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Verfasst: Do 18. Mär 2010, 11:19
von Melissa Adelaide
Original von Bernardo Macaluso
Die deutsche Facharbeiterausbildung ist international beispiellos und insbesondere Stütze des starken deutschen Außenhandels. Darüber hinaus sehe ich nicht ganz, was Du damit sagen willst. Alles wäre besser, wenn Facharbeiter wie ungelernte Hilfsarbeiter bezahlt würden?

Man könnte dem "Kapitalgeber" sein Kapital auch einfach abnehmen. Daran soll es nicht scheitern. Er hat es einzig und allein deshalb, weil der Laden schon seit vielen hundert Jahren schon so läuft, wie er läuft. Sorry für diese Polemik aber ich reagiere sehr unwirsch auf Rhetorik a la "Wir müssen die Gehälter der Arbeiter kürzen, damit die Unternehmer wieder mehr Anreize zur Investition haben". Diese Maxime ist eine self-fulfilling prophecy. Weiter sehe ich auch keine wirkliche Verbindung zur bisherigen Diskussion.

Nun gut, unser Sozialstaat ist ein bürokratisches Monstrum, seit Hartz IV im Übrigen weit mehr als vorher. Das kann man entschlacken, weniger Drangsalierung von Arbeitslosen, keine Maßnahmen mehr, bei denen man konrolliert, dass auch ja alle 100 Arbeitslosen sich auf die eine freie Stelle bewerben, dann hat man schon einen guten Teil der Bürokratie überflüssig gemacht.

Das ist eine triviale Feststellung. Die Frage ist, was das zur Folge hätte. Die Geringverdiener würden nämlich nur sehr gering davon profitieren. Bahnbrechend wäre das nur für die oberen 10.000.
Ich sage ja nichts gegen eine gründliche Qualifikation in anspuchs- und verantwortungsvollen Berufen. Da du den deutschen Export ansprichst etwa in der Fertigung von High-Tech-Produkten. Für unsinnig und überflüssig empfinde ich die bestehenden Ausbildungen in nahezu allen Dienstleistungs- und vielen Handwerksberufen. Deren einziger Effekt ist tatsächlich nur, dass der Auszubildende nach kurzer Einarbeitung bereits normale Produktivität erreicht aber unangemessen schlecht bezahlt wird. Nach Erwerb seines Facharbeiterbriefes wird er dann nicht übernommen, weil man ihn nun ja tariflich entlohnen müsste. Lieber stellt man einen neuen Auszubildenden ein, der nach kurzer Einarbeitung wiederum voll produktiv ist aber mit dem Segen von Staat und Gewerkschaft unter dem Existenzminimum entlohnt werden kann. Ich bin schlicht für eine Entlohnung nach Produktivität, nicht nach irgendwelchen Zeugnissen oder Urkunden. Wer will kann sich meinetwegen von irgendwem irgendwelche Fähigkeiten bescheinigen lassen, leistet er schlechtere Arbeit als jemand ohne diese Bescheinungen, ist es trotzdem gerecht wenn er weniger Geld verdient als dieser.

Dein Ruf nach einer Enteignung der Kapitalgeber ist weniger polemisch als klischeebehaftet. Zunächst einmal sind viele Kapitalgeber nicht Erben, sondern Kreditnehmer. Menschen, die eine Idee haben mit welcher Ware oder Dienstleistung sie Geld verdienen können und dafür das Risiko auf sich nehmen, sich das notwendige Startkapital zu leihen. Scheitert die Unternehmung, verlieren seine Arbeitnehmer nur ihren Arbeitsplatz, werden aber vom Wohlfahrtsstaat komfortabel aufgefangen und können sich einfach neue Anstellungen suchen. Der Unternehmer selbst hingegen ist persönlich ruiniert.

Wenn mir eine Gegenpolemik erlaubt ist: es könnten auch einfach alle Kapitalgeber die Brocken hinwerfen, in die Gewerkschaft eintreten und für Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung streiken. Wo wäre das Land dann?

Die Hartz-Reformen halte ich sämtlich für unbrauchbar. Es sind nur Schönheitskorrekturen an einem längst kollabierenden System. Eine Gesellschaft kann nicht auf der Basis funktionieren, dass eine Minderheit arbeitet um einer Mehrheit deren Lebensunterhalt zu finanzieren.

Und eine drastische Senkung der Steuer- und Abgabenquote würde vielleicht den 10.000 wohlhabendsten Bürgern eine Mehrung ihres Überflusses bringen. Dafür aber Millionen anderen endlich eine eigene wirtschaftliche Existenz. Jeder Mensch hat das Recht, von seiner Arbeit leben zu können. Niemand hat das Recht, von anderen ausgehalten zu werden.

Verfasst: Do 18. Mär 2010, 11:46
von Bernardo Macaluso
Original von Melissa Adelaide

Ich sage ja nichts gegen eine gründliche Qualifikation in anspuchs- und verantwortungsvollen Berufen. Da du den deutschen Export ansprichst etwa in der Fertigung von High-Tech-Produkten. Für unsinnig und überflüssig empfinde ich die bestehenden Ausbildungen in nahezu allen Dienstleistungs- und vielen Handwerksberufen. Deren einziger Effekt ist tatsächlich nur, dass der Auszubildende nach kurzer Einarbeitung bereits normale Produktivität erreicht aber unangemessen schlecht bezahlt wird. Nach Erwerb seines Facharbeiterbriefes wird er dann nicht übernommen, weil man ihn nun ja tariflich entlohnen müsste. Lieber stellt man einen neuen Auszubildenden ein, der nach kurzer Einarbeitung wiederum voll produktiv ist aber mit dem Segen von Staat und Gewerkschaft unter dem Existenzminimum entlohnt werden kann. Ich bin schlicht für eine Entlohnung nach Produktivität, nicht nach irgendwelchen Zeugnissen oder Urkunden. Wer will kann sich meinetwegen von irgendwem irgendwelche Fähigkeiten bescheinigen lassen, leistet er schlechtere Arbeit als jemand ohne diese Bescheinungen, ist es trotzdem gerecht wenn er weniger Geld verdient als dieser.
Das ist ja durchaus ein interessanter Punkt aber diese Segmentierung ist nicht zu vermeiden. Sie ist jedem Markt in irgendeiner Weise eigen, weil sie ein Mittel zur Komplexitätsreduktion ist. Kein Marktteilnehmer kommt ohne Marktsegmentierung zurecht und in einem solchen sozialen System geschieht sie "von alleine". Zum konkreten Problem: Bezahlung nach Produktivität ist ja eine urmarxistische und sehr antikapitalistische Forderung, insofern hast Du mich auf Deiner Seite ;) Wenn wir über Personen reden, die tatsächlich eindeutig über ihrer Produktivität entlohnt werden, müssen wir eher in die Vorstandsetagen der Finanzwirtschaft schauen. Im Bereich handwerklicher und Facharbeiter-Tätigkeiten ist das Problem eher, dass immer mehr Menschen zu niedrig entlohnt werden, was eben von der Politik mit dem "Aufstocken" oder der Förderung von Zeitarbeit gezielt gefördert wird. Es ist absurd, davon auszugehen, dass ein Arbeiter in der deutschen Industrie in den 70er Jahren ein ein kleinbürgerliches Familiengehalt erarbeitet hat und das heute nicht mehr der Fall sein sollte. Durch den technischen Fortschritt hat sich die Produktivität pro Arbeiter enorm erhöht. Würde jeder Arbeiter nach Produktivität bezahlt, hätten wir überhaupt kein Problem. Das Problem besteht tatsächlich darin, dass der Arbeitsmarkt eine veränderte Segmentierung aufweist, da unter tatkräftiger Mitwirkung der deutschen Sozialdemokratie ein großer Niedriglohnsektor entstanden ist, in dem Menschen Tätigkeiten zu weit niedrigeren Stundenlöhnen verrichten als in vergangenen Jahrzehnten. Das kommt den Arbeitgebern bezüglich ihres Geldbeutels natürlich entgegen und die Unternehmer, die zu fairen Löhnen arbeiten lassen, sind nicht mehr wettbewerbsfähig.
Dein Ruf nach einer Enteignung der Kapitalgeber ist weniger polemisch als klischeebehaftet. Zunächst einmal sind viele Kapitalgeber nicht Erben, sondern Kreditnehmer. Menschen, die eine Idee haben mit welcher Ware oder Dienstleistung sie Geld verdienen können und dafür das Risiko auf sich nehmen, sich das notwendige Startkapital zu leihen. Scheitert die Unternehmung, verlieren seine Arbeitnehmer nur ihren Arbeitsplatz, werden aber vom Wohlfahrtsstaat komfortabel aufgefangen und können sich einfach neue Anstellungen suchen. Der Unternehmer selbst hingegen ist persönlich ruiniert.
Nun ja, die deutliche Mehrheit der deutschen Arbeitgeber nehmen sicher keine Mikrokredite in Anspruch. Wir reden natürlich von sehr unterschiedlicehn Biographien aber die extreme Trennung zwischen Arbeit und Kapital ist eben historisch dadurch bedingt, dass das System diesen Zustand manifestiert.
Wenn mir eine Gegenpolemik erlaubt ist: es könnten auch einfach alle Kapitalgeber die Brocken hinwerfen, in die Gewerkschaft eintreten und für Lohnerhöhung und Arbeitszeitverkürzung streiken. Wo wäre das Land dann?
Dass ein Unternehmer nach der Vermehrung seines Kapitals strebt, ist an sich kein respektabler Verdienst für die Gesellschaft. Würde er seine Unternehmung samt seines Kapitals in so etwas wie eine Genossenschaft umwandeln und dieser etwa als Berater oder Manager dienen (oder gerne auch in der Fabrikhalle die Ärmel hochkrempeln), würde das unserem Land sicher nicht ganz schlecht tun.
Die Hartz-Reformen halte ich sämtlich für unbrauchbar. Es sind nur Schönheitskorrekturen an einem längst kollabierenden System. Eine Gesellschaft kann nicht auf der Basis funktionieren, dass eine Minderheit arbeitet um einer Mehrheit deren Lebensunterhalt zu finanzieren.
Die Leute, deren Lebensunterhalt von der arbeitenden Bevölkerung finanziert wird, findet man eher auf den Spenderlisten der FDP und das ist eine kleine Minderheit ;)
Und eine drastische Senkung der Steuer- und Abgabenquote würde vielleicht den 10.000 wohlhabendsten Bürgern eine Mehrung ihres Überflusses bringen. Dafür aber Millionen anderen endlich eine eigene wirtschaftliche Existenz.
Die Rechnung möchte ich mal sehen. Zuallererst muss man doch berücksichtigen, dass die Arbeitslosenversicherung nicht nur eine Obsession von grauhaarigen DGB-Funktionären ist sondern gegen ein Risiko absichert, das fast ausschließlich Arbeitnehmer tragen. Der "Kapitalist" benötigt keine Arbeitslosenversicherung, für Millionen von Arbeitnehmern ist sich unverzichtbar. Wir reden hier von keiner Senkung der Steuer- und Abgabenquote, die man einfach mal so testweise vollziehen könnte. Da hängen Grundbedürfnisse der Bevölkerung dran.
Jeder Mensch hat das Recht, von seiner Arbeit leben zu können. Niemand hat das Recht, von anderen ausgehalten zu werden.
Da möchte ich widersprechen. Eine zentrale kulturelle Errungenschaft ist doch, dass jemand, der sich nicht selbst versorgen kann, damit rechnen kann, von den anderen ausgehalten zu werden. In archaischen Gesellschaften von der Familie, in der modernen Gesellschaft von der Solidargemeinschaft. Der sozialdemokratisch geprägte Staat hatte die Besonderheit, dass auch das Kapital an dieser Leistung beteiligt wurde. In den letzten zehn Jahren geht der Trend aber wieder in eine Richtung, die beschönigend "Eigenverantwortung" genannt wird.

Verfasst: Fr 19. Mär 2010, 21:14
von Felipe Gutierrez
Das läuft doch in der Regel in Phasen ab. Eine Zeit lang hält sich der Staat großteils aus der Realwirtschaft heraus. Die Wirtschaft brummt, es gibt Arbeit, mal mehr und mal weniger gut bezahlt.
Dann erhöhen sich Lebensstandard und (zunächst paradox erscheinender weise) damit auch die Ansprüche an den Sozialstaat und wohlfahrtsstaatliche Verteilungen.
Das Wirtschaftsleben wird korporatistischer, Gewerkschafts- und Konzernkartelle bilden sich heraus. Die Verteilungskämpfe werden dann mehr und mehr auf politischem Weg ausgetragen und nicht mehr über den Wettbewerb. Verhandlungen, gegenseitige Abkommen, Interessenspolitik und politische Zuteilungen bestimmen die Art und Weise staatlicher Interventionen in die wirtschaftlichen Abläufe.
Die Wirtschaft zehrt mehr und mehr vom Erfolg vergangener Tage. Entweder gelingen Reformen oder halt nicht. Dafür gibt es erfahrungsgemäß gewisse Zeitfenster, zu denen aber auch die Rahmenbedingungen und die Akteure stimmen müssen.
Um so länger Änderungen aufgeschoben werden, umso deutlicher werden die Veränderungen die auf die einer oder andere Art zwangsläufig kommen.

Was lernen wir daraus? Nicht viel, das Prinzip gibt es wohl schon seit es Gesellschaften gibt.

Leb Dein Leben so, wie Gott, Staat und Du es wollen. Und die CDU wirds schon richten. Die sind immer MitteNdrin, Staat nur dabei.