Problematisch ist die Eintragung eines Staates mit Namen "Afghanistan" in die Atlanten der Schulbuchverlage. Die Drei-Elemente-Lehre spricht ja von Staatsvolk, Staatsgebiet und Staatsgewalt.Original von Djimon Mwanzi
Ich glaube, wir haben eine unterschiedliche Definition des Problems.Während es dieses für dich erst seit 2001 gibt, sehe ich den Zustand davor ebenfalls als problematisch an.
Das es eine einheitliche Staatsgewalt nicht gibt, ist wohl unwidersprochen. Ich kenne mich jetzt nicht sonderlich mit der Innenpolitik der Monarchie und der kurzen Phase der präsowjetischen Republik aus, würde aber stark annehmen, dass auch damals die lokalen Stämme mehr oder weniger ihr eigenes Süppchen gekocht haben. Seit jedenfalls 1979 herrscht in Afghanistan Bürgerkrieg mit wechselnden Koalitionen der einzelnen Warlords und wechselnder Intensität der Einmischung von außen (nicht nur SU und USA, sondern v.a. Pakistan, mithin auch nicht gerade ein stabiles und demokratisches Musterländle, sondern Atommacht mit einflussreichem Geheimdienst, pathologischem Hass gegen Indien und allerlei inneren Problemen mit radikalen Islamisten und/oder putschenden Militärs).
Staatsgebiet? Schwierig, die Grenzen sind von verschiedener Seite angezweifelt, insbesondere die Demarkationslinie zu Pakistan (Durand-Linie) quer durch paschtunisches Gebiet.
Staatsvolk? Die wichtigste Gruppe sind wohl die Paschtunen. Doch die sind weder als monolithischer Block zu verstehen, sondern unterscheiden sich auch noch in die diversen Stämme oder Clans. Noch dazu kommt wie gesagt der Fakt, dass ein Großteil der Paschtunen außerhalb des eigentlichen Staatsgebietes wohnt - eben dort, wo auch die Taliban entstanden sind, in Pakistan.
Zu den Paschtunen gesellen sich noch eine ganze Reihe von Minderheiten, die meisten davon haben außerhalb der "Grenzen" Afghanistans ein Rückzugsgebiet bzw. eine Art Schutzmacht. Da gibt es Usbeken mit ihrem General Dostum, Tadschiken (Ahmad Schah Massoud, am 9. September 2001 ermordet), und die persischsprachigen, schiitischen Hasara.
All diese Gruppen und diverse Untergruppen bekämpfen sich dort seit Jahren und Jahrzehnten, Bündnisse halten meist nicht sehr lange. Auch das, was uns in der hiesigen Presse stets als "Taliban" verkauft wird, muss nicht immer der radikale Fundamentalist und loyale Anhänger Mullah Omars aus der Madrasa sein, sondern ist zunächst einmal ein Aufständischer gegen die NATO-Truppen und die Regierung Karsai. Ein solcher Vertreter wäre Gulbuddin Hekmatyar mit seiner Hezb-e Islami, der sich zwar mit den Taliban verbündet hat, aber kein Teil der Taliban ist.
Wobei es aus westlicher Sicht fraglich ist, welcher dieser ganzen Dschihadgruppen jetzt die "bessere" ist. Den einzelnen Warlords kann man kaum unterstellen, sie hätten ein modernes Frauenbild oder hätten etwas für Formen der demokratischen Partizipation übrig.
Was das alles jetzt mit Verschwörungstheorien zu tun haben soll, ist mir schleierhaft, ich halte es jedenfalls für keine besonders souveräne Argumentation.
Der Einfluss diverser ausländischer Geheimdienste, Geldgeber, Ideologien (saudische Wahhabiten) und Waffenhändler ist ja wohl kaum zu bestreiten. Wobei letzteren wohl ziemlich egal sein wird, wer da gerade wen abschlachtet, Hauptsache er kann seine Produkte vermarkten. In diesem Zusammenhang verweise ich auf die steigenden deutschen Rüstungsexporte, auch in Krisengebiete und Regionen mit schlechter Menschenrechtslage - dabei ist das noch der Bericht von 2008. Ob von den Produzenten gewollt oder nicht - Waffen aus deutschen Fabriken werden benutzt, um auf deutsche Soldaten zu schießen.



