Mal Ordnung reinbringen:
1. "Müsste man, wenn man Stirner gelesen und ihn eigentlich für plausibel hält, alle anderen Philosophen vergessen und die Philosophie allgemein?"
2. "Kann man wirklich ohne Ideologie, ohne gedankliche Konstrukte, ohne objektive Werte, ohne Normen bzw. Ideale und höheren Sinn leben, ohne durchzudrehen?"
Die Antworten in kürze:
zu 1: Nein.
zu 2: Ja.
Die Antworten in der Langfassung:
zu 1:
Generell: Ich möchte grade das "man" vermeiden, weil ich nicht weiß, wie es "man" so nach der Lektüre Stirners oder generell in der Gedankenwelt geht, in die Du da grade eintauchst. Ich bleibe beim ich (und verzichte dabei auf die Stirner'sche Schreibweise).
Ich meine, dass sich lediglich das Verständnis der Philosophie wandelt. Stirner sagt: "Müssen Wir etwa, weil die Freiheit als ein christliches Ideal sich verrät, sie aufgeben? Nein, nichts soll verloren gehen, auch die Freiheit nicht; aber sie soll unser eigen werden, und das kann sie in der Form der Freiheit nicht." (S. 173 des "Einzigen" in der Reclam-Ausgabe von 1972)
Ich meine, die Philosophen und ihre klugen Einsichten sind oft nützlich. Sie liefern aber eben nicht mehr als - Weisheiten, keine Heilslehren mehr. Das gilt wahrscheinlich sogar für alle Philosophen. Sogar Kant hat das eine oder andere Kluge gesagt. Ich finde zum Beispiel, dass die Lehre der zwei Ewigkeiten im Bezug auf den Tod etwas sehr beruhigendes hat.
Es spricht nichts dagegen, die Philosophie zu benutzen, sie Dir eigen zu machen, das sagt auch Stirner, wenn auch nicht über die Philosophie, sondern abstrakter über alles. Nur geht sie Dir nicht über Dich. Insofern kann sie auch keinen Sinn stiften. Aber sie kann Dir eben nützliche Einsichten liefern.
zu 2:
Hier möchte ich nun genau mit einem Philosophen meine Antwort beginnen. Albert Camus, einer der Vordenker des Existenzialismus, beginnt seinen - alles in allem leider recht langweiliges - "Mythos des Sisyphos" mit genau der Frage: Wenn alles sinnlos ist, was spricht dann eigentlich dagegen, sich umzubringen? Camus selbst, soviel sei vorweggenommen, liefert keine überzeugende Antwort. Er ruft das "heilige Trotzdem" aus, die fortwährende Revolution gegen das Absurde. Ich muss in diesem Zusammenhang oft an den Buchtitel - nicht den Inhalt - des Werks einer anderen Philosophin denken - "Vom Leben unbesiegt". Ich kann nur sagen: Einfach TROTZDEM weiterzumachen befriedigt mich nicht.
Bei Stirner heisst die Antwort denn auch eigentlich anders. Stirner meint ja im Grunde, wir bräuchten all das nicht. Er scheint recht zu haben, denn wir Menschen sind doch recht wahrscheinlich die einzige Tierart, die all diese Hirngespinste zu brauchen glaubt. Meine Theorie ist sogar, dass wir evolutionär bedingt alle geisteskrank sind. Was meine ich damit? Die Evolution hat unser Gehirn in seiner heutigen, hoch leistungsfähigen Form hervorgebracht. Es war in dieser Form zweifellos höchst nützlich im survival of the fittest. Zugleich aber sind wir nicht fähig, mit diesem Gehirn umzugehen. Wir missbrauchen es. Wo es eigentlich nur Werkzeug ist, versuchen wir, Normen und Ideale aus ihm herauszuberechnen. Das kann unser Gehirn nicht, aber weil wir homo sapiens sind, verlangen wir es von unserem Gehirn - heraus kommen all die Besessenheiten. Reinigen wir uns von den Besessenheiten, so bleibt unsere Eigenheit. Wie gesagt, es ist recht plausibel anzunehmen, dass wir die Besessenheiten nicht bräuchten, weil die anderen Tierarten auch nicht besessen sind. "Kein Schaf, kein Hund bemüht sich, ein »rechtes Schaf, ein rechter Hund« zu werden; keinem Tier erscheint sein Wesen als eine Aufgabe, d.h. als ein Begriff, den es zu realisieren habe. Es realisiert sich, indem es sich auslebt, d.h. auflöst, vergeht." (S. 372) Aber, und dann kommt gleich der Einwand: "Will Ich Euch raten, den Tieren zu gleichen? Dass Ihr Tiere werden sollt, dazu kann Ich wahrlich nicht ermuntern, da dies wieder eine Aufgabe, ein Ideal wäre (»Im Fleiss kann Dich die Biene meistern«). Auch wäre es dasselbe, als wünschte man den Tieren, dass sie Menschen werden."
Trotzdem geht Stirner m.M.n. davon aus, dass wir auch ohne Ideale wissen, was wir tun "sollen" - nämlich dass wir wissen, was wir WOLLEN. Die von ihm angesprochenen Dinge, nach denen der Eigner strebt - ein bequemes Bett, köstliche Speisen, Liebe etc. - gehen alle in diese Richtung.
Da ist auch was dran. Jedenfalls letzteres hat meiner Erfahrung nach auch wirklich die Kraft, die innere Leere zu füllen, den Wunsch nach Sinn zu befriedigen. Im Sinne der Toten Hosen: "Es gibt nicht viel, auf dieser Welt, woran man sich halten kann, manche sagen die Liebe, vielleicht ist da was dran." Ganz in diesem Sinne antwortet etwa auch Camus an anderer Stelle, nämlich in "Die Pest", wo er zu dem Schluß kommt, der Mensch müsse sich auf das konzentrieren, was wirklich ist. Solidarität und Liebe zu seinen Mitmenschen. Wobei das Abgleiten in eine "heilige Liebe" eine latente Gefahr darstellt. Von der mitschwingenden christlichen Nächstenliebe ganz zu schweigen.
Kann man als Mensch leben, ohne Normen und Sinn? Ja. Doch was, wenn man das Bedürfnis hat, den tiefen Wunsch nach Sinn, nach Orientierung, wenn man die gewaltige Leere spürt, die einen umfängt, wenn man den Vorhang gelüftet hat und hinter die Kulissen schaut? Ich weiss es nicht. Ich glaube, das, was in mir diese Frage stellt, das ist der maßlos enttäuschte Idealist, der nicht tot zu kriegen ist. Der Einser im Enneagramm. Der sich in den zornigen Zynismus flüchtet, weil die Welt so gar nicht ist, wie er sie gerne hätte. Der interessanterweise doch oft das "heilige Trotzdem" in sich spürt, den Drang, aufrecht stehen zu bleiben wenn der Sturm ringsum tobt, das Gesicht hoch erhoben dem Schicksal die Stirn bietend. Mag da kommen was will, ich bin stärker, mag auch alles zusammenbrechen, ich bleibe stehen. Der Fels, der in tosender Brandung unbewegt bleibt (man beachte hier, siehe Frage 1, die Parallelen zur Stoa) "Wenn die Welt untergeht, dann fällt sie den Unerschrockenen auf den Kopf". Vom Leben unbesiegt...
Auf die Frage "warum sich nicht umbringen" kann ich Dir eine klare Antwort geben: Weil der Tod genauso sinnlos ist wie das Leben.
Aber auf die Frage, wie das Leben so ist, wenn man alles zum radikalen Ende gedacht hat?
Halil Ibrahim Türkdogan, der sich viele Jahre mit Stirner befasst hat, deutet auf Parallelen zum Gilgamesch-Epos:
"Als Gilgamesch den Tod seines Freundes Enkidu erlebte, begegnete er zum ersten Mal dem Nichts. Er schaute ihm ins Gesicht und fiel in den Abgrund des Seins; einen Abgrund, in dem der Mensch zum Freisein verurteilt war. Mit einem Schlag wurde ihm bewusst, dass er in die Weltkontingenz hineingeworfen worden war. Denn zum ersten Mal verstand der Mensch, dass er ohne Götter leben muss. Er verlor die Angst vor den Göttern. Das bedeutete Freiheit, was so viel heißt wie Tragik des Lebens. Aber auch: Genießen des Augenblicks, Freude am Dasein, an der Tätigkeit des Körperlichen wie des Geistigen."
So ist es wohl. Die Einstellung zu allem ändert sich. Es ist das Gefühl nie gekannter Größe, Schicksal, Eigenverantwortung in allerletzter Bedeutung. Aber das verlangt oft viel Stärke.
Es tut mir leid, wenn meinen Ausführungen die Struktur fehlt. Ich habe es zum ersten Mal versucht, meine Gedanken in dieser Form niederzulegen. Ich hoffe, es war trotzdem verständlich.
Zuletzt geändert von Anonymous am Do 18. Sep 2008, 12:19, insgesamt 1-mal geändert.