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Registriert: Sa 5. Sep 2026, 14:59
Das Haus am Markt war zu dieser Stunde beinahe menschenleer, in den unteren Stockwerken - der Verwaltung - haben die Mitarbeiter längst Feierabend gemacht. Nur vereinzelt brannten noch summende Leuchtstoffröhren. Eines dieser Zimmer war das Zimmer 214, zu welchem die Tür weit offen stand.

Matthias hatte seinen Mantel über die Lehne eines Stuhls gelegt und war beschäftigt damit, einige Aktenmappen auf dem langen Sitzungstisch zu verteilen. auf dem Deckblatt jeder Mappe stand:

Kommission für Verwaltungsüberleitung und Wiederaufbau
- VERTRAULICH -

Offiziell hatte jene Kommission einen ausgesprochen bürokratischen und technischen Auftrag. Sie sollte die Zuständigkeiten zwischen den noch bestehenden Behörden ordnen, die Rückführung der Verwaltung nach dem severanischen Abzug in Freistein begleiten und Vorschläge für den Wiederaufbau des Staatsapparates erarbeiten. Nun, nichts davon war falsch: es war nur nicht die ganze Antwort.

Seit dem letzten vertraulichen Treffen in Mixoxa war Varenholt endgültig überzeugt, dass die Frage längst nicht mehr lautete, wieviel von der alten Ordnung noch zu retten war. „Man muss sich Gedanken machen, was danach kommt.“ denkt er sich.

Ratelon war Geschichte - man konnte es nicht einfach durch ein paar neue Minister wiederherstellen lassen. Manuri war verloren, mehrere ehemalige Länder gingen eigene Wege, Freistein kehrte gerade erst aus der Besatzung zurück und die verbliebenen Behörden arbeiten nur deshalb weiter, weil niemand gewagt hat, den Stecker zu ziehen.

Der Herr blickt auf die Uhr und tippt auf dem Tisch herum. Vor ihm war sein Notizblock, auf dem nur vier Punkte standen:

Verwaltung, Staatsgebiet, Verfassung, Übergang

Daneben hatte er mit Bleistift vor Monaten einen fünften geschrieben und zweimal durchgestrichen.

Name.

Darüber würde man später sprechen müssen. Er nahm am Kopfende des Tisches Platz, zog eine weitere Mappe zu sich und wartete auf die übrigen Mitglieder. Wer heute hier ankommt, wird - zumindest offiziell - über Behördenzuständigkeiten beraten... „und inoffiziell darüber entscheiden, ob aus dem Trümmern der Demokratischen Union noch einmal ein gemeinsamer Staat entstehen konnte“ murmelt er vor sich hin.

Die ersten Schritte im Flur waren zu hören und Varenholt schob den Notizblock einen kleinen Stück weg.

Meine Damen und Herren. Ich schlage vor, wir verschwenden keine Zeit darüber, wie wir die alte Ordnung wiederherstellen. Wir sollten darüber sprechen, ob wir sie noch wollen.
 

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Die Reaktion blieb zunächst verhalten. Niemand hatte ernsthaft geglaubt, dass es an diesem Abend nur um Behördenzuständigkeiten gehen würde, aber Varenholt hatte die eigentliche Frage früher ausgesprochen als erwartet.

Nach und nach füllte sich Zimmer 214. Die Tür wurde geschlossen, die Mappen geöffnet und die Sitzung begann zunächst nüchtern. Man sprach über doppelte Behörden, alte Unionszuständigkeiten und freisteinische Verwaltungsstrukturen. Schnell zeigte sich jedoch, dass jede technische Lösung dieselbe politische Frage berührte: Wem sollte dieser Staatsapparat künftig überhaupt unterstehen?


Varenholt strich schließlich „Verwaltung“ auf seinem Notizblock durch.

„Wir können noch Monate Zuständigkeiten verschieben. Irgendwann müssen wir trotzdem entscheiden, was dieser Staat eigentlich sein soll.“

Eine Wiederherstellung Ratelons fand kaum Unterstützung. Ebenso wenig überzeugte die Vorstellung, Imperia-Freistein dauerhaft als bloßes Provisorium weiterzuführen. Umstritten blieb vor allem, ob Imperia und Freistein wieder Gliedstaaten werden oder in einem gemeinsamen Staat aufgehen sollten.

Varenholt legte den Stift zur Seite.

„Vielleicht müssen wir das heute gar nicht entscheiden.“

Die Kommission besaß weder das Mandat noch die demokratische Legitimation, selbst eine neue Verfassung zu schaffen. Stattdessen sollte sie den Weg zu einer verfassunggebenden Versammlung vorbereiten.


Varenholt schrieb einen neuen Punkt auf seinen Block:

Verfassunggebende Versammlung

Sie sollte später über Staatsform, territoriale Ordnung, Regierung, Hauptstadt und auch über den Namen entscheiden...

Als die Sitzung nach Mitternacht endete, war noch nichts beschlossen, was einen neuen Staat geschaffen hätte. Aber erstmals gab es zumindest einen Weg aus dem Provisorium.

Varenholt blieb allein zurück, sah noch einmal auf den durchgestrichenen Punkt „Name“ und schrieb daneben nur:

Später

Danach verließ er das Gebäude.
 

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Die Beratungen in Zimmer 214 waren in den folgenden Tagen nicht folgenlos geblieben. Varenholt hatte die Ergebnisse der Kommission noch am Abend zusammengefasst und der kommisarischen Unionsregierung übermittelt. Aus der ursprünglich technischen Frage der Verwaltungsüberleitung war endgültig eine politische geworden: Diese Übergangsordnung konnte nicht auf Dauer bestehen!

In den darauffolgenden Tagen fanden Gespräche zwischen der Unionsregierung, Vertretern der noch bestehenden politischen Kräfte, der Verwaltung sowie Vertretern Imperias und Freisteins statt. Über die endgültige Staatsordnung bestand weiterhin - natürlich - keine Einigkeit. Einigkeit bestand jedoch darin, dass diese Entscheidung nicht länger allein bei einer kommisarischen Regierung liegen konnte.

Am Vormittag des 11. September verkündete die kommisarischen Unionsregierung daher eine vorläufige Übergangsordnung. Sie sah die unverzügliche Einberufung einer verfassunggebenden Nationalversammlung vor. Bis zu freien regulären Wahlen sollten in ihr Vertreter der bestehenden politischen Gruppierungen, der beiden Landesteile und der Zivilgesellschaft zusammenkommen.

Die Versammlung erhielt das Recht, Übergangsgesetze zu beschließen, die kommisarischen Unionsregierung zu kontrollieren und vor allem eine neue Verfassung auszuarbeiten. Über Staatsform, territoriale Ordnung, Hauptstadt und Staatsnamen sollte ausdrücklich erst dort entschieden werden.

Mit der Konstituierung der Nationalversammlung sollten zugleich die letzten politischen Funktionen der früheren Unionsorgane enden. Die Regierung Schröer würde ihre Geschäfte bis zur Bildung einer neuen Regierung lediglich kommissarisch weiterführen.

Noch am selben Nachmittag wurden die ersten Abgeordneten und Delegierten nach Naverna geladen.

Varenholt hielt die kurze Mitteilung über die Einberufung einige Augenblicke in der Hand, bevor er sie auf den Tisch legte.

„Dann liegt es jetzt nicht mehr bei uns.“

Zum ersten Mal seit dem Friedensschluss sollte wieder eine Volksvertretung zusammentreten.
 

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