste, die der "richtigen" Wirtschaft und dem Steuerzahler dadurch entstehen.

Verfasst: Di 20. Jan 2009, 23:16
von Konrad Grimm
Original von Montgomery Scott
Das Problem sind die realen Probleme und Verluste, die der "richtigen" Wirtschaft und dem Steuerzahler dadurch entstehen.
Welche realen Verluste? Es ist doch nur Geld!

Reale Wirtschaftsgüter sind Boden, Arbeit, Kapital. Ist davon was kaputt gegangen durch diese Krise? Nein! Aber der Weg in die Krise hat dafür gesorgt, dass der Faktor Arbeit recht fleißig war.

Ist Dir aufgefallen, wie locker der Staat im Grunde mit dem Geld umgehen kann? Hier ne Milliarde, da ne Billion... hat er zwar nicht, macht aber nichts, wird eh nie gezahlt, sondern einfach irgendwann gestrichen. Was soll's? Lassen wir's anschreiben.

Geld ist nichts als eine Fiktion. Es steckt nichts dahinter.

Geld basiert auf Kredit. Und das bedeutet nicht grundlos - Glauben.

Verfasst: Di 20. Jan 2009, 23:24
von Montgomery Scott
Original von Konrad Grimm
Welche realen Verluste? Es ist doch nur Geld!

Reale Wirtschaftsgüter sind Boden, Arbeit, Kapital. Ist davon was kaputt gegangen durch diese Krise? Nein! Aber der Weg in die Krise hat dafür gesorgt, dass der Faktor Arbeit recht fleißig war.
Die Kurzarbeit bei deutschen Autoherstellern ist aber ganz real, genauso wie der Nachfrageeinbruch, der sie bedingt. Mal ganz abgesehen von den kleinen Kreditnehmern in den USA, deren Häuser, die man ihnen hinterhergeworfen hat, jetzt von einem auf den anderen Tag zwangsversteigert werden.
Ist Dir aufgefallen, wie locker der Staat im Grunde mit dem Geld umgehen kann? Hier ne Milliarde, da ne Billion... hat er zwar nicht, macht aber nichts, wird eh nie gezahlt, sondern einfach irgendwann gestrichen. Was soll's? Lassen wir's anschreiben.

Geld ist nichts als eine Fiktion. Es steckt nichts dahinter.
In gewisser Weise stimmt das natürlich aber die jetzt verschleuderten Milliarden an Steuergeldern (gerade gelesen: alleine für Hypo Real Estate 42 Milliarden Euro!) werden dem Staat früher oder später als Rechtfertigung für neue Leistungskürzungen dienen.

Verfasst: Di 20. Jan 2009, 23:36
von Konrad Grimm
Original von Montgomery Scott
Die Kurzarbeit bei deutschen Autoherstellern ist aber ganz real, genauso wie der Nachfrageeinbruch, der sie bedingt. Mal ganz abgesehen von den kleinen Kreditnehmern in den USA, deren Häuser, die man ihnen hinterhergeworfen hat, jetzt von einem auf den anderen Tag zwangsversteigert werden.
Natürlich, und wenn die Politik doof ist - bei Steinbrück habe ich diesen Verdacht -, fällt sie selbst auch auf die Geldfiktion rein und glaubt, sie habe es bei Geld mit etwas Realem zu tun. Tatsächlich muss die Politik aber höchstens eines fürchten, nämlich die Aussenwertstabilität ihres Geldes, falls irgendein anderer Währungsraum nicht mitspielt.
Fallen sie nicht drauf rein, dann werden sie diese Krise ganz keynesianistisch lösen. Natürlich muss um jeden Preis vermieden werden, dass die Krise die Gesellschaftsordnung zerstört. Aber das kriegt die Politik durchaus hin.

Außerdem hat das Spiel den kleinen Haken, dass es gelegentlich einen Neustart braucht. Ich weiss nicht, ob der Punkt schon da ist, wo man die Illusion des alten Geldes nicht mehr halten kann und ein neues braucht, weil der Schuldenberg zu groß geworden ist, um ihn schönzurechnen, oder ob wir noch ne Runde weiterspielen können. Wenn aber "game over" auf dem Bildschirm steht, besagen die Spielregeln, dass man das Spiel via "Hyperinflation" beendet und mit der "Währungsreform"-Taste neu startet.

Es sei denn wie gesagt - und davor sollte man durchaus Sorge haben -, die Politik hat vergessen, dass sie sich in einem Spiel befindet und hält das Spiel für die Wirklichkeit.
... werden dem Staat früher oder später als Rechtfertigung für neue Leistungskürzungen dienen.
Was auch zu den Spielregeln gehört. Der Staat muss ja alles tun, um den Glauben an das Geld aufrecht zu erhalten.

Im übrigen führt das Geld das ganze System ad absurdum und sollte wirklich jedem den Glauben an die Marktwirtschaft nehmen. Denn Geld ist unser Wertmaßstab für alles. Doch wie entsteht Geld? Durch Schulden. Nehmen wir eine ganze einfach Volkswirtschaft, in der es nur eine Bank gibt, die zugleich Zentralbank ist. Sie kann nur Geld schaffen, wenn jemand Schulden macht, etwa, indem der Kunde K zu ihr kommt und sein Eigentum am Grundstück G belastet mit der Hypothek H. Und nun aber kommt der Witz: Wie soll die Bank bestimmen, wieviel Geldeinheiten so ein Grundstück wert ist, wenn das Geld an sich doch überhaupt keinen Wert hat?! Die Antwort ist: Sie legt den Wert einfach fest! Und damit ist unsere Marktwirtschaft eigentlich in Wahrheit - eine Planwirtschaft!
Das ganze System ist eine einzige, große Illusion, die nur dazu dient, die Menschen schneller und härter arbeiten zu lassen.

Verfasst: Mi 21. Jan 2009, 09:40
von Michael Schneider
Es geht hier um die Hessenwahl, nicht irgendwelchen Wirtschaftspolitikmumpitz.

Verfasst: Mi 21. Jan 2009, 11:31
von Rafael van der Linden
Original von Montgomery Scott
Es gibt doch eine riesige Vielfalt an Konzepten, Meinungen und Ideen, ob die nun aus Parteien oder aus der Sozialwissenschaft kommen.
Nebenbei auch aus der Biologie, der Ökonomie und der Theologie. ;)
Aber jede Gegenrede gegen den neoliberalen Mainstream gilt in Deutschland eben immer noch als linksextreme Spinnerei.
Ich persönlich argumetiere inzwischen lieber an der Sache, als mit Schlagwörtern.Grundsätzlich gibt es in einer pluralistischen Gesellschaft durchaus auch oft Mainstreams, aber eben nicht nur einen. Auf verschiedenen Gebieten gibt es verschiedene Ansätze und Entwicklungen. Wichtig ist dabei, dass die Debatte offen ist.

Und was ich meist über die "Finanz"krise höre, von Historikern, Theologen, Soziologen, aber auch Ökonomen ist "neoliberal" definitiv nicht der "Mainstream".

Es sei denn, man benutzt, wie viele (nicht alle) Linken, den Begriff "neoliberal" nur als Kampfbegriff, der emotional, aber nicht sachlich argumentiert.

Verfasst: Mi 21. Jan 2009, 12:58
von Montgomery Scott
Original von Rafael van der Linden

Nebenbei auch aus der Biologie, der Ökonomie und der Theologie. ;)
Die Zweitgenannte ist eine Sozialwissenschaft ;)
Ich persönlich argumetiere inzwischen lieber an der Sache, als mit Schlagwörtern.Grundsätzlich gibt es in einer pluralistischen Gesellschaft durchaus auch oft Mainstreams, aber eben nicht nur einen. Auf verschiedenen Gebieten gibt es verschiedene Ansätze und Entwicklungen. Wichtig ist dabei, dass die Debatte offen ist.
Völlig richtig, das versuche ich auch zu beherzigen. Ist sie nur leider oft nicht.
Und was ich meist über die "Finanz"krise höre, von Historikern, Theologen, Soziologen, aber auch Ökonomen ist "neoliberal" definitiv nicht der "Mainstream".

Es sei denn, man benutzt, wie viele (nicht alle) Linken, den Begriff "neoliberal" nur als Kampfbegriff, der emotional, aber nicht sachlich argumentiert.
Naja, von den Sozialwissenschaften und der Wirtschaftshistorik hat der seit Ende der 70er Jahre vorherrschende Mainstream in der Wirtschaftspolitik ja gerade den Namen "Neoliberalismus" bekommen, die Namensübereinstmmung mit der "Schule" aus der ersten Hälfte des 20. Jhds. ist da nur mittelbar relevant. Und dieser Mainstream ist auf politischer Ebene von Thatcher und Reagan bis zu Schröder und Merkel zu verfolgen. Die Funktionswissenschaft VWL ist nun mal in der Rolle, einerseits von diesen politischen Kräften und andererseits von der aus Eigeninteresse in die gleiche Richtung steuernden Wirtschaft gefordert zu sein. Klar gibt es da Stimmen, die erheblich davon abweichen aber die sind eben eine kleine Minderheit. Und es ist anzunehmen, dass diese auch immer weniger Chancen im Wissenschaftsbetrieb haben werden, weil naturgemäß (wie wir hier an der Uni Frankfurt gerade am eigenen Leibe erfahren können) nur ganz ganz wenige Stiftungslehrstühle für kritische Wirtschaftswissenschaft geschaffen werden und die affirmative funktionswissenschaftliche Arbeit nur wenig Raum für das Unproduktive der Kritik lässt.

Verfasst: Mi 21. Jan 2009, 13:00
von Konrad Grimm
Original von Rafael van der Linden
Ich persönlich argumetiere inzwischen lieber an der Sache, als mit Schlagwörtern.Grundsätzlich gibt es in einer pluralistischen Gesellschaft durchaus auch oft Mainstreams, aber eben nicht nur einen.
Ich glaube auch, dass es sogar in der Debatte keinesfalls nur eine Stimme gibt, die zur Krisendeutung herangezogen wird. Die Linksaußen berufen sich auf Karl, die Christdemokraten auf Reinhard Marx "Kapital", die SPD hat Keynes entstaubt (der in Wahrheit den Mainstream darstellt - "we are all Keynesians now!"), die Liberalen pochen etwas trotzig auf Milton Friedmans Monetarismus herum, in den Wirtschaftswissenschaften scheinen mir Leute wie Robert Shiller ("Irrationaler Überschwang") die Oberhand zu haben, und ein paar wenige (etwa Peter Sloterdjiek) empfehlen die Deutung von Gunnar Heinsohn ("Eigentum, Zins und Geld")

Einen neoliberalen Mainstream erkenne ich da nicht.