Ich gehöre mit meinen 33 Jahren wohl schon zu den etwas älteren Semestern hier, und zähle daher vielleicht nicht unbedingt zur engeren Vergleichsgruppe.
Aber möglicherweise kann ich dennoch den einen oder anderen "Auslandsmuffel" vom Selbstmord wegen angeblich fehlender Berufsaussichten abhalten, indem ich berichte, dass ich weder während meiner Schulzeit (1985 - 1989 Grundschule, 1989 - 1998 Gynmasium) noch während meines Studiums (WS 1998/99 - WS 2002/03, einschließlich Examenssemester) jemals einen ausländischen Unterrichtsraum, Hörsaal oder irgendwas in der Art von innen gesehen habe.
Angebote gab es natürlich: über die Schule in verschiedenen Jahrgangsstufen jeweils mehrere Wochen etwa in Großbritannien, Dänemark oder Schweden. Über externe Anbieter in der Oberstufe dann jeweils ein Schuljahr in den USA, Kanada, Australien o. ä.
Hat mich alles nie gereizt. Ich hatte mein gemütlich eingerichtetes Zimmer im elterlichen Haus, meinen Freundeskreis, und die Ostsee vor der Haustür (ich komme ursprünglich von schleswig-holsteinischen Ostküste). Wozu all das verlassen?
Hätte man mich damals gefragt, was ein "Bologna-Prozess" ist, so hätte ich vermutlich auf irgendein mathematisches oder physikalisches Verfahren getippt. Als Reform des Bildungssystems spielte der Begriff jedenfalls noch keine Rolle im öffentlichen Bewusstsein.
Meine einzigen Praktika waren einmal zwei Wochen in einer ortsnahen Rechtsanwaltskanzlei als Schülerpraktikantin in der 10. Klasse, weil der Lehrplan es so wollte, und noch mal sechs Wochen in der gleichen Rechtsanwaltskanzlei während meines Studiums in der vorlesungsfreien Zeit, weil die Studien- und Prüfungsordnung es so wollte. Überhaupt haben Praktika mich nie sonderlich interessiert, erst recht nicht solche im Ausland.
Die Möglichkeit, eine Station meines Referendariats im Ausland zu absolvieren hätte theoretisch durchaus bestanden, hat mich aber auch nicht interessiert. Ich habe meine Energie lieber darauf verwendet, mir für die Verwaltungs-, Rechtsanwalts- und Wahlstation Ausbildungsorte in der Nähe meiner Wohnung am bisherigen Studienort zu suchen, und darum zu beten, auch für die Zivil- und Strafrechtsstation günstig gelegene Ausbildungsorte zugeteilt zu bekommen (was übrigens alles jeweils geklappt hat

).
Einen Ferien- oder Überbrückungsjob im Ausland hatte ich ebenfalls nie. Gejobbt habe ich während meiner Schulzeit und meines Studiums zwar, aber stets wohnortnah und parallel zu meiner Ausbildung in Deutschland, und auch nur des Geldes wegen, ohne Bezug zu meinem Studium bzw. meinen Berufsplänen.
Ist trotz dieser heutzutage vermeintlich "tödlichen" Einstellung und entsprechendem Lebenslauf (absolut null Interesse an Auslandssemestern, Auslandspraktika, oder studiumsbezogenen Ferienjobs im Ausland, wie übrigens ja auch an Praktika oder studiumsbezogenen Neben-/Ferienjobs im Inland) etwas aus mir geworden?
Beurteilt es selbst: ich bin Richterin am Landgericht.